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Ausgabe August 2007
Polarity: Die innere Ökologie grüßt die äußere


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Polarity wurde von dem amerikanischen Ostheopathen und Naturheilarzt Dr. Randolph Stone gegründet. Sie beinhaltet eine breite Sammlung vieler Gesetzmäßigkeiten, die auf einer exakten Beobachtung der Natur und des ganzen Kosmos beruhen. Ziel ist, ein inneres Pulsieren in Gang zu bringen. Urs Honauer ist Leiter des Schweizer Polarity-Bildungszentrums in Zürich und stellt die Methode vor.

"Wissen ist Macht", hat der britische Philosoph Francis Bacon einmal geschrieben. Das Zitat prangt über gar mancher Universitätstüre auf dem ganzen Globus. Oft ergänzt von den berühmtesten Worten des Aufklärungs-Philosophen René Descartes: "Ich denke, also bin ich." Die Überzeugung, dass Wissen und Denken der Schlüssel zu Erfolg (und Macht) sind, hat unsere Gesellschaft geprägt. Und es hat dazu geführt, dass unsere Sozialisation mehr und mehr zu einer Art Gehirnwäsche geworden ist. Menschen in unserer westlichen Kultur sind so sehr darauf trainiert worden, nur immer noch mehr Informationen und noch mehr von dem, was wir als Wissen(schaft) bezeichnen, zu sammeln, dass andere wichtige Teile der menschlichen Existenz mehr oder weniger unfreiwillig verabschiedet wurden. Das Fühlen und Spüren, die beiden anderen elementaren Wissensebenen unseres Seins, sind in unserer Neocortex-Gesellschaft zu Dritt-Welt-Destinationen geworden. Das Unterentwickelte in uns selber so klar zu erkennen, ist deshalb eines der Ziele vieler alternativer Gesundheitsansätze.
Der Einbezug des Fühlens als weiterer wichtiger Wahrnehmungs- und Wissensebene ist in den letzten Jahren auch wieder viel bedeutsamer geworden. "Ich fühle, also bin ich", hat der amerikanische Neurologe Antonio Damasio als ergänzende Antwort auf Descartes geschrieben. Die emotionale Intelligenz hat einen Teil ihres zuvor verlorenen Platzes in der Gesellschaft zurückerobert. Eine dritte Ebene ist aber weiterhin kaum thematisiert. "Ich spüre, also bin ich" sucht noch einen Autor. Gemeint ist damit die körperliche Wahrnehmung in Ergänzung zur intellektuellen gedanklichen und zur gefühlsmässigen. Die drei zusammen führen zurück zu einer Ganzheitlichkeit, die der Schweizer Pädagoge Johann Heinrich Pestalozzi einst mit "Kopf, Herz und Hand" beschrieb.

Gesundheitssystem im Wandel
Die Suche nach ganzheitlichen Formen im Leben generell und vor allem auch im krank gewordenen allein schulmedizinisch ausgerichteten Gesundheitswesen prägt unsere Zeit. Einerseits haben ganzheitlicher ausgerichtete Heilformen aus China, Indien, Ägypten oder aus indianischen Kulturen in Mitteleuropa Einzug gehalten, anderseits entstehen laufend neue Therapieformen zur Wirbelsäulenbehandlung, zur inneren Reinigung oder zum Energieausgleich. Das ganze Gesundheitssystem ist im Wandel, ob dies der Schulmedizin nun gefällt oder nicht.
Eine ganz spezielle Position in diesem Feld anderer Paradigmen nimmt das Polarity-Modell ein. Obwohl es Polarity als Therapiemethode auch in Deutschland schon seit über 20 Jahren gibt und der Polarity-Verband (PVDeV) über 100 Therapeuten organisiert, ist die vom amerikanischen Ostheopathen und Naturheilarzt Dr. Randolph Stone gegründete Methode eine Art Geheimtipp im breiten Feld der Komplementärmedizin geblieben. Das mag damit zusammenhängen, dass umfassende genzheitliche Modelle in einer weiterhin mehr von Spezialisierung geprägten Welt weniger gefragt sind als bekanntere Therapien, die sich auf einen bestimmten engeren Fokus ausrichten, wie beispielsweise die Fussreflexzonen-Massage, die Wirbelsäulenbehandlungen nach Dorn oder die Craniosacrale Therapie. Polarity ist eine breite Sammlung vieler Gesetzmässigkeiten, die auf einer exakten Beobachtung der Natur und des ganzen Kosmos beruhen. Randolph Stone studierte ab den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts über Jahrzehnte die indischen, chinesischen, ägyptischen, amerikanischen und europäischen Naturheilsysteme und entdeckte in ihrem Kern viele Gemeinsamkeiten. Diese stellte er in den Mittelpunkt seines umfassenden Gesundheitsmodells, das sich von anderen Methoden vor allem dadurch unterscheidet, dass es sich an bestimmten Prinzipien orientiert, die aus der genauen Beobachtung der Natur und ihrer Entstehungsprozesse von Leben und Gestaltbildung gefiltert worden sind. Die Prinzipien sind so etwas wie die kulturübergreifende Sprache von Gesundheit und Leben.

