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Ausgabe Mai 2008
Tanz als Therapie - Tanzend therapieren?

Imke Fiedler gibt in dem folgenden Artikel einige klärende und anschauliche Informationen zur Tanztherapie im Allgemeinen, sowie zur Tanztherapie als Selbsterfahrungs- und Therapieprozess und über Tanztherapie als berufliche Weiterbildung.

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Imke Fiedler ist Leiterin des Tanztherapie-Zentrums in Berlin und

"Wie soll Tanztherapie mir denn eine Hilfe bei meinen Problemen sein?" "Tanztherapie, - ich kann mir gar nicht vorstellen, wie so etwas aussehen könnte?" "Ich fand die Tanzstunden früher immer ganz furchtbar." So oder ähnlich klingen erste Reaktionen zu dem Thema Tanztherapie. Und das ist sehr verständlich, denn oft haben wir eine recht eingeschränkte oder festgelegte Vorstellung davon, was Tanz ist. Wir haben vielleicht Bilder aus unserer Vergangenheit im Kopf, darüber, wie beengend oder wie frei wir das Tanzen schon mal erlebt haben. Es gibt aber auch andere Reaktionen zur Tanztherapie: "Tanz belebt alle Sinne." "Im Tanz können meine Gefühle lebendig werden." "Endlich mal nicht nur im Kopf sein, sondern den eigenen Körper sprechen lassen."

Zur Tanztherapie
Tanztherapie nutzt die uralten, kreativen und heilenden Kräfte des Tanzes als Medium für eine präventive und therapeutische Anwendung. Ausgangspunkt ist die eigene Freude zu tanzen, die Lust sich zu bewegen und einen lebendigen Ausdruck der eigenen Gefühle zu gestalten. Eigentlich wird in Deutschland und Amerika häufig der Doppelbegriff "Tanz- und Bewegungstherapie" verwendet. Oft ist es schwierig, eine klare Trennung zwischen Tanz, rhythmischer Bewegung und "bewegter" Bewegung zu ziehen. Wenn wir am Bahnhof jemanden winkend verabschieden, dann könnte das der Beginn eines "Abschiedstanzes" werden. Aus solch einer Geste entwickeln einige moderne Choreographen ihre Tanzstücke. Wo hört aber die Alltagsbewegung auf und wo beginnt eine Tanzbewegung? Ohne dies weiter vertiefen zu wollen, ist es für Teilnehmer einer Tanztherapie oft entlastend, dass gerade unsere Gesten und alltäglichen Bewegungshandlungen ein gutes Entrée für einen tanz- und bewegungstherapeutischen Prozess sein können. Der Begriff "Tanz- und Bewegungstherapie" beinhaltet zwei Pole eines Kontinuums. Der Tanzbegriff hebt die Aspekte Ausdrucksbewegung, Rhythmus und Gestaltungsabsicht hervor, wohingegen der Bewegungsbegriff eher Assoziationen zu traditionellen Tanztechniken oder einen Vorführcharakter vermeiden will. In der Tanz- und Bewegungstherapie wird auch mal ohne Musik gearbeitet, da geht es mal nur um Körperwahrnehmung und innere Empfindungsprozesse. Nur der Einfachheit halber wird im Folgenden der Terminus "Tanztherapie" verwendet.
Tanztherapie wird definiert als "eine Form der Psychotherapie, in der die Bewegung als primärer Ansatz genutzt wird, um eine körperliche, emotionale und kognitive Integration des Einzelnen zu fördern." (Definition des amerikanischen Tanztherapieverbandes) Sie ist neben der Musik-, Kunst- und Dramatherapie eine der künstlerischen Therapien, die ihr spezifisches, kreatives Medium zur Förderung der Persönlichkeitsentwicklung nutzt. Zum anderen ist sie eine Form der Körperpsychotherapie, welche ihren besonderen Fokus auf die Symbolik der rhythmischen Bewegung richtet.
Der Tanztherapie liegt eine holistische Auffassung vom Menschen zugrunde, die Erkenntnis, dass Körper-Geist-Seele eine Einheit bilden, sich gegenseitig beeinflussen und bedingen. Die psychotherapeutischen Grundlagen sind angelehnt an Prämissen der Tiefenpsychologie und der humanistischen Psychologie. Innerhalb der Tanztherapie entwickelten sich im letzten Jahrhundert analog zu den wichtigsten psychotherapeutischen Schulen, unterschiedliche theoretische und methodische Konzepte, wie z.B. die tiefenpsychologisch-, psychoanalytisch- oder gestalttherapeutisch- orientierte Arbeitsweise. Die Entwicklung der Tanztherapie ist zum einen ohne die Entwicklung des Ausdruckstanzes im 20. Jahrhundert nicht denkbar. Als zweite Wurzel, beeinflusste die Entwicklung der Psychoanalyse und der Körpertherapien die Entstehung der Tanztherapie maßgeblich.
Während Kinder ihre Freude oder ihre Wut noch ungefiltert zeigen können, haben wir als Erwachsene dies zu unterdrücken oder zu verdrängen gelernt. Dem kindlichen Bewegungsdrang werden oft schon sehr früh Grenzen gesetzt, Selbstbeherrschung und kontrollierte Gefühle sind die Folge. Unterdrückte Wut, geschluckte Traurigkeit bringen den Körper unter Druck oder in chronische Verspannungszustände. Einige Zusammenhänge, die die Körpertherapien (vgl. W. Reich oder A. Lowen) und die Bewegungstherapien (vgl. H. Stolze) entwickelt haben, werden in der Tanztherapie über die rhythmische Bewegung oder den Tanz, wieder in einen Bewegungsfluss gebracht.
Der Tänzer, Choreograph und Tanztheoretiker Rudolf von Laban hat ein Modell zur Tanz- und Bewegungsbeobachtung entwickelt, das für die Gestaltung von Tanz- und Bewegungsinterventionen sowie zur Diagnostik genutzt wird. Ergänzend wird das "Kestenberg Movement Profile" zur Bewegungsanalyse und Therapieevaluation eingesetzt.

