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Ausgabe Juni 2007
Yoga des Tanzes

Hatha Vinayasa Yoga - eine aus dem traditionellen Hatha entwickelte Form des Yoga - Henning Scheel über die Hintergründe.

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Hatha Vinayasa Yoga ist eine aus dem traditionellen Hatha entwickelte Form des Yoga, deren Schwerpunkt auf der Verbindung der klassischen Positionen durch rhythmische Bewegungsabläufe liegt.



Wie bei der Frage nach der Henne und dem Ei sind sich YogInis nicht einig, ob Shiva zuerst im Lotussitz in tiefster Meditation dasaß oder als Nataraj mit vier Armen und Beinen schlangenartig tanzte. Ist Yoga Meditation im Sitzen oder Relaxation in Aktion? Immerhin sind damit so praktische Fragen verbunden, ob man nun bei der täglichen Sadhana länger in der Asana verweilen oder sich nach fünf Atemzügen in die nächste bewegen sollte. Eher schwitzen beim Yoga? Oder sollte die Matte lieber ganz beiseite gelegt werden und der Weg für zwei Wochen ins Kloster zum Nicht-Sprechen, Nicht-Hören und Nicht-Denken gesucht werden.



Shiva und Shakti

Auf dualistischer Ebene steht Shiva für das reine asketische Bewusstsein in Stille, Shakti für Aktion und Veränderung. Wurde in der indischen Kastengesellschaft tendenziell der asketische Aspekt mit klaren Regeln bevorzugt, so greifen moderne YogInis wie Kali Ray in Triyoga Flows, Shiva Rea im Fluid Vinyasa oder Sara Oliviers in dem aus dem Kundalini-Yoga entstandenen Shakti Dance gerne wieder den tänzerischen, dyonisischen Aspekt auf.



Hatha Vinyasa Yoga

Der Schwerpunkt des Hatha Vinyasa Yogas liegt auch auf der Verbindung der klassischen Positionen durch rhythmische Bewegungsabläufe. Dadurch nähert sich dieses bewegungsfreudige Yoga einem einfachen Tanz an. Symmetrische Formen und Handgesten, die an Devadasis – Tempeltänzerinnen – erinnern, betonen die ästhetische Komponente, aber ohne in die Performance zu führen. Durch den Fokus nach innen auf die energetische Ebene, auf den Pranakörper, werden die Gefühlsmomente in den Formen und Bewegungen genauer körperlich erfasst, unterschieden und ausbalanciert. Wurde dieses gemeistert, kann die YogIni weiter nach innen fokussieren und sich den Mustern, der sich hoffentlich regenden Kundalini-Energie hingeben, so dass intuitiver Flow bzw. spontaner Tanz stattfinden kann. Während der klassische Tandava bzw. Shiva Tanz wie der Kaschmir-Shivaismus insgesamt ein direkter Weg ist – das heißt, dass das Eintauchen in den Augenblick spontan stattfinden soll – ist Hatha Vinyasa eine Schritt-für-Schritt Anleitung: von außen nach innen, vom Kopf in den Körper. Besteht die klassische Lehre darin, den Rauch eines Räucherstäbchens zu beobachten oder die Bewegungen einer Katze zu imitieren, so passt sich das moderne Yoga an die Bedürfnisse der heutigen Zeit an. Das heißt häufig erst einmal Ausgleich von Fehlhaltungen, Aufbau von Kraft und Ausdauer, Entspannung durch Atmung.
Die Nataraj-Ansätze sind leichter mit dem westlichem Lebensstil vereinbar, da sie Bewusstheit und Spiritualität ins Leben bzw. in die Kultur bringen und damit die Aufrechterhaltung eines sozialen Lebens ermöglichen. Der Weg  der Askese führt in die Stille der Natur oder in die Abgeschiedenheit.

Gleichzeitig ist Hatha Vinyasa auch die physische Vorbereitung auf den entspannten Lotussitz und damit sozusagen als Nebenprodukt Vorbereitung für die lange Meditation im Sitzen. Gott sei Dank, Shiva und Shakti lösen sich in der nicht-dualistischen Einheit auf.



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