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Ausgabe Januar 2008
Vom Menschsein in der Medizin

Die Psychologin Birgit Permantier hat den Arzt Dr. Klaus Platsch - Autor des kürzlich erschienenen Buches „Was heilt – vom Menschsein in der Medizin“ - zu den unterschiedlichen Dimensionen des Heilens befragt. Das Interview drucken wir in einer sehr ver

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Birgit Permantier: Sie beschäftigen sich in ihrem neuen Buch „Was heilt - vom Menschsein in der Medizin“ auf vielen unterschiedlichen Ebenen mit neuen Dimensionen des Heilens, die sich aus einer lebendigen, gelebten, spirituellen Haltung von Arzt und Patient entfalten können, wenn auf beiden Seiten eine Offenheit besteht. Was ist die zentrale Botschaft, die sie Heilern und Menschen, die um Heilung bemüht sind, mitteilen möchten?
Dr. Klaus Platsch: Heilung geschieht in einem heilenden Feld – einem Feld universeller Liebe. Liebe ist hier nicht persönlich oder sentimental gemeint, sondern beschreibt die tiefste Verbundenheit des Menschen mit Allem. Der Mensch ist eins mit Allem. Die Struktur unseres Universums ist für mich diese Art von Liebe – Liebe ist quasi die Matrix, die alles miteinander verbindet. Über diese Liebe hat der Mensch Zugang zu Allem, was existiert, aber auch zu dem Jenseits von Form und Gestalt, was wir gewöhnlich göttlich oder numinos nennen. Diese Allverbundenheit macht uns Menschen ganz – und Ganzsein ist bereits Heilsein, selbst wenn gleichzeitig Krankheitssymptome bestehen. Die konventionelle Medizin ist eine Medizin des Trennens. Da gibt es den Patienten oder die Patientin und die Krankheit, die sie gern loswerden möchten; da gibt es Schmerzen und den oder die, die sie weghaben wollen; da gibt es den Arzt oder die Ärztin, die das medizinische Wissen haben, und die Patienten, die es suchen.
Auf der Ebene unseres Verstandes müssen wir trennen. Der Verstand funktioniert dual, trennend, Gegensätze kreierend. Die herkömmliche Medizin ist eine objektorientierte Verstandesmedizin. Und das ist wirklich sehr hoch zu schätzen. Aber sie ist dadurch auch auf den organisch-materiellen Bereich beschränkt und so nicht in der Lage, tiefere Quellen von Heilung zu erschließen.
Das nicht trennende Bewusstsein der Heilung ist die Ebene des Herzens. Hier wird der Mensch ganz und in seiner Menschlichkeit gesehen, mit allen Ecken und Kanten, aber auch in seiner tieferen Vollkommenheit. Ein Mensch, der sich in seiner Tiefe erkannt und gesehen fühlt, findet wie von allein zu seiner Ganzheit zurück and damit zu unbegrenzten Ressourcen von Heilkraft.
In diesem heilenden Feld sind Arzt, Patient und Heilkraft ungetrennt. Ich als Arzt setze mein ganzes professionelles Wissen ein, ja, aber im heilenden Feld überantworte ich mich der Weisheit und dem unendlichen Wissen des Universums. Hier gilt: Nicht ich heile – es heilt.
Kann man das lernen?
Da gibt es unendlich viele Möglichkeiten. Dieses Wissen ist eigentlich in jedem Menschen immer schon da. Aber das möchte zuerst einmal bewusst werden. Man kann es schwerlich aus Büchern lernen. Um diesen inneren Entwicklungsprozess zu unterstützen und auf die Heilarbeit auszurichten, habe ich eine zweijährige Ausbildung – man sollte eigentlich lieber von „Entbilderung“ sprechen, denn viele unserer gewohnten Vorstellungen und Konzepte relativieren sich in diesem Prozess – „Heilende Medizin – ein integraler Entwicklungsprozess für Menschen im Heilberuf“ auf der Fraueninsel im oberbayerischen Chiemsee ins Leben gerufen. Dort geht es um die Vertiefung der Heilarbeit von Ärzten und Therapeuten und damit auch um die Arbeit an sich selbst. Aber auch Patienten können vieles zu ihrem eigenen Heilungsprozess beitragen.
Wie gehen Sie in Ihrer Arbeit genau vor? Benutzen Sie zum Beispiel bestimmte Methoden in Ihrer Arbeit?
Auf der äußeren Ebene arbeite ich vor allem mit der Akupunktur. Sie kann den inneren Prozess durch eine Neuausrichtung und Neubelebung der Lebensenergie wunderbar unterstützen. Auch chinesische Heilkräuter wende ich an oder wir machen die eine oder andere Qigong-Übung. Bei allem spielt aber das Gespräch und vor allem das Miteinander-Sein eine wesentliche Rolle. Mit vielen Patientinnen und Patienten übe ich auch Heilmeditationen und Visualisationsübungen ein, wodurch ein Raum für neue Heilinformationen im Organismus und in gesamten Bewusstseinsfeld des jeweiligen Menschen entstehen kann.
Das Eigentliche des Heilungsprozesses geschieht also mehr hinter den Methoden?
Allein schon die Krankheit ins Leben hinein zu nehmen und sich auf die Kräfte im heilenden Feld einzulassen, bewirken neben der Verbesserung der Gesundheit auch einen tief greifenden Erkenntnisprozess im Menschen, der alles verändern kann. Oft gibt es Erkrankungen, für die die Medizin keinen Ausweg und keine Antworten findet, z.B. bei Krebs, AIDS, chronischen Schmerzen oder Depressionen. Alles, was die Medizin weiß und kann, wird eingesetzt, aber der Mensch bleibt nur allzu oft in seinem Leid auf der Strecke. Dort, wo es auf der körperlichen oder psychischen Ebene nicht mehr weitergeht, ist ein Ebenenwechsel angesagt – im Sinne einer größeren Wirklichkeit, deren Teil wir sind. Verbunden mit dem ganzen Universum, verbunden in universeller Liebe mit jedem Wesen, jedem Planeten und jeder Galaxie. Dieser Ebenenwechsel hilft, das leidende Ich in einem anderen Licht zu sehen und angesichts der Größe und Schönheit des Universums zu relativieren. So finden wir leichter heraus aus der isolierenden Einsamkeit der Krankheit und können unsere begrenzten Vorstellungen über Krankheit, Gesundheit, Leben und Tod fallen lassen und im Vertrauen auf die Richtigkeit des Lebens und die Heilkräfte der Allverbundenheit es von Neuem für möglich zu halten, dass alles möglich ist. Alles ist möglich – aber nichts ist machbar. In der hingegebenen Haltung des „Dein Wille geschehe“ können Arzt und Patient einen Heilungsprozess einladen und sich ihm ganz anvertrauen. Nicht ich heile – es heilt.
Vielen Dank für das Gespräch!

Buchtipp: Dr. Klaus Platsch: Was heilt – Vom Menschsein in der Medizin, Theseus, Stuttgart, 2007


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