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Ausgabe August 2007
Psychodrama

Verkörpertes Seelenspiel – heilsames Beziehungstheater

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Die Psychodramaleiterin und Körpertherapeutin Regina Tamkus leitet seit 1996 eigene Psychodramagruppen. Sie gibt uns einen Einblick in diese Arbeit.Das Wort Psychodrama ist zusammengesetzt aus Psyche=Seele und Drama=Handlung. Das Psychodrama wurde von dem Arzt Dr. Jacob Levy Moreno begründet. Er war beseelt vom Theaterspiel als Medium für Kartharsis, zur Reinigung der Seele und er glaubte an Tele=Zweifühlung als den heilenden Faktor in jeder Begegnung und in jeder Gruppe. 1936 baute er sein therapeutisches Theater, das noch heute in New York steht.

1. Phase: das Ankommen
Eine Bühne ist überall dort, wo sich Menschen treffen, die Lust haben, Psychodrama zu spielen. Die dreistündige Sitzung beginnt mit der Begrüßung im Kreis und je nach Situation psychodramatischen Einzel-, Zweier- oder Gruppenspielen zum thematischen Anwärmen und Ankommen in der Gruppe. Diese Phase dient dazu, sich selbst näher zu kommen und entscheiden zu können, an diesem Abend ein Psychodrama zu spielen oder noch nicht. Wenn sich jemand entscheidet als Protagonist auf die Bühne zu gehen, beginnt die zweite Phase: das Spiel.

2. Phase: das Spiel
Dazu wird die Bühne frei gemacht und die Gruppe setzt sich als Zuschauer an den Bühnenrand. Nachdem ich den Protagonisten interviewt habe, was ihn bewegt, legen wir eine Szene fest, mit der er beginnen möchte. Dazu wählt er für alle Personen oder Wesen, die darin vorkommen, Mitspieler aus der Gruppe. Wenn er seine Mitspieler gefunden hat, richtet er die Szene räumlich und zeitlich mit Tisch und Stühlen auf der Bühne so ein, dass alle sich vorstellen können, wann in Vergangenheit, Gegenwart oder Zukunft und wo sie sich gerade befinden. Als erstes verkleidet sich der Protagonist und schlüpft z.B. in die Rolle seiner Mutter. Ist das Wesentliche der Mutter durch ihn deutlich geworden, übergibt er den Mitspielern das Kostüm. Dann entwickelt sich die Szene spontan weiter, indem er in Beziehung mit der anderen Peron tritt. Durch Rollentausch wird im Spiel bald sichtbar, wo der Konflikt für ihn liegt und wo er Unterstützung braucht, etwas zu fühlen, zu sagen oder zu erkennen. Die Seele des Protagonisten, mit ihrem inneren Drang zur Selbstverwirklichung, führt das Drama von einer Szene zur nächsten. Ist der Konflikt mit der Mutter aus der Kindheit bewusst erlebt, kann sich daraus eine Szene in seiner gegenwärtigen Beziehungswelt ergeben. Das Ende ist in der Regel erreicht, wenn eine körperliche und seelische Erleichterung oder ein Aha-Erlebnis beim Protagonisten eingetreten ist.

3. Phase: das Sharing
Sharing heißt Teilen und Zusammenkommen der Gruppe mit dem Protagonisten. Jetzt kommt die Gruppe ins Licht. Alle Teilnehmer zeigen ihm nun ihr Mitgefühl, was von dem Drama sie aus ihrem eigenen Leben kennen, woran es sie erinnert und was sie selbst davon erfahren haben.

