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Ausgabe Juni 2008
Auf der Flucht ... Späte Folgen des Krieges in Familien

Erdmuthe Kunath ist Leiterin des Institutes für Systemaufstellungen ISA in Berlin und veranschaulicht an einem Fallbeispiel, wie präsent das Erbe der Herkunftsfamilie sein kann.

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Die persönlichen Traumata des 2. Welt-Krieges sind in den meisten Familien verdrängt. Und es gibt kaum Bewusstsein für ihre mögliche Wirkung auf nachfolgende Generationen in Form unbewusster Verstrickungen der Kinder und Kindeskinder mit dem Leid ihrer Vorfahren. Mit der Entwicklung der Familienaufstellung (einem Verfahren der systemisch-phämonenologischen Psychotherapie) wurden neue Zugänge zu Verständnis und Lösungsmöglichkeiten transgenerationaler Verstrickungen geschaffen, deren Wirkung immer wieder neu beeindruckt, wie das folgende Beispiel einer jungen Journalistin zeigt.

Die persönlichen Traumata des 2. Welt-Krieges sind in den meisten Familien verdrängt. Und es gibt kaum Bewusstsein für ihre mögliche Wirkung auf nachfolgende Generationen in Form unbewusster Verstrickungen der Kinder und Kindeskinder mit dem Leid ihrer Vorfahren. Mit der Entwicklung der Familienaufstellung (einem Verfahren der systemisch-phämonenologischen Psychotherapie) wurden neue Zugänge zu Verständnis und Lösungsmöglichkeiten transgenerationaler Verstrickungen geschaffen, deren Wirkung immer wieder neu beeindruckt, wie das folgende Beispiel einer jungen Journalistin zeigt.

Übernommene Gefühle

Susan ist 32 Jahre alt und hat sich vor einem halben Jahr nach 13-jähriger Partnerschaft von ihrem Mann, dem Vater des gemeinsamen zweijährigen Sohnes getrennt, um alleine mit ihrem Sohn von München nach Berlin zu ziehen. Hier angekommen, wird sie – erstmals in ihrem Leben – von ihr unerklärlichen Angstzuständen ergriffen, die ihr den Schlaf rauben und die Tage zunehmend schwierig gestalten. Angsterkrankungen können vielfältige Ursachen haben, tatsächliche oder drohende Trennungssituationen sind ein bekannter Auslöser. Auffallend bei Susan war allerdings, dass sie von Todesangst sprach. Trennung, Umzug und Neubeginn sind schwierig, aber kein Grund für Todesängste. Hier lag die Vermutung nahe, dass es sich um ein sogenanntes übernommenes Gefühl handelt. Übernommene Gefühle sind Gefühle, die sich aus der Biographie des Betroffenen heraus nicht erklären lassen und die in einer Stärke und Intensität auftreten, für die sich im Leben des Betroffenen keine Ursachen finden lassen. Wenn man dann nach schwerwiegenden Ereignissen in der Familiengeschichte – bei den Eltern, Großeltern oder anderen nahen Angehörigen – fragt, zeigt sich oft, zu wem dieses Gefühl eigentlich gehört.


Todesangst der Großmutter

Susans Großmutter mütterlicherseits hatte während des Krieges auf der Flucht mit ihren drei kleinen Kindern in höchster Not die jüngste Tochter – noch ein Baby – erstickt, um nicht durch dessen Schreien in ihrem Versteck entdeckt zu werden. Eine dramatische Situation: Diese Frau hatte wirklich Todesangst! In der Folge werden sowohl die Großmutter, als auch deren überlebende Kinder – selbst unmittelbar betroffen, um das Über- und Weiterleben kämpfend – das Geschehene so weit als möglich aus ihrem Bewusstsein und emotionalen Erleben verdrängt haben, um nicht von ihren Gefühlen überrollt zu werden. Dies funktioniert jedoch nur bedingt. In den meisten Fällen brechen sich die Gefühle – oft in verkleideter Form, wie z.B. als psychosomatische Erkrankungen – ihre Bahn. Sie werden nicht von den direkt Betroffenen zum Ausdruck gebracht, sondern kommen erst – wie bei Susan – in der Generation der Enkel wieder ans Licht.


Familienaufstellung

Um eine solche Hypothese zu überprüfen und Lösungen anzubahnen, ist eine Familienaufstellung ein außerordentlich hilfreiches Mittel: Sie beginnt, indem der Betroffene Stellvertreter aus der anwesenden Gruppe für sich selbst und die wichtigen Familienmitglieder aussucht und sie nach seinem inneren Bild im Raum anordnet.
Im Fall von Susan verspürte ihre Stellvertreterin Herzklopfen, Beklemmungen in der Brust, Erstickungsgefühle und Übelkeit. Ihr Mann und der Sohn standen weit entfernt – es gab scheinbar keinen Bezug und der Blick von Susans Stellvertreterin ging an ihnen vorbei in die Ferne. Nachdem ich Stellvertreter für ihre Großmutter und deren tote Tochter in ihren Blick gestellt hatte, verschwanden die heftigen körperlichen Symptome schlagartig, sie spürte eine große Trauer und Liebe zu beiden aufsteigen und ging spontan auf die Großmutter zu, um diese zu umarmen.
Das bewusste In-den-Blick-Nehmen der Oma ermöglichte es ihr, deren Gefühle mit Achtung und Liebe bei ihr zu lassen und sich selbst an ihrem Platz als Enkelin zu erleben.
Die Großmutter und ihre tote Tochter schauten ruhig, gelassen und freundlich auf ihre Enkelin, bzw. Nichte und wünschten ihr nichts mehr, als dass es für sie gut weitergehen möge in ihrem Leben. Welch heilsames Bild.
Am Ende des Prozesses, den ich hier nur verkürzt darstellen kann, stand Susan dann – für sie selbst sehr überraschend – gut und sicher neben ihrem Mann mit Blick auf den gemeinsamen Sohn. Ihre Trennungstendenzen hatten sich aufgelöst und sie empfand Ruhe und Frieden. Etwas in ihr war „in Ordnung“ gekommen.


Veränderungen

Im Nachhinein erscheint ihr Verhalten – die Trennung vom Partner, um allein mit dem Kind in „die Fremde“ zu ziehen – wie eine unbewusste Re-Inszenierung des Schicksals ihrer Großmutter. Sie „flüchtete“ wie diese und aktivierte darüber das Wiedererleben des übernommenen Gefühls der Todesangst – unbewusst immer auf der Suche nach einer Lösung aus der Verstrickung.
Durch das In-den-Blick-Nehmen der Großmutter und die bewusste Anerkennung und Würdigung ihres besonderen Schicksals wurde sie frei, ihr Leben zu leben – ohne den Drang zur Nachahmung des Unglücks. Und sie wurde als Partnerin und Mutter innerlich erstmals wirklich verfügbar.


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