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Ausgabe August 2007
Wie Farben wirken

Der Diplompsychologe und Autor Klausbernd Vollmar beleuchtet das breite Spektrum der Farbwirkungen auf Menschen.

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Das weite Spektrum der Farben mit seinen vielen Nuancen wirkt auf die menschlichen Gefühle und das Wohlbefinden. Farben sprechen unmittelbar tiefe Seelenschichten an. Die Maler mittelalterlicher Altargemälde wussten das ebenso wie die Schöpfer tibetischer Mandalas. Die erstaunliche Kraft der Farben zeigt sich heute im Produktdesign. Derselbe Kaffee aus einer braunen Tasse schmeckt anders als aus einer roten, gelben oder blauen. Und wussten Sie, dass eine schwere Kiste sich weiß gestrichen leichter trägt als wenn sie schwarz gefärbt ist? So ist es verständlich, dass ein Großunternehmen wie die Dresdener Bank hochbezahlte Fachleuten anstellte, die ein Grün als Farbe dieser Großbank auswählten, das dem Kunden vom Kontoauszug bis zur Leuchtreklame begegnet. Grün vermittelt dem Kunden die Hoffnung, dass sein Geld sicher aufgehoben ist. Wird das Dresdener-Bank-Grün mit Gelb aufgehellt, signalisiert es “Öko” und ist bei umweltverträglichen Produkten beliebt.

Erklärungen für Farbwirkungen
Farben wirken auf allen Ebenen: körperlich, geistig und seelisch.
Physikalisch - Farbe ist elektromagnetische Schwingung. Sie wirkt über Schwingungsresonanz mit dem Feld der Zellen und beeinflusst die Energie des Menschen. Durch entsprechende Farbwahl lösen sich Blockaden auf und die Energie kann wieder frei fließen. Man nimmt über die Augen und Hautzellen Farben wahr. Dabei verarbeitet das Auge die Farbe über etwa sieben Millionen Zapfen der Netzhaut. Diese Zapfen sind dafür verantwortlich, dass ein Mensch unserer westlichen Kultur normalerweise um 250 Farbtöne unterscheiden kann, wobei Frauen mehr Farbtöne erkennen als Männer.
Psychologisch - Farben sind Nahrung für unsere Sinne. Alle Sinneswahrnehmungen haben Einfluss auf unsere Gefühle. Mit Gelb oder Rot würde man z.B. nie eine depressive Stimmung verbinden. Farben lösen unbewusste Reaktionen und Assoziationen aus. Sie sind wichtig für unser Wohlbefinden. Kommt der Gestresste in einen roten Raum, wird er bald explodieren, während er in einer blauen Farbumgebung ruhiger wird.

Visuell:
Wir sehen, was unserem Bewusstsein entspricht, d.h. was wir sehen wollen. Das Auge sieht nicht unvoreingenommen, sondern aktiv, da es einer Grundhaltung entsprechend wahrnimmt. Über jede Farbe besitzen wir eine Meinung, die abgerufen wird, wenn wir die Farbe sehen. Bei Blau denkt jeder an Wasser und Himmel, bei Rot an Liebe und Wärme und bei Gelb an Licht und Kommunikation.
Emotional:
Zur emotionalen Reaktion des Menschen auf Farben liegen viele Untersuchungen vor. Bei ihnen wandte man sich häufig dem Phänomen der Lieblingsfarbe zu und fand heraus, dass die meisten Menschen Blau, Rot und Grün bevorzugen, während sie Braun, Violett und Orange ablehnen. Ferner ergaben diese Untersuchungen, dass Blau beruhigt, Rot anregt und sogar aggressiv macht. Die Farbe Gelb wirkt angsthemmend. Aus diesem Grunde hat sich Vincent van Gogh während seiner schizophrenen Schübe der Gestaltung der Farbe Gelb zugewandt. Leuchtende Farben erhöhen die Wachsamkeit und sind dort sinnvoll, wo Gefahren drohen. Blau- und Grüntöne eignen sich für Räume der Entspannung wie das Bad, Rot- und Gelbtöne für Arbeitsräume. Die mentale Reaktion auf Farbe haben besonders die Architekten und Schlossbaumeister seit dem Barock studiert. Es zeigt sich, dass Farbe einen Einfluss auf die Raumwirkung ausübt. Ein roter Raum wirkt kleiner als ein blauer. Möchte man eine Decke optisch heben, kann das mit einem hellblauen Anstrich geschehen, wogegen ein dunkelblauer Anstrich die Decke absenken würde.