Prinzipien helfen Erfahrungen ordnen
Der berühmte deutsche Physiker Werner Heisenberg hat im Rückblick auf sein Leben gesagt, dass er von der griechischen Philosophie und insbesondere von Plato deshalb so begeistert war, weil er dahinter die Fähigkeit ausmachte, jede gestellte Frage ins Prinzipielle zu wenden. In anderen Philosophien und Lehren fand er keine solchen Prinzipien, die es ihm erlaubten, zu ganz anderen Gesichtspunkten zu gelangen als allein jenen Resultaten der Logik. Es sind die Prinzipien, die Menschen dabei helfen, das bunte Vielerlei ihrer Erfahrungen zu ordnen und so Inhalte dem menschlichen Denken aus anderer Sicht zu präsentieren. Heisenberg betrieb Naturwissenschaft in erster Linie mit Fragen, die er ins Prinzipielle wendete. Das führte ihn zu aussergewöhnlichen Erfahrungen und Erkenntnissen, die ihn weltberühmt machten. Eine der revolutionärsten Aussagen des anerkannten Atomphysiker war jene, dass es vielleicht auf der Mikroebene eines Atoms gar keine Teilchen mehr gebe, sondern nur noch Energiezustände, die wir uns vom Intellekt her nicht vorstellen können. Weil lineares Denken und Kausalität dort versagen.

Polarity basiert zwar nicht grundlegend auf der griechischen Weltvorstellung, aber Randolph Stone baute in sein Gesundheitsmodell genau jenen Aspekt ein, den Werner Heisenberg bei den Griechen so liebte: die Bedeutung von Prinzipien. Das Modell ist geprägt von einer klaren Orientierung an Prinzipien, die auf Gesetzen aus dem Kosmos aufbauen. Die Natur lebt von der Spannung zwischen zwei Polen. Diese schöpferischen Spannungsfelder auch im menschlichen Körper wieder herzustellen, ist das grosse Ziel von Polarity. Das kann über Körperarbeit, das Gespräch, die Ernährung oder ein spezifisches Yoga erfolgen - den vier inhaltlichen Säulen des Polarity-Gesundheitsmodells.
Andere Prinzipien der Orientierung sind die fünf Elemente Äther, Luft, Feuer, Wasser und Erde, die von Paracelsus einst hierzulande auch das Licht der Natur genannt wurden. Oder die drei Berührungsarten sattvisch = Raum gebend, rajas = rhythmisch bewegend, auslösend und tamas = tiefer ins Gewebe gehend. Eine Therapeutin sagt begeistert: "Es ist das umfassendste Gesundheitsmodell, das ich in all den vielen Jahren meiner Kontakte mit natürlichen Heilmethoden gefunden habe."