Tanztherapie als Selbsterfahrungsprozess: "Tanz als Therapie"
Tanztherapie spricht zum einen Menschen an, die für sich den Eindruck haben, dass sie sich inspiriert oder motiviert fühlen, gerade über den Körper und die rhythmische Bewegung einen Selbsterfahrungs- oder Therapieprozess beginnen zu wollen. Manchmal begeben sich aber auch Menschen in eine Tanztherapie, die spüren, dass sie mit ihrem Körper oder mit Tanzbewegungen große Schwierigkeiten haben und sich gerade deshalb dieser Herausforderung annähern wollen, entweder in einer Gruppe oder als Einzeltherapie.
Die Tanztherapie bedient sich einfachster Bewegungselemente und Grundformen des Ausdruckstanzes. Sie ist frei von technischen Vorschriften oder festgelegten tänzerischen Formen. Es gibt somit kein Richtig oder Falsch, sondern das eigene und individuelle Erleben ist entscheidend. Tanz wird hier als Ausdrucksform der eigenen Gefühle, nonverbaler Kommunikation und Interaktion mit anderen genutzt.
Häufig ist es so, dass sich emotionale und psychische Probleme in unserem Körper niederschlagen und in unseren Bewegungen widerspiegeln. Hängende Schultern, ein gesenkter Kopf oder ein hektisches Getrieben-Sein können ein unbewusstes Abbild unserer emotionalen Befindlichkeit sein. Die Bewegungsarbeit an dieser "äußeren Haltung" soll einerseits Bewusstsein über eigene Gefühle schaffen und andererseits einen ersten Schritt beinhalten, um durch Tanz Einfluss auf diese innere Stimmung auszuüben. Eine Aktivierung von passiv hängenden Schultern, kann langsam Kraft, Ärger und Wut sichtbar werden lassen, welche lange unterdrücktt, verdrängt und zurück gehalten wurde. Die Tanztherapie nutzt hier eine gezielte Kombination von Tanzelementen in Verbindung mit psychotherapeutischen Interventionen.

