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Ausgabe April 2007
Homöopathie und Erkenntnis - Vom geistigen Ort des Simileprinzips

Der Philosoph Jochen Kirchhoff auf der Suche nach der implizierten Naturphilosophie in der homöopathischen Heilkunde.

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Samuel Hahnemanns Zentralintuition – Grundlage und Achse der gesamten Homöopathie – ist das Simileprinzip. In § 50 des “Organon der Heilkunst” spricht er von dem in der homöopathischen Heilung “waltenden, großen, einzigen Naturheilgesetz: Heile durch Symptomen-Ähnlichkeit”. Das ist es. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Krankheiten, so heißt es in § 48, würden aufgehoben und geheilt “von einer an Symptomen ähnlichen, etwas stärkeren Krankheits-Potenz” – also stärker als die “Krankheits-Potenz”, die das zu heilende Leiden bewirkt hat – und dies geschehe “nach ewigen, unwiderruflichen, bisher jedoch verkannten Natur-Gesetzen”. Einmal spricht Hahnemann sogar von der “göttlichen Homöopathie”, die mit schulmedizinischen Kuren zu vermischen ein “verbrecherischer Verrath” sei (§ 52).



Größte Heiler der Menschheitsgeschichte

Ist Hahnemanns hoher Anspruch gerechtfertigt? Kritiker der Homöopathie haben dies stets verneint. Anhänger – wenigstens im Prinzip – bejaht. Ich selbst neige dazu, Hahnemann auf ganzer Front Recht zu geben. Wahrscheinlich war er der größte Heiler der Menschheitsgeschichte. Ein Genie muss man ihn allemal nennen, auch deswegen, weil das von ihm erkannte Simileprinzip über seine Wirksamkeit in der Medizin hinaus zugleich eine naturphilosophische Dimension hat, die offenbar ins Kosmische hineinreicht. Warum? Weil ein solches “ewiges, unwiderrufliches Natur-Gesetz” wie das Prinzip der Ähnlichkeit in der kosmischen Grundordnung der Dinge verankert sein muss, wenn es so universal wirksam ist, wie dies angenommen werden kann.

Hahnemann selbst war beileibe kein Philosoph. Und metaphysische Spekulationen lehnte er ab: An einer kausalen Ableitung des Simile war ihm nicht gelegen. Er war durch und durch Empiriker, dem die Erfahrung alles, das Theoretisieren darüber wenig oder nichts galt. Das muss jedoch den denkenden Geist nicht hindern, nach der sozusagen impliziten Naturphilosophie in der homöopathischen Heilkunde zu suchen. Und es gibt diese Naturphilosophie durchaus: Schon Hahnemanns berühmtes Wort von der “Geistartigkeit” der Stoffe weist darauf hin. Fast hat man dabei den Eindruck, dass Hahnemann hier von seinem Zeitgenossen, dem Naturphilosophen Schelling, beeinflusst sei, obwohl nicht belegt ist, dass er dessen Werk kannte.



Signatura rerum – die Signatur der Dinge

Das Wort “Verstimmung” – bezogen auf das Lebensprinzip, die Lebenskraft – ist ein Schlüsselbegriff im “Organon”. Heilung erscheint als Aufhebung der krankhaften Verstimmung, was wiederum an Novalis erinnert, für den die “musikalischen Verhältnisse” die “Grundverhältnisse der Natur” waren. Und ganz unverkennbar steht die homöopathische Symptomlehre in engstem Zusammenhang mit der alten Lehre von der “signatura rerum”, der “Signatur der Dinge” – der Vorstellung, dass die Gestalt der “Naturdinge” etwas aussagt über ihr Wesen, so dass wir uns über das gestalthafte Äußere der Dinge ihrem inneren Wesen nähern können. Das müsste dann konsequent für das Äußere, die Physiognomie eines Menschen gelten. Hahnemann hatte, wie bekannt, eine erstaunliche Ähnlichkeit mit dem Arzt und Naturphilosophen Paracelsus (1493-1541), der wohl als Erster und Einziger vor Hahnemann das Simileprinzip bereits bündig formulierte. Man ist versucht, Hahnemann für die Reinkarnation von Paracelsus zu halten, wie es auch verschiedentlich geschehen ist. Immer wieder übrigens wurde Hahnemann von Zeitgenossen auf die “Vorläuferschaft” des Paracelsus angesprochen. Noch kurz vor seinem Tode schreibt er in einem Brief an den engen Vertrauten Bönnighausen, man habe ihm vorgeworfen, dass “er die ganze Homöopathie von Paracelsus genommen, es aber verschwiegen” hätte. Ob Hahnemann die Schriften des “Luthers der Medizin” kannte, ist nicht sicher. Wenn er selbst dieser war, würde sich manches erklären, aber das ist ein eigenes und wahrlich weites Feld.