Goethes Farbenlehre
Mit Goethe ist die psychologische Betrachtung der Farbe begründet worden, auf der Rudolf Steiner und später die Bauhauskünstler wie Wassily Kandinsky, Paul Klee, und Johannes Itten aufbauten. Nach Goethe gibt es sechs bunte Farben: die drei Primärfarben mit ihren drei Komplementärfarben. Eine Beobachtung, die schon der französische Kupferstecher J.C. Le Blon 1730 gemacht hatte. Alle weiteren Farben sind Schattierungen oder Nuancen dieser Farben.
Goethe unterschied als erster warme und kalte Farben: Ein Unterschied, der sich aus dem Farbenkreis ergibt und die innere Qualität zweier Farb-gruppen verdeutlicht. Die warmen Farben befinden sich auf der linken Seite des Farbenkreises, die kalten Farben auf seiner rechten Seite. Farben, die viel Licht reflektieren wie Gelb und Orange sind warm und breiten sich aus. Farben, die das Licht stark absorbieren wie Blau und Violett sind kalt und nach innen ziehend. Grün und Rot sind laue Farben, die zwischen den warmen und kalten Farben stehen. Helle kalte Farben lassen mehr Weite entstehen, so dass ein Raum in solchen Farben bis zu 10% größer wirkt. Warme Farben lassen die Raumtemperatur wärmer erscheinen. Sie vermitteln lebendige Heiterkeit, während kalte Farben Distanz und Ruhe erzeugen. Goethe beobachtete die Farbe in Naturphänomenen wie den blauen Himmel oder die gelbe Sonne, in denen er stets nach der Polarität suchte, die für ihn das Wesen der Natur ausmacht. Gelb und Blau sind polar. Gelb strahlt nach außen, es macht uns leicht, als warme Farbe bewegt es sich auf den Betrachter zu, es tritt in den Vordergrund, weswegen ältere Meister oft die Farben des Vordergrunds gelb lasierten. Blau als kalte Farbe tritt in den Hintergrund.

Der sechsteilige Farbkreis nach Goethe (siehe Abbildung):
„Charakterlose“ Farbzusammenstellung:
benachbarte Farben im Farbkreis wirken unharmonisch: Blau-Grün, Blau-Violett, Rot-Violett, Rot-Orange, Gelb-Orange, Gelb-Grün. Ästhetische Farbzusammenstellung:
eine Farbe wirkt zusammen mit der übernächsten Farbe im Farbkreis: Gelb-Blau - Rot
Harmonische Kontraste: Grün-Violett-Orange
Komplementärfarben wirken zusammen harmonisch und steigern sich in ihrer Wirkung.

Unbunte Farben:
Wenn ich über Farben spreche und Schwarz und Weiß erwähne, kommt mit Sicherheit der Einwand, dass dies keine Farben seien. Im wissenschaftlichen Sinne sind das Farben wie alle anderen Farben. Und doch nicht ganz. Den unbunten Farben Schwarz, Weiß und Grau ist etwas Abstraktes zu eignen, denn sie sprechen nicht unsere Gefühle an wie die bunten Farben. Zu Zeiten der spanischen Inquisition im 16. Jh. galt der Farbverzicht als fromm, deswegen erlebten die unbunten Farben - wie heute in unserer “coolen” Welt - Hochkonjunktur.
Die unbunten Farben kamen als Modefarben mit dem städtebildenden Bürgertum des Mittelalters auf. Jeder brauchte gemäß ritterlicher Tradition seine Farben. Der Adel hatte Anrecht auf die bunten Farben und die Metallfarben Gold und Silber, das Volk trug Ungefärbtes und so blieben für das Bürgertum nur die beiden Farben des Geistes: Weiß und Schwarz. Seitdem fühlt sich der Bürger in Weiß und Schwarz zu Hause.

Primärfarben:
Sie drücken ungebrochene Qualitäten aus, denn sie sind ungemischte, reine Farben, aus deren Mischung alle anderen Farben entstehen. In der Bauhausbewegung und im holländischen De Stijl wurden diese Farben bevorzugt. Farbwirkungen der Primärfarben stellen Archetypen dar. So wird Rot in allen Kulturen als belebende Farbe angesehen, Blau wird als beruhigende Farbe erlebt, Gelb als geistig anregend und Rot gibt Kraft zum spontanen Handeln. Gelb lässt kommunizieren und Kontakte zum Du knüpfen, während Blau sammelt und beruhigt. Die Sekundärfarben mischen sich aus je zwei Primärfarben und drücken Differenzierung aus.



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