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Ausgabe Februar 2008
Worte schaffen Wirklichkeit

Die Philologin Mechthild R. von Scheurl-Defersdorf hat das Lingva-Eterna- Sprachtraining entwickelt, das die individuelle Ausdrucksweise beleuchtet und die Aufmerksamkeit auf Wörter, Satzbau, Satzlänge, Sprechgeschwindigkeit und Satzmelodie lenkt.

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Bereits scheinbar geringfügige Änderungen der gewohnten Ausdrucksweise bewirken eine ungeahnte und nachhaltige Wirkung, was dieser Artikel verdeutlicht.
„Ich muss gerade noch mal schnell etwas erledigen. Ich bin gleich wieder da!“ Sätze wie dieser prägen den Alltag vieler Menschen in unserer Gesellschaft. Zahlreiche Füllwörter und die beiden Wörter „müssen“ und „schnell“ gehören bei ihnen zum Grundvokabular. Jeder, der einen solchen Satz hört, weiß, was der Sprecher damit sagen will. Der Inhalt dieser beiden Sätze ist leicht zu erfassen: Jemand will etwas erledigen und geht darum für eine kurze Zeit weg und wird danach wieder kommen. Parallel zu dieser Botschaft erreichen mit diesen beiden Sätzen etliche weitere Botschaften den Gesprächspartner.

‚Muss‘ und ‚schnell‘ laden Fremdbestimmung ein
Der erste Satz hieß „Ich muss gerade noch ‚mal schnell etwas erledigen.“ Mit den Wörtern „muss gerade noch mal schnell’ gibt der Sprecher dem Gesprächspartner und auch sich selbst ein starkes Signal. Mit ihm zeigt er sich als ein fremdbestimmter Mensch. Auf Grund der Resonanz lädt er mit diesem Sprechen und Denken gleichzeitig weitere Fremdbestimmung in sein Leben ein. So schafft er sich selbst seine Wirklichkeit. Selbst wenn er in Wirklichkeit schon lange ein eigenverantwortlich handelnder Mensch ist, gibt er mit der ihm vertrauten Ausrucksweise unbewusst ein anderes Signal.
Ich lade Sie ein, diesen so üblichen Satz bewusst in sich nachklingen zu lassen. Sagen Sie ihn dafür bitte zweimal halblaut und horchen Sie in sich hinein: „Ich muss gerade noch mal schnell etwas erledigen. - Ich muss gerade noch mal schnell etwas erledigen.“ Wie geht es Ihnen mit diesem Satz? Sprechen Sie normaler Weise so?
Mit dem ‚muss‘ gibt der Sprecher zum Ausdruck, dass er unter Druck steht und fremdbestimmt ist. Er handelt nicht als ein selbstbestimmter, eigenverantwortlicher Mensch. Des Weiteren zeigt er mit dem ‚gerade noch mal schnell‘, dass er in Eile und getrieben ist.

Eigenverantwortlichkeit
Ein eigenverantwortlich handelnder Mensch sagt in der gleichen Situation mit Sicherheit etwas anderes als der oben genannte Fremdbestimmte. Er wird klar und eindeutig sagen, um was es geht. Das kann dann so klingen: „Ich gehe jetzt für eine halbe Stunde aus dem Haus. Ich habe etwas zu erledigen. Danach werde ich gleich wieder kommen.“ Dieser Sprecher strahlt allein durch die andere Struktur seiner Sätze etwas anderes aus. Entsprechend werden ihn seine Gesprächspartner anders sehen und folglich auch anders behandeln. Seine innere Haltung und Einstellung zeigt sich in seiner Ausdrucksweise.
Mögen Sie auch dieser zweiten Variante nachspüren? Dann sagen Sie diese Sätze bitte wiederum zweimal halblaut und horchen Sie dabei in sich hinein: „Ich gehe jetzt für eine halbe Stunde aus dem Haus. Ich habe etwas zu erledigen. Danach werde ich gleich wieder kommen.“ Wie geht es Ihnen nach diesen Sätzen?

Worte schaffen Wirklichkeit
Ich finde es immer wieder erschütternd oder auch beglückend, dass eine so scheinbar geringfügige Änderung der Ausdrucksweise eine so starke Wirkung auf den Menschen selbst und auch auf seinen Gesprächspartner hat. Als Folge davon öffnen oder schließen sich Türen. Die sprachlichen Signale auf der weitgehend unbewussten, strukturellen Ebene der Sprache sind lauter und auch echter als die gedachte Botschaft. Sie sind immer unverfälscht und wahr. Und sie wirken immer und schaffen entsprechend immer Wirklichkeit.
Erlauben Sie sich, Formulierungen mit ‚muss‘ und ‚schnell‘ wahrzunehmen und sie gezielt zu wandeln. Wir können durch unsere Art zu sprechen und zu denken Fremdbestimmung in unser Leben einladen Ebenso gut können wir Eigenverantwortung und Selbstbestimmung stärken. Jeder hat die Wort-Wahl.

Werden Sie aktiv!
Jedes Wort hat eine Wirkung und schafft Wirklichkeit. Mindestens ebenso interessant ist die Grammatik. Die Art und Weise, wie Menschen ihre Wörter zu Sätzen bauen, zeigt viel von ihren tiefen Prägungen und von ihrem Leben.
So wie Wörter den Bausteinen des Lebens entsprechen, so entspricht die Grammatik dem Bauplan des Lebens.
Im Hinblick auf das Thema der Eigenverantwortung mag ich Ihre Aufmerksamkeit auf den Gebrauch von Aktiv und Passiv lenken. Bei Passivsätzen bleibt der Tätige verborgen. Er zeigt sich nicht. In der Folge sehen andere nicht, wer derjenige ist, der für eine Handlung verantwortlich ist: „Der Neubau einer Chemiefabrik wurde mit großer Mehrheit beschlossen“ Dies ist eine Passivkonstruktion. Wer ist verantwortlich für die Entscheidung? Der entsprechende Satz heißt im Aktiv „Der Stadtrat beschloss den Neubau einer Chemiefabrik.“ Hier zeigt sich der Verantwortliche. Er wird sichtbar.
In vielen Bereichen des täglichen Lebens sind Passivkonstruktionen Alltagssprache. Sie sind den meisten Menschen so gewohnt, dass sie sie nicht einmal bemerken. Das ist schade und folgenreich. Passivsätze stehen dem Erfolg im Weg. Wer aus Gewohnheit Passivsätze bildet, zeigt damit, dass Passivität sein Denken und Handeln bestimmt. Das Passiv heißt in der Grundschule auch die Leideform. Passiv kommt von dem lateinischen Wort ‚patiri‘ ‚leiden‘. Übrigens kommt auch der ‚Patient‘ daher.
Das Erkennen und Aufspüren von Passivsätzen in der alltäglichen Sprache erfordert vom Sprecher ein hohes Maß an Aufmerksamkeit. Das anschließende Umformulieren ist deutlich einfacher. Der bewusste Gebrauch von aktiven Sätzen leitet einen grundlegenden Wandel der inneren Einstellung ein.

Ein goldener Schlüssel
Es ist allgemein üblich, auf den Inhalt und die Bedeutung von Wörtern und Sätzen zu achten. Für die Struktur der Sprache haben Menschen kein natürliches Empfinden. Darum haben die meisten Menschen keine bewusste Vorstellung davon, wie sie ihre Sätze bilden. Dabei liegt genau hier ein goldener Schlüssel für ein selbstbestimmtes, in Eigenverantwortung geführtes Leben.



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