Ich tanze, was mich bewegt
So können verschiedene Übungen zur Körperwahrnehmung und zur Verbesserung der Körpersensibilität den Anfang einer Tanztherapiestunde bilden. Der Einzelklient oder die Gruppenteilnehmer geben der Tanztherapeutin dabei Informationen über ihr Körperbild, ihre Eigenwahrnehmung und ihr Bewegungsrepertoire. Wenn sich im Gespräch oder in der Bewegung ein Thema herausbildet oder ein Problem deutlich wird (z.B. Angst vor Nähe, Schwierigkeiten anderen zu vertrauen, etc.), stehen das Bewegungsspiel und die Tanz-Improvisation als Methoden zur Verfügung, um diese Gefühle oder Themen deutlicher nach außen zu bringen. Sie bieten Möglichkeiten, um die eigene Lebendigkeit und Ausdruckskraft durch individuelles Experimentieren zu erproben. Tanz-Dialoge mit einem Partner und Tanz-Spiele in der Gruppe bieten einen strukturierten Rahmen, um gemeinsam Freude und Unlust, Nähe und Distanz oder Kontakt und Abgrenzung in bewegten Beziehungen zu erleben und zu reflektieren. Den Körper als räsonierendes Instrument meiner inneren Erlebniswelt zu nutzen, bedeutet: "Ich tanze, was mich bewegt."
So kann sich z.B. im "Tanz der Hände" mit einem Partner, ein Wunsch nach Abgrenzung und die Angst vor Nähe zeigen. In dem hier abgebildeten Beispiel konnte erst nach einer Phase der freien Improvisation langsam mehr und mehr Vertrauen und Sicherheit zwischen den Partnerinnen entstehen, so dass sie sich zum Ende hin behutsam annähern konnten und gemeinsam eine Form gestalteten.
Nur stehen dem Ideal von Lebendigkeit, Spontaneität, Kontakt und kollektiver Freude häufig massive Barrieren in uns selbst im Weg. Angst, Unsicherheit, Hemmung und Scham, sich in und durch Bewegung zu zeigen, blockiert den freien und freudvollen Bewegungsfluss. Statt ausschließlich über diese Hindernisse zu sprechen, bekommt hier der Körper Erlaubnis, neue Verhaltensweisen, neue "Muster" in Bewegung zu bringen und vielleicht von früheren Erfahrungen "zu erzählen." Dabei bietet der Handlungsaspekt innerhalb der Tanztherapie eine Art Probebühne, um das eigene Erleben auf eine alternative Art und Weise zu üben. Sich Neues zu trauen, Risiken einzugehen und somit Veränderungen zu explorieren, ist der große Gewinn in diesem kreativen Therapieprozess. Neben der Verwendung von Musik kommen bei Bedarf unterstützende Medien zum Einsatz wie Kissen, Decken, Seile, Tücher oder Stöcke. Diese Objekte helfen den emotionalen Prozess zu symbolisieren und um innere Bilder bewegt im Außen zu gestalten. Das Gespräch wird ergänzend genutzt, um diese Erlebnisse zu reflektieren und in einen biographischen Zusammenhang zu bringen.
Zwei Ausbildungskandidatinnen bilden hier eine Intervention ab, bei der es um Vertrauen und das Zulassen von Unterstützung geht. Oft wird deutlich, dass Menschen in helfenden Berufen sehr gut in der Lage sind anderen zu helfen, schwieriger wird es manchmal bei dem Thema sich selbst Unterstützung zu holen und zu lernen sich anzulehnen. Oft kann dieses Thema endlos besprochen und reflektiert werden. Spannend wird es, wenn es darum geht, den Zustand körperlich, mit einem/r Partner, in Bewegung zu bringen und sich konkret bei einem Gegenüber anzulehnen.
Entscheidend, wie in jeder Psychotherapie, ist auch hier die therapeutische Beziehung, die in der Tanztherapie aktiv gestaltet wird und sich auch in Bewegung abbildet. Mit der Therapeutin werden Partner- und Interaktionsübungen erprobt und in Bezug auf frühe Beziehungsmuster reflektiert. In der Gruppe können wichtige Erfahrungen im sozialen Kontext wie Zugehörigkeit und Ausgrenzung, Anpassung und Widerstand, Macht und Ohnmacht ausgehandelt werden.

