aktuelle Seite: ARCHIV   
Jahr:
2019 | 2018 | 2017 | 2016 | 2015 | 2014 | 2013 | 2012 | 2011 | 2010 | 2009 | 2008 | 2007 | 2006 | 2005 | 2004 | 2003 | 2002 | 2001 |

Ausgabe Juli 2007
Den inneren Frieden finden


art53627
Vom 21. bis 27. Juli 2007 kommt der Dalai Lama nach Hamburg, um die buddhistische Praxis der Gewaltlosigkeit zu lehren. Die Hamburger Körper Geist Seele-Redakteurin Andrea Brettner hat den Projektleiter Diego Hangartner in einem Interview befragt, warum er den Dalai Lama so schätzt und welcher Reiz für ihn als Projektleiter darin besteht, eine solche Großveranstaltung zu organisieren.

Herr Hangartner, Sie haben zehn Jahre in Dharamsala, dem indischen Exilsitz des Dalai Lama, verbracht. Wie haben Sie dort gelebt?
Auf meiner Suche nach einer authentischeren Version des Buddhismus bin ich mit dem tibetischen Buddhismus in Kontakt gekommen – vor allem mit Seiner Heiligkeit, dem Dalai Lama. Mir fiel auf, dass er nicht nur von etwas sprach, sondern dieses auch lebte. Und diesen mich faszinierenden Zusammenhang wollte ich näher kennen lernen. So bin ich relativ schnell in Dharamsala, dem Exilsitz des Dalai Lama, gelandet. Es gibt den unteren Teil, das indische Dorf, und die tibetische Exilkolonie weiter oben (in McLeod Gunj). Ich lebte im tibetischen Teil nahe am Tempel des Dalai Lama. Dort hatte ich das Glück, mit einem außergewöhnlichen Lehrer im gleichen Haus leben zu können. Nachdem ich Tibetisch gelernt hatte, studierte ich am Institute of Buddhist Dialectics in Tibetisch buddhistische Philosophie und Epistemologie, das Debattieren und die Sprache. So hat sich die Beziehung zum Dalai Lama vertieft.

Was schätzen Sie am Dalai Lama?
Es ist eine sehr vielschichtige Erfahrung, die ich mit dem Dalai Lama gemacht habe. Immer wieder gab es Situationen, in denen der Dalai Lama einen Übersetzer brauchte, der auch nicht-englische Sprachen spricht. Da ich außer Tibetisch und Englisch noch andere Sprachen spreche, hatte ich das Glück, bei Interviews mit dem Dalai Lama in Dharamsala dabei sein zu dürfen, um zu übersetzen. Zudem gehörte es als Schüler des Institute of Buddhist Dialectics dazu, seine regelmäßigen Unterweisungen in Dharamsala zu besuchen. So lernte ich den Dalai Lama kennen und begann nach und nach auch Veranstaltungen mit ihm zu organisieren.

Welche persönlichen Erfahrungen haben Sie mit dem Dalai Lama gemacht? Können Sie ein Erlebnis beschreiben, das Sie besonders beeindruckt hat?
Es gibt so viele Erlebnisse, nicht nur eines (lacht). Es ist faszinierend zu sehen, wie der Dalai Lama immer die gleiche Geisteshaltung an den Tag legt und sehr darauf bedacht ist, die andere Person wertzuschätzen und Respekt zu zeigen. Das kann in Hotelräumen sein, wenn er mit dem Putzpersonal spricht, beim Treffen mit Würdenträgern, mit Politikern oder auch im Kontakt mit tibetischen Flüchtlingen, die immer noch in großer Zahl nach Dharamsala fliehen. Immer ist er sehr bemüht, die menschliche Seite zu sehen. Ich habe nie erlebt, dass er irgendwie über der Sache steht und von der Person abrückt. Er versteckt sich nicht hinter seiner Rolle als Dalai Lama, sondern sucht immer den Kontakt mit den Menschen.
Wir waren einmal in einem großen Hotel. Der Fahrstuhl war schon bereit, die Sicherheitsbeauftragten warteten. Es ging eigentlich nur noch darum, dass Seine Heiligkeit aus dem Zimmer kommt, nach unten gelangt und von dort aus ins Brüsseler EU-Parlament fährt. Schließlich kommt der Dalai Lama aus seinem Zimmer heraus, sieht, wie in einem anderen Zimmer eine Putzfrau staubsaugt, und geht hinein. Die Sicherheitsbeamten sind irritiert und fragen sich, was nun los sei. Seine Heiligkeit geht auf die Frau zu und sagt „Danke für das Reinigen“. Dabei hält er ihre Hand. Ich sehe noch jetzt das erstaunte Gesicht der Dame vor mir. Danach ist er weiter seiner offiziellen Rolle nachgekommen. Das war einer der ersten Momente, wo ich merkte, dass der Dalai Lama wirklich immer für die Personen da ist und genau wahrnimmt, was um ihn herum geschieht. Und es gab noch viele solcher Situationen.

