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Ausgabe Mai 2007
Sex mit Gott

An seinem 40. Geburtstag gründete Dieter Jarzombek den Verein “Calumed” und feiert heute mit dem Kongress “Spiritualität und Sexualität” das 20-jährige Bestehen.

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Interview: Sie werden im Rahmen des Kongresses “Spiritualität und Sexualität” einen Vortrag über “Sufi-Tantra oder Sex mit Gott” halten. Ein ungewöhnliches Thema, über das wir vorab gerne etwas hören würden.

Dieter Jarzombek: Spiritualität und Sexualität, Religion und Erotik – beide trinken doch aus ein und derselben Quelle: der Leidenschaft für das Leben und der Sehnsucht nach der Befreiung des Menschen. Ich weiß als Mentor vieler Menschen, dass sich so mancher schwer tut mit der scheinbaren Widersprüchlichkeit seiner Wünsche nach spiritueller Askese und sexueller Ekstase. Nicht wenige glauben auch, dass Lust und Leidenschaft mit einer spirituellen Lebens- und Übungspraxis nicht vereinbar sind! Ausgebildet durch spirituelle Meister verschiedener Schulen, wurde ich in traditionelles Heilungswissen eingeweiht und weiß von daher, wie jeder andere wohl auch, dass man in transformativen Prozessen, um die es in einer spirituellen Schulung ja auch immer geht, das Vorhandensein sexueller Energie nur schwer ignorieren kann.

Die Lehren des Sufismus z.B. sind, wie die Lehren des Tantrismus, kraftvolle Wege zur spirituellen Entwicklung des Menschen. Die alten Meister des Sufismus waren, wie die tantrischen Meister, getreu der Lehre des All-Einen oftmals auch große Lehrer der Sexualität. Denn nichts Menschliches konnte der all-einen Quelle allen Seins fremd sein. Im Zuge dessen wurden spezifische Ekstase-Techniken zur göttlich-menschlichen Vereinigung entwickelt und tradiert. Diese erschienen im Sufismus islamischer Prägung ebenso wie im christlichen Abendland nicht mehr opportun und angemessen, wurden - und werden - aber dennoch von mutigen, offenen Geistern von Mund zu Herz und Ohr weitergegeben. Sexualität und Spiritualität waren und sind immer miteinander vereinbar und Sex mit Gott ist demnach keine Verfehlung, sondern eine durchaus elementare Erfahrung auf dem Weg zur letztendlichen Wahrheit und Wirklichkeit.

Für viele Menschen sind Sie das, was man einen spirituellen Lehrer nennt und aus dem Gesagten kann ich entnehmen, dass Sie entweder ein Sufi- oder ein Tantralehrer sein müssen.

Ich bezeichne mich selbst weder als Sufi- noch als Tantralehrer. Untersage es andererseits aber auch niemanden, einen solchen in mir zu erkennen. Es sieht ohnehin ein jeder nur das, was er im Anderen, also auch in mir, sehen möchte. Außerdem: Wo ein Lehrer, da ein Schüler. Eigentlich lehne ich diese Termini aus zwei Gründen ab: zum einen, weil es sich bei dem Begriff “Spiritueller Lehrer - Schüler” um eine unserem Kulturkreis fremde Bezeichnung für eine Beziehung handelt, die in der Regel zwei erwachsene Menschen zum Zwecke echter Transformation eingehen, einen Beziehungs-Lernprozess, der die Person verändert und nicht nur ihren Kenntnisstand. Und zum anderen, weil wir als Kinder der Aufklärung mittlerweile viel zu egalitär und psychologisch zu smart geworden sind, um dieselbe Art von hingabevoller Beziehung zu einem Lehrer haben zu können, wie man sie noch in anderen Kulturkreisen wie etwa in Afrika, Indien oder Tibet antrifft.

Dennoch werden Sie in Ihrem Wirken ja nicht ganz ohne ein Konzept auskommen, bzw. die Leute, die zu Ihnen kommen, brauchen natürlich eine Orientierung, welcher Art der Schulung sie erwartet.

Jede spirituelle Schulung bringt meiner Auffassung nach die daran Beteiligten mit einer Dimension in Berührung, die nicht unseren Zeit- und Wertemaßstäben unterliegt. Deshalb bedarf es immer ausreichend Raum für spontanes Erleben und genügend Zeit für die Verarbeitung (Integration) der gemachten Erfahrungen, und deshalb sind auf dem Pfad der Erkenntnis die direkte Wahrnehmung der Wirklichkeit des Seins ohne Schnörkel und umständliche Ritualisierungen wichtiger als die Frage nach Konzept oder Nichtkonzept.

Klingt nach einer Schule des Augenblicks.

Ganz richtig! Eine Schule des Augenblicks lehrt Achtsamkeit in jedem Moment, diese bis an ihre Grenzen auszudehnen, um durch absolute Geistesgegenwart die lebendige Wirklichkeit zu erkennen. Deshalb sind in einer Schule des Augenblicks, wie in unserer Malamatischule, die Dinge nie so, wie sie zu sein scheinen. In der Regel lehren dies alle esoterischen Schulen und alle wirklichen Lehrer und Lehrerinnen wissen, dass alle authentischen spirituellen Pfade in ihrer Essenz die eine Realität, Wahrheit und Wirklichkeit offenbaren. Deswegen ist es letztendlich von nachgeordneter Bedeutung, ob eine der spirituellen Schulungsmethoden aus der Tradition des Sufismus, Schamanismus, Tantrismus oder einer anderen Richtung entstanden ist. Einzig und allein das Wissen darum, was für die psycho-spirituelle Weiterentwicklung der beteiligten Personen zu welchem Zeitpunkt gebraucht wird, ist entscheidend.

Sie sollen zeit Ihres Lebens nicht nur ein zutiefst religiöser und spiritueller Mensch gewesen sein, sondern darüber hinaus sich auch immer gesellschaftlich engagiert haben. Einer der Gründe, weshalb Sie im Anschluss an den Kongress für Ihr Lebenswerk geehrt werden sollen.

Es ging mir nie darum, Menschen ausschließlich in ihrer geistig-seelischen Entwicklung zu fördern und zu begleiten, sondern immer auch darum, sie zu stärken und darin zu unterstützen, ihre Ziele zu erreichen und mit den Zumutungen unserer Zeit und Gesellschaft zurechtzukommen. Den Herausforderungen des Lebens mutig entgegentreten, sich nicht kompromittieren zu lassen und wenn doch, dabei nicht an Würde zu verlieren. Darum geht es doch im Rahmen einer spirituellen Schulung auch immer wieder. Spirituelle Menschen sind stolze Menschen, die im Bewusstsein von Würde leben. Würde, die ihnen nichts und niemand nehmen kann. Kein leichtes Schulungs-Unterfangen angesichts einer Gesellschaft, in der die Entwertung und die damit einhergehende Entwürdigung des Individuums fast zum guten Ton zu gehören scheint. Deswegen halte ich es für illusorisch zu glauben, sich selbst zu verändern würde auch die Verhältnisse ändern. Keineswegs! Wenn wir uns neben unserer persönlichen psycho-spirituellen Entwicklung nicht auch an gesellschaftlich notwendigen Entwicklungsprozessen beteiligen, könnte es uns passieren, das wir zwar ein größeres Ausmaß an innerer Freiheit erlangen, diese aber wegen des Verlustes an äußerer Freiheit nicht werden leben können. Was also hätten wir gewonnen?



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