Tanztherapie als Weiterbildung: "tanzend therapieren"
In den letzten 20 Jahren konnte sich die Tanztherapie, im Gegensatz zu verschiedenen Körpertherapien, sehr gut als unterstützendes Verfahren klinisch etablieren und verbreiten. Gegenwärtig ist die Berufsbezeichnung "TanztherapeutIn" noch kein anerkanntes Berufsbild. In Deutschland kann es gegenwärtig als Zusatzqualifikation in privaten Ausbildungsinstituten erworben werden. Im Gegensatz dazu ist die Ausbildung in Tanztherapie z.B. in den Niederlanden, England und den USA als Magisterstudium universitär etabliert. Für Deutschland hat der Berufsverband (BTD) Standards und Regularien für anerkannte Weiterbildungsinstitute entwickelt. So müssen diese berufsbegleitenden Weiterbildungen mindestens 4-jährig strukturiert sein und es müssen im Rahmen der Weiterbildungen verschiedene Forderungen zu Lehrtherapien und Lehrsupervisionen, etc. absolviert werden. Diese Standards sollen ein hohes Maß an Professionalität und ethischer Verantwortung im Berufsbild der Tanztherapie verankern. Für die Auswahl eines anerkannten Weiterbildungsinstitutes, bietet die homepage des "Berufsverbandes der TanztherapeutInnen Deutschlands" (BTD) www.btd-tanztherapie.de hilfreiche Informationen. Das einzige, in Berlin ansässige Ausbildungsinstitut ist unter www.tanztherapie-zentrum-berlin.de zu finden.
Durch die immer schwierigere Stellensituationen im Gesundheitswesen werden gegenwärtig zwar immer seltener reine Tanztherapie-Stellen geschaffen, aber es hat sich gezeigt, dass Menschen mit einem Grundberuf aus den sozialen, pädagogischen, medizinischen, therapeutischen oder künstlerischen Bereichen mit dieser Weiterbildung eine geeignete Zusatzqualifikation für eine klinische oder institutionelle Anstellung bekommen. Mehr und mehr Kliniken oder sozialpädagogische Einrichtung etablieren Tanz-, Musik- oder Kunsttherapie, um ihr Profil der psychotherapeutischen Angebote möglichst vielfältig und multiprofessionell zu präsentieren.
Wo finden TanztherapeutInnen eigentlich einen Job? Tanztherapeutische Methoden werden heute in vielfältigsten Arbeitsbereichen integriert: in Psychiatrie, Psychosomatik, Psychotherapie, Rehabilitation, Heil- und Sonderpädagogik und Forensik, sowie in pädagogischen und prophylaktischen Bereichen mit Kindern, Jugendlichen und Senioren.
Im Zusammenhang mit dem (kleinen) Heilpraktikerschein "Psychotherapie" ist es zusätzlich möglich, sich selbständig zu machen und Tanztherapie in eigener Praxis anzubieten. Leider ist es auf der gesundheitspolitischen Ebene noch nicht gelungen, dass die Krankenkassen eine Tanztherapie bezahlen und deshalb gestaltet sich eine ausschließlich selbständige Existenz gegenwärtig noch sehr schwierig.



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