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Ausgabe Juli 2007
Reisen - Wege zum Selbst


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Die Deutschen gehören zu den reisefreudigen Nationen. Doch wir sind gar nicht auf fremde Eindrücke von außen angewiesen – wir können uns auch auf die Reise zu uns selbst begeben – meint der Yogalehrer Mario Freivogel.

Reise in die Ferne

Reisezeit. Eine Zeit für Sehnsüchte und Wünsche. Für Neues und für Abwechslung. In ihr spiegelt sich ein Gefühl wieder, das nach Fernweh duftet und die Hoffnung auf Erneuerung, auf Erholung in sich trägt, genauso wie die Sehnsucht nach Weite, nach Freiheit. Raus aus dem Alten, endlich frischen Wind in den Alltag wehen lassen. Doch gleichzeitig steckt in dem Begriff auch eine Aktion, die mit Unsicherheit, mit Angst verbunden sein kann – das Fortgehen aus dem Vertrauten, das Loslassen der gewohnten Umgebung, der sicheren, weil bekannten Räume – und oft reist der Mensch deshalb an Plätze, wo er wenigstens etwas Vertrautes wiederfindet oder sich schaffen kann und damit Orientierung und Stabilität nicht ganz verliert. Ob nach Tibet oder nach Afrika, ob in die heimische Bergwelt oder an die See, ob in den Süden oder den Norden - zu allen Zeiten war Reisen nicht nur die Entdeckung fremder Welten, sondern durch die Begegnung mit dem Unbekannten, auch die Begegnung mit sich selbst: Wer oder was bin ich? Was esse ich gern? Wie wohne und schlafe ich? Woran glaube ich? Was macht mir Freude? Aus dem Kontakt mit dem Fremden wird so auch der Kontakt mit den eigenen Regeln, Grenzen und Eigenheiten. Je nach Offenheit und Bereitschaft können dann diese Grenzen erweitert, die Gewohnheiten durch Neues ergänzt werden. Doch diese Erlebnisse sind nicht nur auf unseren Urlaub zu reduzieren.



Das Leben als Reise

Wenn wir wollen, können wir das ganze Leben als Reise und damit als Möglichkeit zur Selbstentdeckung und Erweiterung nutzen. Ist nicht der Besuch bei Freunden eine kleine Reise in ein anderes Dasein. Das Lesen eines Buches führt uns in die Lebenssicht des Autors. Die unterschiedliche Art zu essen, ist eine Reise zu dem, womit und wie ich mich nähren möchte.
Die Zeit mit Lebewesen kann wie eine Reise zu einem anderen Planeten sein, denn kein Wesen ist gleich – wir haben vielleicht Schnittmengen, aber es gibt viel Neues, Anderes und scheinbar Unbekanntes zu entdecken. Schon ein Gespräch ist der Kontakt zu einer anderen Erfahrungswelt. Und selbst in uns gibt es soviel Unentdecktes, dass eine Reise nach innen spannend und lohnenswert ist. Aus allen Reisen lässt sich neuer Reichtum und auch Verständnis für unser Leben entwickeln.



Innere Reisen

Alle Lehren, die sich mit der Harmonisierung des Lebens beschäftigen, veranstalten deshalb ihre eigenen “Reisen”. In den asiatischen, orientalischen, ja auch in den westlichen Ausrichtungen wird die Wahrnehmung des Körpers und der Sinne geübt – das Ankommen und Eintauchen in die Schönheit und die Geschenke des jetzigen Moments, eine Befreiung des Lebens. Als Hilfe wird immer ein “Reisemobil” zur Verfügung gestellt, eine Form. So wird oft der Atem genutzt, um zu sich und die einem selbst innewohnende Harmonie zu finden – meist mit verblüffendem Erfolg beim Auflösen der eigenen Blockaden und Hemmungen sowohl im Körper wie in der Psyche. Auch die Psychotherapie nützt deshalb Atemübungen und sehr viele Reisetechniken, darunter die so genannten Phantasiereisen, die eine Tür in unser Unterbewusstes öffnen können, was oft befreiende, erhellende Wirkung hat. Oder die Formen des Yoga, des Qi Gong und der Kampfkunst – eine Reise zu unseren unbewussten Begrenzungen und Möglichkeiten.



Reise zu sich selbst
Wenn wir eine Asana im Yoga einnehmen, erfahren wir nicht nur die Aktivierung des Körpers, sondern auch die Fähigkeiten des Atmens und der inneren Geisteskraft. Tauchen wir in eine Form des Tai Chi ein, so konfrontieren wir uns mit den Schwierigkeiten der Körper- und Geistbeherrschung ebenso wie mit der Herausforderung einen Raum oder einen Partner zur Verfügung zu haben. Es ist der bewusste Austausch mit der Umgebung im Lebensfluss – eine hohe Schule der Wahrnehmung, eine nie endende Reise mit immer wieder neuen Eindrücken. Wie im Leben. Über die äußere Form einer Haltung oder Bewegung, über ihre Einschränkung können wir uns und unsere unbenutzten, unbewussten Qualitäten wiederentdecken, die unbemerkt im Verborgenen ruhen. Doch diese Reise zu sich selbst, wie übrigens jede Reise, hat noch ein besonderes Ziel und hier schließt sich der Kreis: Immer wenn wir von Reisen etwas mitgebracht haben, etwas, das uns gut tut, was zu uns passt, sollten wir dies in unseren Alltag integrieren - es auch zu Hause genießen wie das schöne Bild, wie den Seidenschal, die Statue, den Schmuck und damit leben. Dasselbe gilt für die inneren Reisen und deren Erweiterungen, die unser Denken und Fühlen zu mehr Liebe und einem erfüllten Leben führen. Reisen – was für ein schöner, sinnvoller Bestandteil des Lebens.


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