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Ausgabe Juni 2008
Bindung durch Berührung


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Der Psychologe Thomas Harms arbeitet seit vielen Jahren mit Eltern und Babys in Krisensituationen. Aus dieser Arbeit hat er ein eigenes, grundlegendes Verständnis für das Thema „Bindung“ zwischen Eltern und Kindern entwickelt, das er in seinem neuen Buch „Emotionelle Erste Hilfe“ darstellt. Ein wesentliches Element seiner Arbeit nennt er „Bindung durch Berührung“. Mechthild Deyringer hat dieses Konzept in ihrem Praxis-Buch gleichen Titels dargestellt. Die folgende Zusammenfassung ist ihrem Buch mit freundlicher Genehmigung des Leutner Verlages entnommen.

Bindung und Rückbindung

In Psychologie und Pädagogik wird zunehmend die Bedeutung einer “sicheren Bindung” zwischen Eltern und ihren Kindern erforscht und nach Wegen gesucht, sie nachhaltig zu fördern. Die psychologische Definition des Begriffes “Bindung” geht auf den Pionier der Bindungsforschung, John Bowlby, zurück. Er spricht dabei von einem gefühlsgetragenen Band, das eine Person zu einer anderen knüpft und das beide über Raum und Zeit miteinander verbindet. “Bindung” und Bindungsfähigkeit umfassen körperliche, emotionale und geistige Bereiche und werden als zentrale Faktoren innerhalb der Persönlichkeit eingestuft.
Bowlby fand heraus, dass das Bedürfnis nach Bindung ein Grundbedürfnis des Menschen als soziales Wesen ist. Damit sich aber Bindungsfähigkeit entwickelt, braucht das Kind mindestens einen verlässlichen Menschen, mit dem es diese so wichtige Erfahrung einer sicheren Bindung machen kann. Eine Bindungsperson wird vom Baby als sicherer emotionaler Hafen erlebt, wenn es dort Feinfühligkeit und angemessene Bedürfnisbefriedigung zuverlässig erlebt. Um diese sichere Basis zu entwickeln, braucht das Kind körperlichen Halt, Getragensein und liebevolle Berührungserfahrung. Werden diese Grundbedürfnisse von den Bindungspersonen mit echter Empathie erfüllt, entstehen wesentliche Voraussetzungen für die spätere körperliche und seelische Gesundheit und für die Liebesfähigkeit. Inzwischen ist gut belegt, dass sich frühkindliche Bindungserfahrungen auf viele Lebensbereiche auswirken, insbesondere aber auf die Fähigkeit als Erwachsener mit seinem Partner und seinen Kindern stabile Beziehungen einzugehen.
Bowlbys Erkenntnisse entsprachen 1969, als sein erstes Buch erschien, in keiner Weise dem Zeitgeist. Die große Bedeutung seines Wirkens wurde erst in den nachfolgenden Jahrzehnten erkannt. Inzwischen ist die Bindungsforschung und Bindungsförderung zu einem wichtigen und eigenständigen Bereich in der Psychologie geworden, deren Aussagen zunehmend auch in der familienpolitischen Diskussion gehört werden.

