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Ausgabe Juli 2007
Mediation und Coaching

Jürgen Häger - Coach, Mediator, Unternehmensberater

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Herr Häger, was sind Ihrer Meinung nach die Qualitätsmaßstäbe oder Kriterien einer guten Beratung?

Zum einen, dass ich mich als Klient in meinem Anliegen gesehen und verstanden fühle und zum anderen, dass ich erkennen kann, dass mein Berater die Qualifikationen, Kompetenzen und Fähigkeiten hat, die mir wichtig sind oder die ich jetzt brauche. In der Regel kann ich das über ein unverbindliches Erstgespräch herausfinden. Entscheidend ist, dass ich das Gefühl habe: “Hier bin ich richtig, hier komme ich weiter” - im besten Fall bis zur Lösung oder Klärung meines Anliegens.

Je nach Beratungs-Branche können durchaus unterschiedliche Qualitätsmaßstäbe oder Kriterien dem Beratungsprozess zugrundeliegen. Es ist ein Unterschied, ob ich eine Berufsberatung, eine Lebensberatung oder ein Coaching in Anspruch nehme. Jeder Ratsuchende sollte sich daher gut überlegen, welche Kriterien ihm für sein aktuelles Anliegen wichtig sind. Er allein setzt die Prioritäten fest, nach denen er einen Berater auswählt und beauftragt, in seinem Sinne tätig zu werden. Dennoch gilt: Eine gute Beratung hat immer das Anliegen des Klienten im Fokus und fördert dessen Klärungsbedarf und Entscheidungsfindung.

Als Berater bewegt man sich oft auf einer Art Gratwanderung zwischen “hilfreiche Impulsen geben” und - im schlimmsten Fall - „Einmischung“. Gibt es Richtlinien?

Ein seriöser Berater wird immer bemüht sein, sich frei von Eigenprojektionen zu halten und die “Hilfe zur Selbsthilfe” im Blick zu haben. Neutrale, allgemeingültige Maßstäbe oder Richtlinien für eine “richtige Beratung” gibt es nicht – das wäre auch anmaßend. Es gibt zahlreiche und gut ausgearbeitete Qualitätsstandards und Richtlinien einzelner Verbände, Consulting-Firmen und Lehrinstitute, die von den dort ausgebildeten oder tätigen Beratern/Coaches übernommen werden. Diese werden dann durch eigene Erfahrungen und Erkenntnisse der täglichen Arbeitspraxis ergänzt und bilden nach einiger Zeit ein ganz individuelles Beratungs- oder Coachingprofil heraus.
Der Balance-Akt zwischen der persönlichen Meinung und Sachkenntnis des Beraters und der Selbstlösungsfindung des Klienten ist sicherlich manchmal gegeben und kann eine Gratwanderung sein. Klassische Berater-Branchen wie Finanz-, Steuer- und Unternehmensberater bringen “von Hause aus” einen starken Beratungs-Input mit, sprechen Empfehlungen aus und raten von diesem und jenem ab. Das wird von vielen Klienten auch so erwartet und gewünscht. Lebensberater und Coaches arbeiten dagegen mehr ressourcenorientiert und gehen davon aus, dass der Klient die Klärung oder Lösung seines Anliegens bereits in sich trägt und versuchen das prozesshaft herauszuarbeiten. Unterschiedliche Anforderungen verlangen eben auch unterschiedliche Methoden und Vorgehensweisen. Die Grenzen können dabei sehr fließend sein.

Wie funktioniert Diagnostik bei Beratern?

Das hängt von der Ausbildung ab und der Erfahrung als Berater oder Coach. Am gebräuchlichsten sind pädagogische, individualpsychologische oder systemische Diagnostikverfahren. Hinzu kommen häufig individuelle Fort- und Weiterbildungen, die “interdisziplinäre” Verfahren anbieten, wie z.B. Kinesiologie, Aufstellungsarbeit oder Hypnose. Welche Verfahren ich als Berater auch immer anwende – wichtig ist, dass sowohl Klient wie auch Berater Aufschluss und Transparenz erlangen über die Zusammenhänge zwischen dem Anliegen des Klienten und den damit in Verbindung stehenden Aspekten seines Persönlichkeitssystems. Diese Erkenntnisse sind die gemeinsame Grundlage der weiteren Zusammenarbeit, bzw. des Beratungs- oder Coachingprozesses.

An welchen Berater man sich auch immer wendet: Ziel ist eine Verbesserung der Lebensqualität und damit automatisch eine Veränderung. Inwieweit treten Verhaltensänderungen wirklich ein?

Verhaltensänderungen treten entweder durch Konditionierungen ein, dann sind sie unbewusst, oder durch Erkenntnis, dann sind sie bewusst. Eine bewusste Verhaltensänderung findet dann statt, wenn ich in der Tiefe meiner Persönlichkeit, meines Ichs, etwas verstanden habe und etwas will. Mir ist etwas bewusst geworden, was mir vorher nicht klar war und ich fasse den Entschluss “Ich will!” ... etwas ändern, haben, tun, machen ... was auch immer, das spielt keine Rolle. Klarheit und Bewusstheit sind hierbei die entscheidenden Faktoren.
Wir alle sind mit Prägungen, Konditionierungen und Verhaltensmustern aufgewachsen, die durch bestimmte Impulse ausgelöst und aktiviert werden – vor allem dann, wenn sie emotionaler Natur sind. Da diese Prozesse größtenteils unbewusst ablaufen, ist es nicht leicht, unser Verhalten ‘in den Griff’ zu bekommen. Das gelingt nur über Bewusstseinsbildung bzw. -entwicklung. Je bewusster ich bin, desto klarer kann ich erkennen, wie ich mich in bestimmten Situationen verhalte und reagiere – ich kann mich beobachten. Wenn ich dann bei mir ein ‘unerwünschtes Verhalten’ feststelle, kann ich durch die bewusste Wahrnehmung davon Abstand gewinnen. Aus diesem Abstand heraus ist es mir möglich, mich bewusst und gewünscht anders zu verhalten – immer vorausgesetzt, dass ich das will. Das gelingt sicherlich nicht in allen Situationen, geht aber mit kontinuierlicher Übung nach und nach besser. Um das erfahrbar zu machen und zu unterstützen, sind Beratungs- und Coachingprozesse ein sehr hilfreiches Mittel.



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