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Ausgabe September 2008
Kommunikation lernen


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Hinter unserer Kommunikationsfähigkeit verbirgt sich mehr als die Möglichkeit, Informationen auszutauschen. Haidrun Schäfer sieht wahre Kommunikation als richtigen Weg zur Selbsterkenntnis.

Jeder Mensch hat das Bedürfnis nach Entwicklung. In den ersten Jahren des Lebens werden die körperlichen Funktionen ausgebildet, später nach und nach die geistigen, bis der Mensch eine Persönlichkeit aufgebaut hat, die ihn befähigt, einen weiteren Schritt zu tun: Er tritt in Kontakt mit seinem Gegenüber und öffnet sich für eine andere Persönlichkeit. Erst die Entwicklung einer Persönlichkeit befähigt den Menschen, Kommunikation in ihren ganzen Möglichkeiten auszuschöpfen und über das Niveau von Mitteilungscharakter oder Informationsaustausch hinaus zu gelangen. Die Grundvoraussetzung für Kommunikation ist, dass ich mich selber kenne und dass ich um meine Sehnsüchte weiß: Welche Art von Erfahrungen möchte ich machen oder in welche Lebensprozesse möchte ich mich begeben? Wenn wir uns auf unsere Wünsche einlassen, können wie die Prozesse erfahren, die für unseren Weg der Erkenntnis nötig sind. Kommunikation kann Impulse und Anregungen geben, wie Sehnsüchte besser erkannt und gelebt werden können.
Das Geheimnis von Kommunikation liegt in der Wahrnehmung der Bedürfnisse des Gegenübers. Was sind seine Wünsche und Sehnsüchte? Was braucht er, um den nächsten Schritt auf der Entwicklungsleiter seiner Persönlichkeit zu erklimmen? Kommunikation entsteht dann, wenn ich – dadurch, dass ich um den anderen weiß – ihn zu Veränderungen anregen kann, die ihm gut tun. Das geht nur, wenn ich mich mit ihm verbunden habe und seine Bedürfnisse kenne. Dann kann ich meine Anregungen auf seinen Nährboden fallen lassen, ihn inspirieren und etwas Neues wird geboren. Ich biete dem anderen etwas an, das er in etwas Neues umwandelt, was für ihn wichtig ist und diese neue Form ist dann wieder etwas, was auch mir neue Erkenntnisse bringen kann. Umgekehrt kann der andere durch das, was er mir von sich gibt, eine Veränderung bewirken, die meiner Entwicklung zugute kommt.

Das Gefühl von Verbundenheit nähren
Sobald Kommunikation in diesem Sinne statt findet, wird auch das Bedürfnis nach Verbundenheit und Geborgenheit gestillt, denn nur über die Nähe zu dem anderen kommt es zu Entwicklung. Unsere Kommunikationsfähigkeit ist eine geniale Einrichtung, denn sie ermöglicht einerseits persönliche Entwicklung und das automatisch entstehende Gefühl der Verbundenheit erfüllt andererseits den Wunsch nach Geborgenheit und stillt unsere Sehnsucht nach dem Gefühl des All-eins-seins. Lauscht man den spirituellen Lehrern, so ist das ersehnte Ziel, ein Gefühl der Verbundenheit zu erreichen: die Erkenntnis, dass alles mit allem verbunden ist - sich eins fühlen mit dem Wind und dem Nachbarn. Das Geheimnis für inneren Frieden liegt in der Fähigkeit, ein Gefühl der Verbundenheit herzustellen.
Aber warum nutzen wir dieses Geschenk so selten? Wir alle kennen das Gefühl der Beflügelung, wenn in einem Gespräch ein echter Austausch stattfindet. Und wir alle kennen das Gefühl der Schwere, einen drögen Familiengeburtstag abzusitzen, wo eben keine Kommunikation stattfindet, sondern eine Selbstdarstellung der anderen folgt. Die Gesprächspartner nutzen das Zusammensein ausschließlich, um Stichworte aufzugreifen und den eigenen „Erinnerungsmüll“ auszuschütten. Ein solches Verhalten führt weg von der Gegenwart und macht eine echte Kommunikation im Sinne von wesentlichem Gedankenaustausch unmöglich.
Besonders unangenehm wird es, wenn dem Gegenüber zu jedem Stichwort Krankheitsgeschichten einfallen und man den Nachmittag gezwungenermaßen mit Omas Fußpilz verbringt. Es ist zu beobachten, dass das Bedürfnis nach Selbstbespiegelung im Vergleich zu dem Bedürfnis nach Kommunikation ungleich größer ist. Das ist sonderbar, denn die Frustration bei gegenseitigem Schlagabtausch von persönlichen Befindlichkeiten, die den anderen nicht interessieren und der nur darauf wartet, dass der erste Luft holt, um ein Stichwort aufzugreifen und seine Geschichte an den Mann zu bringen, ist offensichtlich. Ob Familienfeier, Spielplatz oder Talkshow: Meinungen werden kundgetan und als die einzig wahren verteidigt. Von Empathie keine Spur. Es ist ein Teufelskreis, denn je weniger Austausch stattfindet, um so größer wird das Gefühl der Einsamkeit. Dabei wächst mit der Einsamkeit das Mitteilungsbedürfnis: Wer kennt nicht eine alleinstehende Nachbarin, die einen mit einem nicht enden wollenden Wortschwall von Beschwerden überhäuft?

Raus aus dem Teufelskreis
Richten wir unsere Aufmerksamkeit darauf, was unsere Fähigkeit zur Kommunikation für Schätze birgt. Schon Aristoteles hat den Menschen als zoon politikon, als gemeinschaftsbildendes Wesen charakterisiert. Es ist ein menschliches Bedürfnis, sich mit anderen auszutauschen, zu geben und zu nehmen, um die Entwicklungsleiter Stück für Stück zu erklimmen.


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