Was bedeutet “Bindung durch Berührung“

Für viele Eltern ist der Umgang mit einem Baby weitgehend “Neuland”. Das wirkt sich besonders erschwerend aus, wenn Schwangerschaft oder Geburt belastend erlebt wurden, das Baby häufig weint oder wenig schläft und dadurch die Verunsicherung wächst. Unter solch schwierigen Startbedingungen leidet die Bindungsfähigkeit – und in der Folge auch das natürliche Bindungsbedürfnis. Umso notwendiger erscheint es, diese Kraft in den jungen Familien auf allen Ebenen zu stärken.
Der Begriff “Bindung durch Berührung” wurde von dem Psychologen und Körpertherapeuten Thomas Harms geprägt und entstand aus seiner langjährigen Erfahrung, Eltern und Babys präventiv und therapeutisch zu begleiten und dieses Wissen weiterzuvermitteln. Eine wichtige Grundlage seiner Arbeit ist die Schmetterlings-Babymassage nach Eva Reich - Kinderärztin und Tochter des Begründers der Körperpsychotherapie Wilhelm Reich.“Bindung durch Berührung” beinhaltet ein umfassendes Konzept, das im Elternalltag ebenso genutzt werden kann wie in der therapeutischen Arbeit.
Der Berührung kommt dabei eine besondere Bedeutung zu, ist sie doch eine Erfahrung, die das Kind bereits im Mutterleib macht. Schmetterlingsberührung knüpft auf besondere Weise daran an und schenkt dem Baby innigen Körperkontakt und der ganzen Familie wachsende Verbundenheit
Die Schmetterlings-Massage besteht aus einer Abfolge zarter Berührungen und Ausstreichungen und ist nicht nur der Arbeit mit Babys vorbehalten. Auch Partnermassagen und Selbstmassage - insbesondere zur Vorbereitung der Zuwendung hin zum Baby - sind in dem Konzept enthalten.
Die „Schmetterlings“-Qualität der Berührung - eine sehr zarte Form des Kontaktes - ist darauf ausgerichtet, eine besondere Form der Nähe zu erzeugen, die darauf achtet, die Grenzen des anderen zu respektieren.
Ein Informationsaustausch auf körperlicher Ebene wird möglich: Wir werden zunehmend wahrnehmungsfähig für die Gefühle und Bedürfnisse des anderen Menschen. Die körperliche Berührung schafft eine Innigkeit, die emotionale und geistige Bindungen stärken kann.
Bindungsstärkende Berührung ist ein ganzheitlicher Ansatz, er beinhaltet körperliche, emotionale und mentale Aspekte. Für den Gebenden und den Empfangenden entstehen Erfahrungen der Nähe, des Wohlbefindens und Annehmens. Gleichzeitig werden Konzentration, Disziplin, Beruhigung und Verlangsamung gefördert.
In dem Konzept ist das Modell der Selbstverbundenheit von entscheidender Bedeutung.
Es beinhaltet Fragen, an die man im Zusammenhang mit Massage vielleicht zunächst nicht denken würde: Bin ich noch in einer Verbindung zu mir selbst, die eine Bindung zu einem anderen Menschen ermöglicht?
Kann ich mich selbst wahrnehmen und einen inneren Dialog mit mir aufnehmen, nicht nur in Gedanken, sondern auch mit meinem Körper und meinen Gefühlen? Wie verändert sich meine Selbstwahrnehmung in Stresssituationen, etwa wenn das Baby weint und welche Möglichkeiten gibt es, eine Spannungsspirale zu unterbrechen?
Da die äußere “Technik” einfach ist, ermöglicht das Konzept der bindungsstärkenden Berührung die Konzentration auf das Wesentliche: Es sind die besonderen Wirkungen, die von einfachen Berührungen ausgehen, wenn beide Beteiligten sich dieser Begegnung öffnen und Achtsamkeit entsteht.

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Emotionelle Erste Hilfe
Emotionelle Krisen nehmen in den ersten Wochen und Monaten nach der Geburt oft einen dramatischen Verlauf: Die Babys sind unzufrieden und schreien stundenlang, ohne dass sie von den Eltern beruhigt werden können. Die Körper der Säuglinge sind steif und gespannt. Ihre Augen vermeiden den Blickkontakt und zeigen wenig Interesse an der Welt. Eltern stehen diesem Szenario häufig ohnmächtig gegenüber. Verzweiflung und Hilflosigkeit bestimmen ihr Zusammensein mit den Babys.
Die Emotionelle Erste Hilfe ist eine von dem Psychologen und Körperpsychotherapeuten Thomas Harms entwickelte körperorientierte Kurzzeit-Therapie für Eltern und Babys in emotionellen Krisen nach der Geburt. Ziel ist die frühzeitige Lösung von emotionalen Blockierungen der Babys, die durch traumatisierende Einflüsse vor, während und nach der Geburt hervorgerufen wurden.
Wesentliche Aspekte dieses Ansatzes sind die sanfte Körperarbeit mit den Babys und die Begleitung der Eltern. Hier wird gemeinsam mit den Eltern erforscht, wie sie den emotionellen Kontakt zum Säugling regulieren, d.h. aufrecht erhalten oder abbrechen. In behutsamen Schritten lernen die Eltern innere Barrieren abzubauen und neue Erfahrungen mit sich und dem Baby zuzulassen.

Weitere Infos zur Arbeit von Thomas Harms finden Sie auf der website seines Institutes: www.zepp-bremen.de. Infos zu der von Thomas Harms mitbegründete Schreibabyambulanz in berlin unter: www.schreibabyambulanz.info

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