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Ausgabe April 2008
Welcher Weg ist der richtige?

Die Bedeutung des spirituellen Lehrers

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Der Heilpraktiker und Yogalehrer Oliver Lohse beschäftigt sich mit der Bedeutung eines spirituellen Lehrers für unser westliches Verständnis.

Wer sich heute auf einen spirituellen Weg macht, dem steht es frei, sich an eine Lehre vollkommen zu binden oder lediglich kurz ‘Gasthörer’ zu sein - blind zu vertrauen oder ungesehen zu verwerfen, denn er trägt selbst die Verantwortung. Eines der größten Probleme, welches diese Freiheit mit sich bringt, besteht darin, dass wir uns mit vielen widersprüchlichen Konzepten zur spirituellen Vorgehens- und Lebensweise konfrontiert sehen. Dabei stolpert manch einer über das traditionelle Konzept des Gurus, welches bei uns oft misstrauisch beäugt wird.

Vertrauen oder kritisches Bewusstsein?
Die meisten vedischen Schriften behaupten, dass die wichtigste Eigenschaft, die der Schüler mitbringen müsse, unbeschränktes Vertrauen in seinen Lehrer sei. Nur durch Ehrfurcht und Hingabe sei der Schüler empfangsbereit genug, um zu lernen. Er wird dabei mit einer Schale verglichen, die nicht gefüllt werden kann, solange sie noch Inhalt hat. Erst muss die Schale geleert werden, bevor sie einen neuen Inhalt fassen kann. Der Schüler hat den Meister nicht zu hinterfragen.
Von einem bekannten indischen Meister wird eine andere Bedingung an den guten Schüler gestellt. Dieser forderte seine Schüler auf, keines seiner Worte einfach seiner Autorität wegen zu glauben. Sie sollten jedes Wort auf seinen Wahrheitsgehalt überprüfen. Sie sollten es drehen und wenden und beklopfen, wie man Gold prüft, um sich seiner Echtheit zu versichern. Wenn sie dann durch eigene Erfahrung die Sicherheit erlangt hätten, dass die Aussage wahr sei, dann sei sie gleichzeitig verinnerlicht. Der Meister, von dem diese Worte stammen sollen, ist Gautama Buddha, der Begründer des Buddhismus.

Buddhismus und Yoga
Den meisten ‚aufgeklärten‘ Menschen unseres Kontinents sagt die Aufforderung Buddhas mehr zu, denn sie unterstützt uns in unserer Selbständigkeit und zeugt von Buddhas innerer Sicherheit. Dadurch erscheint er uns glaubwürdig, was wohl einer der Hauptgründe für die Popularität des Buddhismus im Westen ist.
Auch der Yoga, eine Wissenschaft die noch viel älter als der Buddhismus ist, legt größten Wert auf die Selbsterfahrung. Die vedischen Schriften stellen eindeutig fest, dass die Befreiung des Menschen nur durch ihn selbst erreichbar ist. Und doch, genauso wie in buddhistischen Schulen, heißt es auch gleichzeitig immer wieder, man solle dem Guru vorbehaltlos trauen.

Hingabe und Selbterfahrung
Die Lösung liegt, wie so oft, in der schlichten Mitte, denn Selbsterfahrung und Hingabe sind untrennbar. Ein Buch zu lesen oder einem Lehrer zu lauschen, um Informationen zu gewinnen, ist ein Akt der Hingabe und des Einlassens. Dabei geschieht ganz von selbst: Erfahrung. Beim Erfahren geschieht ganz von selbst: Hingabe. Denn Erfahrung bedeutet, dass etwas mit mir geschieht. Der Grund für die scheinbare Unvereinbarkeit der zwei Anweisungen besteht in einem Mangel an Bewusstheit. Absolute Hingabe und freier Wille sind beides Konzepte, die unvereinbar erscheinen, weil sie die Welt nur in einem beschränkten Blickwinkel erfassen. Leben in vollkommenem Gehorsam und Egolosigkeit setzt die selbstgewählte Entscheidung dazu voraus. Auf der anderen Seite ist selbständiges Leben nur dadurch möglich, dass wir uns immer wieder entscheiden, uns dieser oder jener Sache hinzugeben. Entscheiden wir uns nicht, so entscheiden wir uns für das Nicht-Entscheiden. Und wenn wir uns nicht hingeben, so geben wir uns den Folgen dieses Nicht-Hingebens hin. Hingabe ist also ebenso unvermeidlich wie Selbstverantwortung.
Darum kann man sagen, dass beide Aussagen gleichzeitig völlig wahr als auch völlig falsch sind. Denn wenn eine der beiden völlig wahr ist, negiert sie damit die Richtigkeit der anderen. AUSSER wir werden wahrhaftig SELBST-bewusst und betrachten Guru und uns selbst als das, was wir sind. Die ‚Person‘ Guru ist völlig unbedeutend. Denn die ganze Wirklichkeit ist bereits der Guru.

Was bedeutet Wirklichkeit?
‚Wirklich‘ ist das, woraus unsere Wahrnehmung entsteht. ‚Wirklich‘ ist die Quelle, aus der die Welt entspringt. Was ist diese Quelle? Es ist das, was ich bin. Es ist die göttliche Vollkommenheit selbst, die jetzt gerade durch Ihre Augen blickt, durch Ihre Hände bewegt und durch Ihren Körper fühlt. Haben Sie keine Angst. Sie lernen und erfahren immer nur durch sich selbst. Sie riskieren dabei nichts und Sie werden niemals verloren gehen. Folgen Sie, wem Sie wollen. Lassen Sie das Folgen sein, wenn Sie es nicht wollen. ‚Wirklich‘ wichtig ist nur: Sie sind Sie selbst!



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