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Ausgabe Januar 2008
Rauchen

Geschichte eines Rituals
Nicht nur für diejenigen, die anlässlich des Rauchverbotes in der Gastronomie ab 2008 mit dem Rauchen aufhören wollen, ist das handliche und übersichtliche Buch von Rüdiger Dahlke zu empfehlen, in dem er die Ursprünge des Rauchens

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Eine kurze Geschichte des Rauchens
Das Rauchen hat bereits eine lange Tradition und wir begegnen ihm schon bei den alten Ägyptern sowie in der jüdischen und griechischen Kultur. Bei Hippokrates etwa findet sich die Empfehlung, bei Frauenleiden geweihten Rauch einzuatmen und Herodot beschreibt die Verwendung richtiger Pfeifen. Seine eigentliche Geschichte aber ist mit der des Tabaks verbunden und damit mit Amerika. Die Vorfahren der Indianer betrachteten den Tabak als Geschenk der Götter und meinten, durch ihn am besten mit ihnen in Kontakt treten zu können. Sie trockneten die Blätter, entzogen ihnen damit das seelische Wasserelement und verliehen ihnen so eine gewisse Leichtigkeit. Durch Verbrennen, also durch das göttliche Feuer, verloren die Blätter das ebenfalls materielle Erdelement und stiegen als Luftelement in Form von Rauch wieder zu den Göttern auf – ein klassisches Opfer der Indianer.
Gehütet wurde das heilige Feuer von den Medizinhäuptlingen, den Kaziken, die es mit aromatischen Kräutern, darunter auch Tabak, schürten. Der Rauch, den sie dabei zwangsläufig einatmeten, versetzte sie in Trancezustände, deren Auswirkungen sie als Werk der Götter betrachteten.

Indianer
Das Leben der Indianer war im Grunde durchritualisiert. So erhielten Rauch und Rauchen neben dem Opfer noch andere Bedeutungen: Mit Rauchwolken imitierten die Indianer die Zeichen der Götter – die Wolken. Und allgemein bekannt ist das Rauchen der Friedenspfeife als Versöhnungsritual. Ursprünglich war sicher die Hauptsache am Rauchen das Ausatmen des Rauches – so etwa bei den Mayapriestern, die ihn rituell in die vier Himmelsrichtungen bliesen. Zu Columbus Zeiten war das Rauchritual unter den Indianern bereits weit verbreitet. Sie empfanden sich durch den Kontakt mit den Göttern als gestärkt, ausdauernder und weniger von Hungergefühlen geplagt. Aufgrund dieser „Wirkungen“ wurde der tobago auch als Heilmittel eingesetzt, natürlich eingebettet in ein Ritual.

Europa
Die spanischen und portugiesischen Eroberer brachten den Tabak nach Europa. In England entdeckte man ihn gleich als Genussmittel. Thomas Hariot war die bessere Gesundheit der Indianer aufgefallen und er hatte sie irrtümlich auf das Rauchen zurückgeführt, das er dann in seiner Heimat ebenfalls als Heilmittel empfahl. Tatsächlich aber wurde übersehen, dass das rituelle Leben der Indianer ihre Gesundheit positiv beeinflusste. Das Heilmittel Tabak fand anfangs nur bei wenigen Außenseitern intensiven Zuspruch, bevor sich allmählich auch die Ärzte dafür begeisterten. Doch nach und nach wurde die Pflanze zum gepriesenen Allheilmittel. Tabak wurde geraucht, geschnupft und seine Blätter für Umschläge verwendet. Die Universitäten priesen ihn und bald fand er Eingang in alle Apotheken. Im 17. Jahrhundert tat die Pest ein Übriges zur raschen Verbreitung des Tabaks, den man hier ebenfalls als neues Wundermittel pries. Der Glaube an seine heilenden Kräfte und die Angst vor der Pest ließen den Tabak seinen Siegeszug antreten. Neben der Pest halfen auch die Kriege bei der Verbreitung des Tabaks mit. Während des Dreißigjährigen Krieges etablierte sich das Pfeifenrauchen in ganz Europa, während der Napoleonischen Kriege löste das Zigarrenrauchen das mittlerweile üblich gewordene Schnupfen ab. Durch den Ersten Weltkrieg schließlich entwickelte sich das Zigarettenrauchen zu einer weltweiten und bis dato unausdenkbaren Epidemie. Kaum zu glauben, aber wahr: Der Zweite Weltkrieg schaffte noch eine Steigerung. An dieser Entwicklung lässt sich ein offensichtlicher Zusammenhang zwischen Rauchen, Angst und Aggression ablesen.

