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Ausgabe Juli 2007
Buddhismus und Wissenschaft

Begegnung von Ost und West

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Seit 20 Jahren lädt der Dalai Lama alljährlich zu „Mind and Life-Konferenzen“ nach Dharamsala. Der Dialog im Jahre 2004 befasste sich mit „neuronaler Plastizität“. Im Mittelpunkt stand die Frage, in welchem Maße Gedanken, Emotionen und Bewusstseinszustände unser Nervensystem einschließlich des Gehirns beeinflussen. Die Wissenschaftsautorin Sharon Begley informiert in ihrem Buch „Neue Gedanken, neues Gehirn“ über die neuesten Entwicklungen auf diesem Gebiet. Wir drucken einen Auszug mit freundlicher Genehmigung des Verlages.

Der Dalai Lama ist mehr als nur der Führer des tibetischen Volkes, das spirituelle Oberhaupt des tibetischen Buddhismus und Chef der tibetischen Exilregierung. Er ist außerdem ein internationales Symbol für Vergebung, Aufklärung, Frieden und Weisheit, der mit seinen „Lehren“ große Menschenmengen anzieht. Für eine kleine, aber wachsende Zahl von Wissenschaftlern ist er überdies eine Brücke zwischen Spiritualität und Wissenschaft, jemand, dessen Sachverstand in mentalem Training der westlichen Wissenschaft eine Perspektive bietet, die bislang bei der Erforschung von Bewusstsein und Gehirn gefehlt hat:

„Ich glaube, dass es sich bei Wissenschaft und Spiritualität um zwei unterschiedliche Bereiche handelt, die einander ergänzen und dem gemeinsamen übergeordneten Ziel der Suche nach Wahrheit verpflichtet sind.“

Obwohl die östlichen Kontemplationspraktiken und die westliche Wissenschaft aus unterschiedlichen Gründen entstanden sind und verschiedene Ziele haben, dienen sie doch beide einem übergeordneten Zweck. Sowohl Buddhisten als auch Wissenschaftler untersuchen die Realität: „Ich hoffe, dass ein Dialog beider Disziplinen ihre jeweils eigene Entwicklung unterstützt und Spiritualität wie auch Wissenschaft so den Bedürfnissen und dem Wohlergehen der Menschheit besser dienen können.“ Der Dalai Lama unterstützt deshalb die Forschungen auf dem Gebiet der Neuroplastizität persönlich und offiziell, weil dieser Bereich der Wissenschaft seinen Nachhall in dem buddhistischen Wunsch findet, dass alle fühlenden Wesen frei vom Leiden sein mögen. Dieses Ziel ist gar nicht so weit hergeholt. Ein Gehirn, dessen gegenwärtige Schaltkreise auch Argwohn und Fremdenhass zulassen, kann durch disziplinierte Bemühungen und die Bereitschaft zur Selbstverbesserung neu verdrahtet werden, so dass es Mitgefühl und Altruismus hervorbringt. Weil es sich bei der Neuroplastizität um einen so neuen Wissenschaftsbereich handelt, sind ihre Möglichkeiten noch gar nicht voll ausgelotet. Es steht jedoch außer Frage, dass die aufstrebende Wissenschaft der Neuroplastizität das Potenzial hat, radikale Veränderungen für den Einzelnen und für die Welt insgesamt einzuleiten, indem sie uns die Möglichkeit eröffnet, auf unser Gehirn Einfluss zu nehmen und freundlicher, friedlicher, mitfühlender, weniger selbstbezogen und weniger aggressiv zu sein.


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