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Ausgabe Juni 2008
Transformation durch Gesang

Jocelyn B. Smith ist eine Soul- und Jazzsängerin mit einer magischen Stimme und einem enormen Potenzial an Idealismus.

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Haidrun Schäfer: Es gibt drei neue Projekte, für die du die Samen gelegt hast. Womit fangen wir an?

Jocelyn B. Smith: Mit der Geburt: Das Projekt „You are wellcome“ möchte Frauen im Kreissaal während der Geburt unterstützen, die Kraft der Stimme zu nutzen und die Geburt im Grunde als einen Festakt zu gestalten. Angefangen habe ich in Neukölln. Dort sind viele Frauen türkischer und arabischer Herkunft und auch solche, die keine Liebesehen eingegangen sind. Für diese Frauen kann schon die Schwangerschaft und auch die Geburt ein traumatisches Erlebnis sein.
Mein Wunsch ist, die Kraft der Transformation der Musik zu nutzen, um den Weg der ungeborenen Wesen in diese Welt eben nicht zu einem Trauma werden zu lassen.
Ich begleite die Frauen, um ihre eigene Stimme zu finden – die eigene Kraft in sich zu finden. Eine Geburt ist ein enormer physischer Akt und ich versuche, durch Vokalisieren und Intonisieren diese gewaltigen Kräfte zu kanalisieren. Dabei begegne ich den Frauen auf einer Ebene, die nichts mit dem Verstand zu tun hat, sondern tief die Seele berührt.

Können nur Frauen mit diesen schwierigen Bedingungen von dir Unterstützung bekommen?

Nein, es gibt auch schon Kontakt nach Friedrichshain und ich wünsche mir, dass sich die Idee weiter verbreitet. Es ist sicher nicht zufällig, dass ich in Neukölln anfange, denn das war der Bezirk, wo ich vor 27 Jahren die ersten Jahre in Berlin gelebt habe – das ist so wie „back to the roots“.
Außerdem haben diese Frauen mit afrikanischen Wurzeln noch das Wissen im Blut, wie kraftvoll Gesang und rhythmische Bewegungen zur Musik sein können. Afrikanische Frauen tanzen kurz vor der Geburt.
Und über den Gesang kann eine Kommunikation mit dem Baby aufgenommen werden, denn die Fruchtblase ist ja voller Wasser, das in Resonanz geht.

Wie oft gehst du in das Krankenhaus und was kostet es?

Jeden Monat bin ich zwei Mal im Krankenhaus. Die Frauen können vor der Geburt Kontakt mit mir aufnehmen und wenn es losgeht, treffen wir uns im Kreissaal. Es kostet 50,- Euro und wird von der Vivantes Frauenklinik mitfinanziert.
Übrigens hat Professor Mendling, der Leiter der Frauenklinik das Projekt von Anfang an mit viel Engagement unterstützt.

Ich finde die Idee genial, denn die meisten Frauen „tönen“ ja sowieso während der Geburt. Ich kann mir vorstellen, dass man diese Urgewalt mit anderen Tönen als Schreien transformieren kann. Jedes Geburtshaus und Krankenhaus sollte mit einer Sängerin zusammenarbeiten.