Erfahrungsbericht einer 35-jährigen Teilnehmerin
Meine Erfahrungen in der Psyodramagruppe sind sehr vielseitig. Ich war 4 Jahre in einer Gruppe, die anfangs halbjährig, später für 1 Jahr geschlossen war, d.h. die Gruppe war für 6 bzw. 12 Monate stabil zusammengesetzt. Für mich war das wichtig, denn ich brauchte viel Zeit, um Vertrauen in die Leiterin, in die Gruppe und in mich zu gewinnen. Waren es doch so unterschiedliche fremde Menschen, mit denen ich im "normalen" Leben nie in Kontakt gekommen wäre. Das Vertrauen wuchs damit, dass ich anfangs schweigend Zuschauerin sein durfte, dass ich erlebt habe, wie Nähe entstanden ist, indem andere Gruppenmitglieder im Spiel sich öffneten. Das Fremde verschwand am Ende jeden Dramaspiels, wenn die Sharing-Runde stattfand. Da teilte jeder den anderen mit, welches der Themen er aus seinem eigenen Leben kennt. Das ist sehr erleichternd für den Darsteller des Dramaspiels, denn er erfährt, dass er nicht alleine da steht mit dem, manchmal sich peinlich anfühlenden, Problem. Und das RollenSPIEL - wir haben gespielt! Trotz der manchmal schweren Themen um Verlorenes, Vermisstes, Ungewolltes und Unerwünschtes haben wir gespielt. Im Spiel wird der Kopf ausgeschalten, Kontrolle verschwindet und es entsteht Leichtigkeit. Es war immer wieder verblüffend, dass neben den Tränen von Trauer, Schmerz und Sehnsucht auch die Tränen der Überraschung, der Freude, der Erleichterung und der Erkenntnis da waren. Wir haben gestaunt und uns gewundert. Wir haben gelacht und geweint und viele scheinbar unlösbare Situationen haben sich durch die Erkenntnis im Rollentausch aufgelöst. Rollentausch heißt, sich in eine andere Person - mit Haut und Haar, Gedanken, Stimme, Sprache, Körper- und Lebenshaltung, in ihr Geworden sein - hinein zu versetzen, um diesen Menschen und damit seine Gefühle und Handlungen zu verstehen. Ich hatte u.a. ein solches entscheidendes Aha-Erlebnis, als ich meinen sterbenden Vater, von dem ich Abschied nehmen wollte, spielte, als ich er war! Immer habe ich geglaubt, er hätte mich nicht gewollt, er würde mich nicht lieben, er würde mich bevormunden, damit ich das tue, was er für richtig hält, damit es ihm gut geht. Und auf einmal habe ich gefühlt und es im eigenen Körper erfahren, was für eine große Liebe er für mich in sich hat. Dass er mich bewahren wollte vor Schmerz und dass er wollte, dass ich glücklich bin. Ich war sehr berührt und bewegt, wie schnell sich meine lebenslange Sehnsucht aufgelöst hat. Noch heute nutze ich diese Möglichkeit, mich in andere Personen hinein zu versetzen, wenn ich etwas nicht verstehe oder eine Situation zu klären ist.

Erfahrungsbericht einer 42-jährigenTeilnehmerin
In der Psychodramagruppe habe ich erfahren, wie sich eigene seelische Wahrheiten, die mir so nicht bewusst waren, im Durchspielen einer Situation zeigen. Die Spielsituation entwickelte sich um einen immer wiederkehrenden Konflikt mit dem Vater meiner Kinder. Ich schlüpfte dazu in die Rolle einer Löwin und improvisierte mir ein wildes Outfit aus fellartigen Sachen. Um ein Gleichnis zu meinem Leben zu schaffen, wählte ich zwei Frauen aus der Gruppe, die die Rolle meiner Löwenkinder übernahmen. Einen Löwen als Mann
und Vater wählte ich natürlich auch. Alle verkleideten sich entsprechend ihrer Rolle selbst. Erstaunlich war für mich zu erleben, dass die Mitspieler im Drama auf meine Aktionen so reagierten, wie im "echten"
Leben: Ich erkannte, dass also meine eigenen Aktionen genau das bewirkten, was mir passierte, mein Gegenüber sozusagen gar nicht anders konnte! Mit Anregung von Regina wurden immer wieder die Rollen untereinander in unserer Löwenfamilie getauscht. Jeder fühlte sich dabei in das Erleben des anderen aus der vorangegangenen Spielsituation ein, griff dessen Befinden auf und spielte in der "Haut" des anderen weiter. Dabei erlebte ich mich von außen, ohne meine Emotionen als "Löwin", aus der Perspektive des "Löwen" und konnte mich in die Motivation des Handelns und die Gefühlswelt meines Mannes hineinversetzen. Das erweiterte mein Verständnis und Mitgefühl für ihn und berührte mich sehr. In diesem Spiel habe ich den tiefen Seelenwunsch, eine liebevolle Familie zu sein, erlebt, benannt und gleichzeitig Friede geschlossen mit der Reaktion des "Löwen", indem ich erleben durfte, wie er sich fühlt. Ich habe meine Liebe zu ihm wieder zugelassen und unser Verhältnis hat sich entspannt. Endlich kann ich ihn wieder so sehen, wie er ist und kann seine Liebe zu unseren Kindern genießen. Wir sind nicht mehr zusammen, aber unsere Familie besteht weiter und den Kindern geht es gut.

Männlicher 45-jähriger Teilnehmer
Für mich ist Psychodrama wie eine archeologische Wanderung durch die eigene Seelenlandschaft. Man fängt an der naheliegenden Konfliktsituation an und entdeckt immer neue, tiefer liegende Erfahrungsfelder, die durch das
psychodramatische Spiel freigelegt werden. Psychodrama war für mich eine abenteuerliche Reise auf zunächst unbekanntem Gelände, das mir mit der Zeit immer vertrauter wurde. Ich würde sagen, Psychodrama hat mich mir selber nähergebracht und meine zwischenmenschlichen Beziehungen vertieft.

"Glück ist
ein sonniger Tag,
ein Spaziergang im Frühlingsregen,
fliegen durch die Morgenröte,
schlafen in einem warmen Bett,
geliebt und am Leben zu sein!"
Zerka Moreno



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