Wusste die Putzfrau, wer sich da bedankt?
Ehrlich gesagt, ich weiß es nicht. Aber sie wird sicher bemerkt haben, dass er jemand Besonderes ist. Denn diese Präsenz kann man nicht einfach übersehen.

Haben Sie sich eigentlich schon mal über den Dalai Lama in irgendeiner Form geärgert?
Nein. Ganz im Gegenteil. Je länger ich ihn kenne, desto mehr Respekt empfinde ich für ihn. Am Anfang war ich etwas ehrfürchtig und das bin ich immer noch. Aber mein Respekt ihm als Person gegenüber hat sich im Laufe der vielen Jahre vertieft. Mich beeindruckt seine Präsenz, wirklich da, im Moment zu sein. Er ist niemand, der, wenn man mit ihm spricht, an irgendwas anderes denkt. Das macht es auch fast schwierig, wenn man mit ihm redet. Er ist wirklich sehr präsent. Zusätzlich bewundere ich sein gelebtes Mitgefühl. Das ist für ihn nicht nur ein theoretisches Gerüst. Er lebt danach. Das beeindruckt mich sehr.

Sie sind Projektleiter für die Veranstaltung mit dem Dalai Lama im Sommer in Hamburg. Wie aufwändig ist es, seinen Besuch zu organisieren?
Die Komplexität dieser Veranstaltung ist hoch. Zunächst einmal müssen sehr viele behördliche Vorschriften eingehalten werden. Es gibt Auflagen, wir brauchen Bewilligungen, Versicherungen müssen abgeschlossen werden. Zudem gibt es eine große Begehrlichkeit, den Dalai Lama in verschiedenen Veranstaltungen und Begebenheiten zu treffen. Wir müssen Sicherheitsauflagen erfüllen, seine Ankunft am Flughafen ebenso organisieren wie seinen Empfang im Rathaus. Auch sein Wohnort muss gut ausgewählt werden. Bei jeder Veranstaltung, die mit dem Dalai Lama stattfindet, muss seine Sicherheit gewährt sein. Ein weiterer komplexer Bereich ist das Ticketing und die Verpflegung der Teilnehmer. Zusätzlich gibt es ein breites Rahmenprogramm, das gut geplant und durchgeführt werden muss. Auch besondere Gäste sind zu betreuen – beispielsweise bei der Veranstaltung am 21./22. Juli zum Thema „Frieden lernen“.

Wer kommt?
Die Namen stehen noch nicht endgültig fest, aber wir werden sie in Kürze bekannt geben. Die Dialogpartner führen, unterstützt durch einen guten Moderator, mit dem Dalai Lama eine Diskussion über das Thema „Frieden“. Dabei wird deutlich, was der Buddhismus zum Frieden und zur Gewaltlosigkeit sagen kann und welche westlichen hilfreiche Ansätze es gibt.

Hamburg betreibt regen Handel mit China. Inwiefern müssen Sie politische Aspekte zwischen China und Tibet bei der Durchführung der Veranstaltung berücksichtigen – ist es nötig, besonders vorsichtig zu sein?
Natürlich gibt es verschiedene Bestrebungen, das Tibetproblem entweder totzuschweigen oder direkt „auf den Tisch“ zu bringen. Ich denke, wir bewegen uns ziemlich genau in der Mitte. Wir wollen keine politische Veranstaltung durchführen, das Tibetproblem kann aber nicht außer Acht gelassen werden. Wir wollen das Thema nicht konfrontativ angehen, wir wollen aber auch nicht verschweigen, dass Tibet ein besetztes Land ist und dass da Dinge geschehen, die man im Westen nicht akzeptieren würde.

Der Dalai Lama wird von Ole von Beust empfangen. Wird der Dalai Lama den Hamburger Bürgermeister auf das Tibetproblem ansprechen?
Das weiß ich nicht. Meine Erfahrung ist aber, dass dies immer von der aktuellen Situation abhängt und auch davon, ob der Einladende das Thema anspricht. In Bezug auf seinen Besuch in Hamburg kann ich dies nicht beurteilen.

Am 22. Juli spricht der Dalai Lama über das Thema „Mitgefühl in der globalisierten Welt“. Warum können für diesen Vortrag noch keine Karten erworben werden?
Die Karten werden wir erst verkaufen können, wenn wir die Bewilligung für die Bestuhlung erhalten haben und diese ins Ticketingsystem integriert sind. Wir haben die Bewilligungen schon vor einem Jahr beantragt, es dauert alles etwas ...

