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Ausgabe Oktober 2007
Tai-Che-Gong - Der Weg ist das Ziel

Die Diplom-Sozialpädagogin Annette Hempel erläutert die Ursprünge der chinesischen Bewegungskünste.

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Fünf Grundelemente
Erste Hinweise auf die alten Bewegungsformen des Tai-Che-Gong finden wir in den Annalen von chinesischen Mönchen, denen diese Übungen zur Stärkung ihrer gesamten Körperenergie gegeben wurden, damit sie vor allem ihre innere (Nerven-)Ruhe kräftigen, sie sich besser ”Versenken”, d.h. konzentrieren lernten. Die Übungen schauten die Weisen den Tieren ab, in denen sie auf Grund ihrer Naturbeobachtungen bestimmte, für den Menschen förderliche Neigungen erkannten. So stärken die Bewegungen des Tigers die Knochen, die des Leoparden die Kraft der Muskeln und die Dehnungen des Kranichs die Sehnen und Nerven. Die Schlange verbindet das große Geheimnis der dreifachen Kraftentwicklung des Che durch ihre ansatzlose meditative Ruhe, blitzartige Schnelle und langsame Bewegung. Der Drache symbolisiert die Kraft des Feuers - er steht für die Blitze am Himmel. Die aktive und direkte Lenkung der Che-Energie kommt durch ihn im physischen materiellen zur Auswirkung. Die Verbindung dieser fünf Grundelemente ergeben die Urform des Tai-Che-Gong, das auch “Altes Shan-Lin” genannt wird.
Fünf Stufen
Die Lebensenergie Che wird hierbei durch konzentriertes, d.h. bewusstes Erarbeiten Gong mittels der Ausdrucksform Tai zu einem stärkenden Bewegungsablauf verbunden, der es den Übenden ermöglicht, in sich selbst den eigenen Wesenskern zu finden. Bei den Übungen atmen wir grundsätzlich durch die Nase ein, wenn die Bewegungen an den Körper herangeführt werden und atmen aus beim Wegführen vom Körper. Bilden Atmung und Bewegung einen klaren fließenden Ablauf, den wir durch die entwickelte innere Ruhe während der Übungen in uns erfahren, haben wir die erste Stufe des Tai-Che-Gong erreicht. In der zweiten Stufe werden die gleichen Übungen in einer etwas tieferen Stellung - der mittleren Hocke – ausgeführt. In der dritten Stufe wird der ursprüngliche Übungsablauf nun in der tiefen Hocke geübt, was für jeden eine sehr hohe Körperbelastung ist, die selbst austrainierten Personen großes Können abverlangt. Hierbei wird die fließende Che-Kraft von uns bereits sehr intensiv wahrgenommen. In der vierten Stufe werden die gleichen Übungsabläufe abwechselnd in unterschiedlichen Geschwindigkeiten zwischen langsam, blitzschnell und meditativ ausgeführt. Die dabei entstehende (Schlangen-)Dynamik sorgt für einen starken Che-Fluss, den wir sehr bewusst erfassen. In der fünften Stufe wird die Übungsform der vierten Stufe zusätzlich durch unterschiedliche Stellungshöhen der hohen, mittleren und tiefen Hocke abwechselnd ausgeführt. Diese Bewegungsform bewirkt durch die unterschiedlichen Höhen und Tempi einem harmonischen Ablauf mit großer Dynamik bei gleichzeitiger innerer Ruhe in den Ausübungen. Man spricht in der fünften Stufe daher zu recht vom ”Tanz des Drachens”, d.h. der völligen Harmonisierung des eigenen Wesens bei gleichzeitiger Freisetzung der Che-Energien während der Übungen. Der Ausübende wird dabei Eins mit seiner Che-Energie, verkörpert sie durch sich selbst. Dieses Ziel der ganzheitlichen eigenen Entwicklung durch das Tai-Che-Gong wird zügig erreicht, wenn wir die oben genannten fünf Stufen grundsätzlich in völliger innerer Leere/Ruhe - also in vollkommener ”Meditationsbewegung” - vollziehen.
Getrennte Disziplinen
In der Vergangenheit wurde diese ganzheitliche Übungsform des Tai-Che-Gong in kleinere Systeme unterteilt und in späterer Zeit als getrennte Disziplinen angesehen. So wurden die speziellen medizinischen Übungen separiert, die seitdem als Che(I)Gong gelehrt werden. Der übrig gebliebene atemintensive und mehr körperliche Aspekt (mit der Berücksichtigung des Meditativen) bildete die Grundlage der asiatischen Sportkünste und wird seitdem allgemein als Tai Che bezeichnet. Die Übungen in den Stufen des ursprünglichen Tai-Che-Gong dagegen fördern unser Wesen geistig, körperlich wie seelisch ganzheitlich. Sie schaffen körperliche, mentale und seelische Stabilität und geben uns innere Klarheit für das eigene Leben, die wir alle wohl so dringend benötigen. Tai-Che-Gong ist daher ein Übungsweg, der nie endet und uns in immer tiefere Erfahrungsräume des eigenen Wesens öffnet und dessen Endzustand daher aus menschlicher Sicht nicht zu erfassen ist.
Buchtipp: Lanto, Drachenweg des Shao-Lin, Dreieichen Verlag



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