Gestaute Energien in Bewegung bringen
Das Prinzip tönt einfach: Wo immer gestaute Energien vorhanden sind, die sich in Form von starken Körper- oder Seelenschmerzen äussern, geht es bei Polarity darum, einen Gegenpol zu finden und beide Positionen zu halten - das Unangenehme ebenso wie das Angenehme, den Schmerz im Arm ebenso wie das Lächeln, das beim Blick auf das schlafende Baby entsteht. In der Körperarbeit wird eine Schmerzzone zum Beispiel mit einer stärkenden Zone verbunden. In dem dadurch neu kreierten Feld zwischen einem Plus- und einem Minuspol bildet sich die ausgleichende dritte Kraft, die im Polarity-Jargon das Neutrum genannt wird. In Analogie zum Fruchtbarkeitsgesetz der Natur entsteht aus dem Zusammenkommen zweier gegensätzlicher Kräfte (in der Regel männlich und weiblich) eine dritte, die erst nur samenartig da ist, dann aber immer grösser und stärker wird. Der Wiederaufbau eines solchen polaren Feldes schürt die Dynamik der inneren Lebenskräfte und ist deshalb aus Polarity-Sicht für die Heilungsebene viel Wichtiger als das ständige Wiederkäuen von erlebten Geschichten und das darauf aufbauende kausale Verfolgen möglicher Gründe (meist inklusive Schuldzuschreibung), wie sie in vielen Therapien Standard ist. Ziel ist bei Polarity ein inneres Pulsieren in Gang zu bringen, das Hin- und Herpendeln zwischen zwei Polen, die Bewegungen von Ausdehnung und Zusammenziehen - also das, was in der Natur draussen als Prozess von Selbst-Regulation zu beobachten ist. Die innere Ökologie grüsst die äussere.

Dreieinigkeit von Verstand, Körper und Gefühl
Zurück zum eingangs thematisierten Bereich von ganzheitlicher Wahrnehmung. Das Polarity-Modell orientiert sich an allen drei Ebenen, dem Spüren ebenso wie dem Fühlen und Denken. Das ganze System interessiert, es braucht ein Navigieren zwischen den drei Wahrnehmungsebenen, die sich ergänzen in Ausrichtung aufs Ziel der Ganzheit hin. Nur beim Denken zu verweilen oder nur beim Fühlen führt im Modell von Stone zur Zerstückelung unseres Seins. Die Dreieinigkeit von Verstand, Körper und Gefühlen prägt die Polarity-Philosophie. Das Leben ist aus dieser Sicht ein Wechselspiel zwischen den drei Ebenen. Im Körper zu sein und einfach zu spüren, entlastet den Geist ebenso wie das Zulassen von Gefühlen. Die Sucht nach Informationen und Wissen - wie es unsere aufgeklärte Kultur geprägt hat - ist dann nicht mehr doktrinär alleinherrschend da, alles andere verdrängend. Der Körper und die Gefühle bekommen wieder ihren von der Natur angestammten Platz. Mit erstaunlichen Folgen, wie erfahrene Polarity-Therapeuten berichten: Nicht-Wissen und einfach Empfinden führt oft zu einem tieferen Wissen, zu inneren Pulsationen, Rhythmen, Vibrationen. Hinter dem Nicht-Wissen und dem bewussten Nichts-Tun verbirgt sich oft eine geheimnisvolle Türe zu einer Welt, die ständig für neue Überraschungen sorgt. Zu einer Welt, wo nichts berechenbar und alles auf den Moment fokussiert ist. Zum Hier und Jetzt.

Raum schaffen für eigenen inneren Rhythmus
Der dänische Philosoph Bob Moore hat einmal geschrieben, dass wir Menschen uns letztlich nach einer Welt und einer Atmosphäre sehnen, in der wir mehr über Energie erfahren können - weil wir über den Kontakt mit Energien mehr über uns selber erfahren. Das Eintauchen in die Geheimnisse der Energie-Anatomie, die einen zentralen Bestandteil des Polarity-Gesundheitsmodells ausmacht, ermöglicht die Suche nach den Pulsationen, die sich in einem Energiefeld zwischen zwei Polen bilden und zeigen. Es geht darum, Raum zu schaffen, damit der eigene innere Rhythmus wieder pulsieren kann. Zugeschüttete Energiebahnen können sich so plötzlich wieder öffnen. Leben ist Energie in Bewegung, hat Randolph Stone als Gründer von Polarity betont. Wenn Energie wieder zu fliessen beginnt, leben auch Menschen plötzlich intensiver. Der Fokus verändert sich. Kinder, Männer und Frauen beginnen ihren eigenen Film neu zu schreiben, berichten langjährige Polarity-TherapeutInnen mit Überzeugung. Mehr von innen nach aussen, weniger von aussen nach innen. Weniger Druck, mehr Ausdruck. Viel Authentisches, wenig Gespieltes. Der Anspruch des Modells ist hoch: Menschen sollen wieder mehr zu Künstlern und Künstlerinnen werden und so alte Wunden heilen. Es geht nicht mehr um Kurieren, sondern um Kunst - um Heilkunst ...