Rauchen als Bedürfnisbefriedigung
Rauchen hat für Raucher nicht nur einen Sinn, sondern auch eine Ventilfunktion. Voraussetzung für eine mögliche Behandlung des Rauchens ist die genaue Analyse der eigenen Bedürfnisse und Ängste, die im Rauchen gelebt bzw. zum Ausdruck gebracht werden. Eine echte Chance, unser Rauchverhalten zu verändern, haben wir nur, wenn trotzdem unsere Bedürfnisse befriedigt werden, denn sie selbst sind in Ordnung und sollen auch gar nicht Ziel der Veränderungsbestrebungen sein. Der Raucher, der seine Lernaufgabe erkannt hat, steht nun vor der Wahl: bewusst und ehrlich weiterrauchen oder bewusst und ehrlich aufhören. Rauchen mit schlechtem Gewissen ist wohl die gefährlichste Art des Rauchens überhaupt, denn es ist erwiesen, dass die Indianer, die öffentlich und ohne Gewissensdruck rauchen können, weil sie Tradition und Ritual nachgehen, trotz stärkerer Tabakzubereitungen keinen gesundheitlichen Schaden davontragen. Schon als wir bei den Indianern mit dem Rauchen zum ersten Mal konfrontiert wurden, haben wir das Wesentliche daran nicht erfasst, und daran hat sich bis heute nichts geändert. Das Phänomen ist, dass beim rituellen Rauchen zwar die Schadstoffe natürlich ebenso vorhanden sind, dass es aber offenbar einer gewissen psychischen „Aufnahmebereitschaft“ bedarf, damit sie tatsächlich Schaden anrichten können.

Zen in der Kunst des Rauchens
Frage an den Zen-Meister: „Was ist das Geheimnis deiner Verwirklichung?“ „Wenn ich sitze, sitze ich, wenn ich esse, esse ich, wenn ich gehe, gehe ich.“ In meiner Praxis habe ich eine sehr erstaunliche Erfahrung gemacht, als ich vor Jahren damit begann, Rauchern zur Entwöhnung ein Rauchritual dreimal pro Tag vorzuschlagen. Ein Kettenraucher, der fast 100 Zigaretten täglich konsumierte, ließ sich darauf ein und erzählte mir, selbst völlig überrascht, dass ihm beim bewussten Rauchen richtig übel würde. Offensichtlich besteht also ein gravierender Unterschied zwischen 100 nebenbei und achtlos und einer bewusst gerauchten Zigarette, die eine ganz andere Reaktion hervorrufen kann. Wollen wir zu den Wurzeln des Rauchens zurückkehren, müssen wir selbst den entsprechenden rituellen Rahmen schaffen und ihm den Stellenwert wie in den Religionen verleihen. Für die meisten Raucher wäre das bewusste Genussritual der Königsweg: zurück zu den Anfängen des Rauchens und dann noch einmal ganz ehrlich überlegen, ob man diese Rituale in sein Leben integrieren und daran wachsen will.

Dr. med. Ruediger Dahlke, Jahrgang ´51, ist Arzt und Autor und seit 1978 als Psychotherapeut, Fastenarzt und Seminarleiter tätig. Er leitet das Heil-Kunde-Zentrum für Psychotherapie, ganzheitliche Medizin und Beratung inJohanniskirchen in Bayern zusammen mit seiner Frau Margit. Sein Interesse gilt der Entwicklung einer ganzheitlichen Psychosomatik unter Einbezug spiritueller Themen wie sie sich in den Bestsellern ‚Krankheit als Weg‘, ‚Krankheit als Symbol‘ oder ‚Krankheit als Sprache der Seele‘ ausdrücken.


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