aktuelle Seite: ARCHIV   
Jahr:
2019 | 2018 | 2017 | 2016 | 2015 | 2014 | 2013 | 2012 | 2011 | 2010 | 2009 | 2008 | 2007 | 2006 | 2005 | 2004 | 2003 | 2002 | 2001 |

Ausgabe Juli 2008
Arbeit und Muße, Leben und Sinn

Sylvia Wetzel fragt, wie wir Menschen im Abendland ein aktives Leben führen können, das Raum lässt zum Innehalten, zum Nachdenken über den Sinn dessen, was wir tun.

art57546
Viele Menschen machen sich Gedanken darüber, wie sie ein aktives Leben „in der Welt“ mit Beruf, Beziehungen und Kindern, mit kulturellen und politischen Aktivitäten und ihre Sehnsucht nach Kontemplation, nach innerer Ruhe und Klarheit verbinden können. Der Buddha lehrte in erster Linie Menschen, die den spirituellen Weg zu ihrem Hauptanliegen machen wollten. Traditionell sind das Mönche und Nonnen. In den tibetischen Traditionen gibt es noch die Yogis und Yoginis. Sie leben in der Regel nicht im Zölibat, teils mit Familie und Beruf, teils als Einsiedler. Doch auch für sie ist der spirituelle Weg das A und O, die Nummer Eins im Leben.

Zum Wohle aller Wesen
Den sogenannten Laien, Menschen „in der Welt“ empfahl der Buddha vor allem zwei Übungen: sila bzw. karma und dana. Die ethischen Lebensregeln (silas) oder die Gesetze des Karma zu beachten, bedeutet, ein ethisches Leben zu führen. Dana heißt Großzügigkeit oder Gebefreudigkeit. Es bedeutet vor allem, die spirituellen „Profis“, die Mönche und Nonnen in ihrem Leben der Kontemplation und des Studiums der Lehren zu unterstützen, sprich: zu finanzieren – mit Geld, Grundstücken, Klosteranlagen und Retreathütten, mit Roben und Nahrung. Das Mahayana, die Schulen des Großen (maha) Fahrzeugs (yana) lehren den Weg der Bodhisattvas. Das sind Wesen (sattva), also Frauen und Männer, die zwar Erleuchtung (bodhi) anstreben, dies aber „zum Wohle aller Wesen“ tun. Das kann im Rahmen eines Ordenslebens geschehen, als Mönch oder Nonne, oder aber „mitten in der Welt“.

Verbundenheit und Leerheit
Die mündliche Überlieferung der tibetischen Traditionen lehren allerdings, dass ein Leben in der Welt erst dann spirituell „effektiv“ ist, wenn man die Dinge sieht, wie sie wirklich sind und sich mit allem verbunden fühlt, was ist. In buddhistischen Begriffen heißt das: Wenn man relatives und absolutes Bodhicitta entwickelt hat: Bodhicitta ist ein Geist (citta), der auf Erwachen (bodhi) ausgerichtet ist. Diese Haltung hat zwei Aspekte. Relatives oder bedingtes Bodhicitta ist ein Gefühl der liebevollen Hinwendung zu allen Lebewesen, ein Gefühl der tiefen Verbundenheit mit allem, was lebt und mit allem, was ist. Absolutes oder letztendliches Bodhictta ist die Einsicht in die Ungetrenntheit von Subjekt, Objekt und Handeln, die Einsicht, dass Unterschiede, die Welt der „zehntausend Dinge“ (China), zwar erscheinen und wirken, sie aber alle aus dem lebendigen Raum, aus der Natur des Geistes entstehen. Traditionell heißt es, dass man die tiefe Verbundenheit erst dann spürt, wenn man Leerheit realisiert hat. Die Haltung des relativen Bodhicitta, also der Verbundenheit, folgt also ganz natürlich aus der Einsicht in absolutes Bodhicitta, in Leerheit oder anders gesagt, wenn man die nur relative Gültigkeit aller Zuschreibungen mit dem Herzen verstanden hat. Einsicht in Leerheit ist allerdings erst dann möglich, wenn wir ein gewisse Maß an Verbundenheit mit anderen spüren. Daher übt man sich in den vier großen Haltungen – Liebe, Mitgefühl, Freude und Gleichmut.

Liebe und Einsicht
Ein Leben in der Welt wird nach diesem Ansatz also erst dann zu einem spirituellen Weg, wenn wir Liebe und Einsicht entwickelt haben. Die wiederum, so heißt es, können wir nur entwickeln, wenn unser Geist durch ein einfaches und ethisches Leben und durch tiefe Sammlung so vorbereitet sind, das Liebe und Einsicht „dämmern“. Die Frage ist nun: Was heißt einfach und ethisch leben? Und: „Wie viel Sammlung“ braucht der Mensch? Die folgenden Thesen sind einerseits inspiriert von der buddhistischen Tradition und andererseits von Hannah Arendt, vor allem von ihrem Buch Vita Activa oder vom tätigen Leben (Piper 2001, Englische Ausgabe 1971).