Prinzipien sind gültig für jeden Lebensbereich
Bildlich gesprochen geht es vor allem darum, den Stier im Leben immer an beiden Hörnern zu packen, hell und dunkel einzubeziehen, weich und hart, kalt und warm, Feuer und Wasser, Himmel und Erde. Angestrebt wird eine Verbindung statt einer polarisierenden Trennung. Im Polarity-Modell steckt so ein integratives Weltmodell. Eines, das offenbar sogar im Trend liegt. "Der Trend der nächsten Jahre sind Entschleunigung und weiche Themen" hat der führende Trendforscher Matthias Horx verkündet. Sich einfühlen und Spüren sind Voraussetzungen fürs Wahrnehmen des Weichen und des Verlangsamens. Horx verkündet weiter, dass die Zukunft des Menschen dahingehe, mehr und mehr von der Fremdbestimmung wegzukommen, hin zu einer eigengestalteten Biografie. Sein Credo: Wir müssten wieder lernen, Nein zu sagen und wieder mehr geniessen lernen. Mehr Inside-Out, bessere Grenzen, ein Leben geprägt von Achtsamkeit und subtileren Wahrnehmungen sprechen, ist für Matthias Horx die Zukunft unserer Gesellschaft. Statt Hightech ist für ihn Hightouch angesagt. Themen wie Gesundheit und emotionale, menschennahe Dienstleistungen treten in den Vordergrund.
Modelle, die genau das aufgreifen, was Horx als nächsten Schritt unserer Evolution bezeichnet, sind also dringlichst gefragt. Polarity bietet hier eine schon seit einem halben Jahrhundert erprobte spannende Alternative. Weil einfache Erklärungen leichter verdaubar sind als etwas sehr Komplexes ist sie aber schwieriger kommunizierbar als einfachere Methoden, betonen die Polarity-Fachleute. Dort liege die grosse Herausforderung für Schulen und Therapeutinnen (die sind auch bei Polarity mehrheitlich weiblich): In Anlehnung an Horx geht es darum, einer nach Entschleunigung lechzenden Gesellschaft zu zeigen, dass andere Paradigmen als das zuletzt einseitig vorherrschende durchaus schon vorhanden sind.

Nicht länger das eigene Wachstum verhindern
Wo polarisiert wird, da dominieren Angst und Misstrauen, Hass und Krieg, Verurteilung und Kälte. Und: "Die Energierichtung des Geschehens verläuft dort wie auch sonst meist in unserer Gesellschaft einseitig von aussen nach innen. Manipulation, Dominanz, Gehirnwäsche, offene oder versteckte Diktaturen sind Auswüchse dieser Welt. Immer geht es dabei um richtig oder falsch." Bob Moore nennt es das Verhindern des eigenen Wachstums.
Die Polarity-Sicht ist philosophisch untermauert: Wahrheiten machen abhängig und zerstören die kulturelle Vielfalt. Propagierte Wahrheiten existieren in der Regel im Aussen, Menschen richten sich nach ihnen statt nach innen aus. Da liegt aus dem Polarity-Modell heraus die Falle: Es geht nicht um ein aufdiktiertes und angelerntes richtig oder falsch, sondern um etwas, das sich in Verbindung mit der inneren Ethik als stimmig anfühlt. Um das überhaupt merken zu können, müssen Menschen sich ständig zwischen zwei Polen hin- und herbewegen und immer wieder von Neuem spüren, wo es sich für sie in diesem Moment stimmig anfühlt. Sich dort, wo es für einen wirklich stimmt, im Sinne einer angesagten Entschleunigung niederzulassen, ist eine der grössten Freiheiten im Leben. Die Dialektik des Energiefeldes bietet ständig jene Wachstumschancen an, die bei einem vorgespurten polarisierten Leben fehlen. Weisheit orientiert sich an der Unbegrenztheit, in welcher scheinbar Unmögliches plötzlich spielend (und spielerisch) möglich wird. Nichts-Tun, Nicht-Wissen, das Eintauchen ins Nichts sind Teile des Unbegrenzten. Jener Welt, die Reinhard Mey einst mit den Worten "Dort, wo die Freiheit noch grenzenlos ist" besang.



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