Hahnemann und Goethe

Hahnemanns epochale Entdeckung steht nicht voraussetzungslos und gleichsam isoliert da, wenn sie auch in dieser spezifischen Form und Genauigkeit einschließlich ihrer Konsequenzen ohne Parallele ist. Der geistige Ort des Ähnlichkeitsprinzips lässt sich nur in grober Annäherung bestimmen, aber diese immerhin ist möglich. Fraglos kann Goethe, als Naturforscher und Verfasser der Farbenlehre, in der lebendigen Art seiner Phänomenologie als ein Geistesverwandter Hahnemanns ausgemacht werden. Beide waren streng an den Phänomenen orientiert: Was erscheint, war ihnen Ausdruck, Signatur, Symptom. “Man suche nur nichts hinter den Phänomenen, sie selbst sind die Lehre”, heißt es programmatisch bei Goethe. Hahnemann bekämpfte die Schulmedizin seiner Zeit, Goethe die “Schulphysik”, die analytisch-abstrakte Naturwissenschaft seit Newton. Auf das Ganze gesehen war der Begründer der Homöopathie wesentlich erfolgreicher als der Autor der Farbenlehre. Was sie eint, ist ein lebendiger und dialogischer Naturbegriff als Gegenpol zum monologischen der herrschenden Naturwissenschaft. Natur war ihnen kein bloßes Gegenüber, kein Objekt, kein “Ding”, nichts, was den “kalten Draufblick” ermöglichte.



Das “Warum funktioniert Homöopathie” interessiert nicht

Warum “funktioniert” die Homöopathie? Und dabei muss dieses “Warum” nicht eng und monokausal verstanden werden. Hahnemann interessierte sich nicht für diese Frage und die meisten heute, die in seinem Sinne zu heilen versuchen, teilen dieses Desinteresse. Bisher ist es nicht gelungen, die Homöopathie naturwissenschaftlich zu “erklären” oder abzuleiten. Sie scheint sich dieser Art Zugriff überhaupt zu entziehen. Modische Versuche, hier die Quantentheorie ins Spiel zu bringen – die alle Esoteriker entzückt – dürfen als gescheitert betrachtet werden. Die Quantentheorie, daran darf erinnert werden, ist ein hochabstrakter Formalismus, der keinen Grashalm erklären kann – wie viel weniger die Lebendigkeit eines Menschen in seiner leiblich-geistig-seelischen Verfasstheit, um die es aber gerade der Homöopathie geht.

So bleibt das Simileprinzip, wie es Hahnemann intuitiv erkannte, eine große Herausforderung für das Denken, der man sich immer wieder neu stellen kann und auch muss. Der dialogische Naturbegriff jedenfalls, wie er dem “Organon” zugrunde liegt, ist heute, wie es scheint, “aktueller” und wichtiger denn je, wenn wir überhaupt noch eine Chance haben, uns aus der tödlichen Sackgasse, in die wir uns kollektiv hineinmanövriert haben, zu befreien.

Jochen Kirchhoff lebt als Philosoph in Berlin und ist Autor zahlreicher Veröffentlichungen. Im Frühjahr 2007 erschien eine Neuausgabe von "Räume, Dimensionen, Weltmodelle" im Drachen Verlag


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