Vita acitva oder vita contemplativa
Auch die abendländische Tradition diskutiert diese Frage seit der Zeit des historischen Buddha. Die Griechen der Polis-Zeit gingen genau wie der Buddha davon aus, dass unterschiedliche Menschen sich zum einen oder anderen Lebensstil hingezogen fühlen, und auch sie schätzten in der Regel das kontemplative Leben (bios teoretikos) höher als das politisch tätige Leben (bios politikos). Die christliche Tradition spricht später von der „vita activa“ und der „vita contemplativa“.
Für die Griechen zählte nur das politische Gespräch unter freien Männern, unter den Bürgern der Polis zur vita activa. Sie waren „frei“ vom Zwang, für ihren Lebensunterhalt zu arbeiten. Das taten die Sklaven für sie, und ihre Ehefrauen kümmerten sich um die Kinder. Sie mussten sich auch nicht um die Herstellung schöner und nützlicher Dinge kümmern. Das taten die Handwerker, Künstler, Schreiber und Architekten. Die vita contemplativa war die Aufgabe der Philosophen. Diese „Denker von Gewerbe“ dachten über das Leben nach und - oder - bemühten sich um die unmittelbare Schau des Göttlichen, der Transzendenz, des Unfassbaren.
Die christliche Tradition adelte alle Arten von Tätigsein zur vita activa, schätzte aber bis zur Reformation die vita contemplativa in den Klöstern höher. Die protestantische Ethik „erweckte“ den Geist des Kapitalismus (Max Weber) insofern, als sie die vita activa zur höheren Lebensform erklärte. Seit dieser Zeit gilt die vita contemplativa im Abendland als parasitär. „Der Abendländer an sich“ ist ein Tatmensch. Herumsitzen und nichts tun scheint nur etwas für „Weltflüchtlinge“ und Melancholiker. Das scheint einer der Hauptgründe zu sein, warum viele Frauen und Männer im Abendland sich gerade heute so schwer damit tun, ein einfaches Leben zu führen und kontemplative Übungen in ihren Alltag „einzubauen“. Wenn moderne Unternehmer und spirituelle Coaches der Esoterik-Szene ihren Angestellten heutzutage empfehlen, sich durch Meditationstechniken fit für den Arbeitsalltag zu machen, hat das nichts mit einem kontemplativen Leben im buddhistischen oder auch im abendländischen Sinn zu tun. Statt täglich eine halbe Stunde zu joggen oder ins Fitness-Studio zu gehen, „macht“ man eben zwanzig Minuten Mentaltraining. Das heißt das spirituelle Leben auf geistige Fitness zu reduzieren. Das entspricht der Haltung, Liebe auf Sex, Tätigsein auf Geld verdienen, Kultur auf Talkshows und Bildung auf Kreuzworträtsel und Rateshows zu reduzieren. Das nennt man Reduktionismus. Wer keine Zeit hat zum Innehalten und Nachdenken, glaubt mit der Zeit vielleicht sogar, dass das der Sinn des Lebens sei.

Was tun?
Meine Hauptthese lautet: Ohne Zeit zum Innehalten und Nachdenken und ohne Austausch mit anderen verlieren wir die Fähigkeit, selber zu denken und unsere Prioritäten zu überprüfen. Ohne vita contemplativa reduzieren wir unser vita activa auf Geldverdienen und Arbeitsdruck. Finden wir keine Muße und sind wir nicht fähig zur vita contemplativa, arbeiten wir uns tot oder sterben an Langeweile. Ich möchte mit meinen Thesen und Übungen zum Nachdenken anregen: Wie können wir Menschen im Abendland ein aktives Leben führen, das Raum lässt zum Innehalten, zum Nachdenken über den Sinn dessen, was wir tun? Es gibt heutzutage viele Menschen, die gerne in der Welt leben und sich nicht ins Kloster zurückziehen wollen und doch Sehnsucht nach Besinnung haben. Wie können wir die Zeichen der Zeit, Arbeitsdruck und Arbeitslosigkeit, nutzen, um unsere Prioritäten zu klären und mehr Raum für das zu finden, was uns am Herzen liegt?

__________
Sylvia Wetzel, geb. 1949, Publizistin und buddhistische Meditationslehrerin, Mitgründerin und derzeit Vorsitzende der Buddhistischen Akademie. Sie lebt auf dem Land bei Berlin, unterrichtet Entspannung, Meditation und Buddhismus im deutschsprachigen Raum und in Spanien. Mit ihrem kritischen Blick auf Kultur und Geschlechterrollen in Ost und West ist sie eine Pionierin des Buddhismus in Europa. www.sylvia-wetzel.de
__________


Weitere Informationen werden im Archiv nicht angezeigt.