Kommen wir zum zweiten Projekt: „Higher Love – Kinder singen für Kinder“

Das „Aktionsbündnis Landmine.de“ hat Kontakt zu mir aufgenommen, ob ich zu einem Treffen von ihnen kommen könnte, um dort zu singen.
Ich habe zugesagt und als ich mich näher mit dem Thema Landminen auseinandersetzte, war ich schockiert. Weltweit werden Landminen und Streumunition eingesetzt und fordern hunderttausende Opfer aus der Zivilbevölkerung - vor allem Kinder. Produziert werden diese Waffen in den reichen Industriestaaten des Nordens und eingesetzt werden sie in Entwicklungsländern. Es ist unglaublich, womit die Firmen Gelder verdienen.
Das Aktionsbündnis in Deutschland ist sehr aktiv. Es gibt auch eine internationale Organisation. Mich haben vor allem diese Kinder berührt, so dass ich mir überlegt habe, was ich tun kann, um die Kinder in den Gebieten wie Vietnam, Kosovo, Mosambik oder Libanon zu unterstützen. Es sind zwei internationale Konferenzen dieses Jahr geplant, in denen es um das Verbot von Streumunition geht: im Mai gab es eine in Dublin und im Dezember gibt es eine in Oslo.
Ziel ist, dass sich weltweit alle Nationen dem Aufruf anschließen und keine Streumunition mehr produzieren. Im Dezember soll in Oslo im Rahmen einer Präsentation ein Vertrag zum Verbot vorliegen. Ich habe ein Lied komponiert, dass die Kampagnen zwischen Mai und Dezember begleiten wird. Das Lied ist inzwischen fertig. Wir haben es selber produziert und im März mit 100 Berliner Kindern mit Hilfe von Radio Mulitikulti aufgenommen. Im Mai gibt es eine Kampagne im Libanon und ich möchte bald dorthin fahren und mit Kindern aus dem Libanon das Lied in ihrer Sprache aufnehmen und in die Berliner Fassung einmischen – ein Dialog zwischen Kindern und Kindern. Das Lied haben wir ins Internet gestellt und jeder kann es sich kostenlos herunterladen und wenn er möchte, mit einer Spende das Projekt unterstützen. Das Geld gelangt direkt in eins von den Rehabilitationszentren, wo die Kinder z.B. Prothesen bekommen.

Die Produktion ist sicher sehr aufwendig...

Oh ja, das ist nicht nur mal eben ein Lied schreiben und ins Studio gehen – die ganze technische Seite ist wahnsinnig aufwendig.
Aber du erreichst über das Internet die ganze Welt. Es ist mehr als „nur“ ein Konzert mit Spendenaufruf...
Hoffentlich. Wir haben die ganze Kampagne „Der Weg nach Oslo“ genannt. Ich möchte gerne in die betroffenen Länder zu den Kindern fahren und das Lied aufnehmen und wünsche mir, dass wir von den Medien begleitet werden, bzw. dass ein Filmteam die Aufnahmen dokumentiert und auch ein Video dreht. Unterstützt wird die Kampagne in Deutschland von vielen Prominenten und die Schirmherrin ist Ulrike Folkerts. Natürlich werden zur Umsetzung des Projektes noch Sponsoren und Medienpartner gesucht.

Viel Idealismus.

Bei unserem letzten Gespräch habe ich dir von dem Rehabilitationszentrum meiner Großmutter erzählt – das ist mein Erbe. Ich möchte Samen in die Erde pflanzen und habe das wunderbare Werkzeug der Musik. Ich nutze meine Stimme für mehr als auf der Bühne zu stehen und Konzerte zu geben. Auch das ist wundervoll, aber wenn ich etwas in Bewegung bringe, das ist wie Wasser auf meine eigenen Blüten. Wenn Menschen über ihre Stimme mit ihrer Kraft in Berührung kommen – das kann den Planeten Erde retten. Komm, hör dir das Lied an.

(Jeder, der Jocelyn kennt, weiß, dass ihre Stimme magisch ist und sofort ins Herz findet. Ich lausche mit Gänsehaut und klopfendem Herzen dem Lied „Higher Love“.)

Und das dritte Projekt: 4 bridges?

Im April habe ich einen Chor gegründet, bei dem alle möglichen Nationalitäten vertreten sein werden. Er heißt „4 bridges“, also „vier“ Brücken oder „für“ Brücken zwischen den Kontinenten der vier Himmelsrichtungen. Die Musik soll Elemente von Klassik und Jazz enthalten. Für diesen Chor brauche ich wirklich gute Sänger.
Monatlich wird es Seminare geben, an dem die Chormitglieder teilnehmen, die aber auch von anderen besucht werden können. Ich kann gar nicht allen, die von mir unterrichtet werden möchten, Einzelunterricht geben – deshalb mache ich jetzt diese Seminare. Sie sind wie ein Musical aufgebaut.

Wo finden sie statt?

In der Heilig-Kreuz-Kirche in Kreuzberg. Sie ist so etwas wie meine Hauskirche – dort habe ich damals angefangen und sie liegt auch zentral genug. Wenn alles gut läuft, möchte ich mit dem Chor in Oslo im Dezember auftreten. Aber die beiden Projekte sind völlig unabhängig voneinander.

Jocelyn, ich wünsche dir den nötigen Sonnenschein und auch genug Regen, dass aus deinen Samen ganze Dschungellandschaften entstehen. Viel Erfolg.



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