Können Sie sagen, wann dies sein wird?
Baldmöglichst. Über unsere Website können sich Interessierte eintragen lassen. Sie werden dann schnell informiert, sobald der Kartenverkauf beginnt.

Das Fünf-Tages-Ticket für die Veranstaltung „Buddhistische Philosophie und Praxis – Erklärungen zu den 400 Versen des indischen Meisters Aryadeva“ kann man schon jetzt kaufen. Ist die Karte eigentlich auf andere Personen übertragbar?
Ja, ein Ticket kann erworben und an andere Personen weitergegeben werden. Man kann sich also zusammenschließen, ein Ticket kaufen und sich untereinander einigen, wer an welchem Tag teilnimmt. Diese Möglichkeit gibt es, weil es für manche vielleicht zuviel ist, sich über fünf Tage mit einem philosophischen Thema so intensiv auseinanderzusetzen.

Wenn es noch keinen Bestuhlungsplan gibt – wie erhalten die Teilnehmer ihre Sitzplatzkarte?
In der Woche vor Beginn der Veranstaltung müssen die Teilnehmer ihre elektronische Kaufbestätigung direkt am Tennisstadion oder in verschiedenen Plätzen in Hamburg gegen eine numerierte Sitzplatzkarte eintauschen.

Welches Rahmenprogramm wird rund um die Veranstaltung in Hamburg angeboten?
Eine interreligiöse, öffentliche Veranstaltung findet am 20. Juli auf dem Rathausmarkt statt, an der auch der Dalai Lama als Ehrengast sowie Vertreter verschiedener Religionen teilnehmen. Bischöfin Maria Jepsen lädt dazu ein und wird die Begrüßungsworte sprechen. Des Weiteren gibt es Ausstellungen, Vorträge und Podiumsdiskussionen. Bilder vom Dalai Lama, die der bekannte Fotograf Manuel Bauer aufgenommen hat, sind zu sehen, außerdem können Hamburger tibetische Kunstwerke in einer weiteren Ausstellung betrachten. In Podiumsdiskussionen wird über das politische Thema Tibet gesprochen, es findet auch ein Dialog zwischen Wissenschaft und Buddhismus statt. Ein weiteres Thema ist die tibetische Medizin. Wir werden auch ein großes Konzert auf Kampnagel veranstalten: Dort gibt John McLaughin mit der Gruppe Shakti ein Benefizkonzert für Tibetprojekte. Das Abaton-Kino zeigt mehrere Tibet-Dokumentarfilme und meistens werden bei den Vorführungen die Regisseure oder Produzenten anwesend sein.

Was reizt Sie an der Aufgabe, den Besuch des Dalai Lama in Hamburg zu organisieren?
Ich möchte Menschen, die auf der Suche nach ihrem eigenen Wohl sind und dieses nicht auf externer Ebene, sondern durch innere Prozesse erreichen möchten, unterstützen. Dabei ist es hilfreich, die buddhistischen Ansätze kennen zu lernen. Man hat mittlerweile festgestellt, dass ein wirkliches Wohlbefinden nicht einhergeht mit materieller Anhäufung. Das ist für viele zwar eine Binsenwahrheit, aber man hat wissenschaftlich nun auch bewiesen, dass sich gewisse Bereiche im Hirn besonders gut entwickeln, wenn man eine komplementäre Lebensführung praktiziert. Gewisse Bereiche im Gehirn stehen in engem Zusammenhang mit der Empfindung von Wohlbefinden. Der Buddhismus hat eine konsequente, mit der westlichen Wissenschaft vergleichbare Systematik entwickelt, die diese Bereiche und Entwicklungen fördern kann. Es geht darum, den Menschen zu zeigen, dass Wohlbefinden von der inneren Haltung abhängt und nicht nur vom materiellen Umfeld.

Was wünschen Sie sich persönlich im Hinblick auf die Veranstaltung?
Ich wünsche mir, dass möglichst viele Menschen glücklich und zufrieden während der Veranstaltung, aber vor allem auch im Nachhinein, sein werden. So dass die Teilnehmer den Eindruck mit nach Hause nehmen können, „man kann etwas verändern“. Und zwar im Inneren und nicht vorrangig im Außen. Es geht nicht darum, die Teilnehmer zum Buddhismus zu bekehren. Dem Buddhismus ist die Missionierung fremd, weil die Grundvoraussetzung einer persönlichen Veränderung nicht von außen kommen kann. Man muss selbst davon überzeugt sein, dass es Wege und Möglichkeiten gibt, die Zufriedenheit und den inneren Frieden zu finden. Dies schafft man nur durch eigene Initiative. Es geht darum zu zeigen, was für Möglichkeiten es gibt – sowohl in Bezug auf die Friedensarbeit als auch im Rahmen der persönlichen Entwicklung.





Weitere Informationen werden im Archiv nicht angezeigt.