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Ausgabe März 2007
Bauchgeflüster

Anando Würzburger hat die Hara Awareness Massage entwickelt. Michael Lohmann stellt die Massagetechnik vor.

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Der Volksmund wusste es schon immer: Unser Bauch ist die entscheidende Schaltstelle für Gefühle und Gedanken. Daher treffen wir eine Entscheidung “aus dem Bauch heraus” und etwas Unangenehmes “schlägt uns auf den Magen”. Wenn wir verliebt sind, haben wir “Schmetterlinge im Bauch“. In Acht nehmen sollten wir uns vor Entscheidungen aus dem “hohlen, sprich leeren, Bauch“ oder gar, dass uns jemand “ein Loch in den Bauch” fragt. Alte östliche Kulturen betrachten unseren Bauch seit je her als Zentrum unseres Seins. Die Japaner nennen es “Hara”. Von daher auch der Ausdruck “Harakiri”: Wer das Hara tötet, zerstört das Zentrum, die Quelle des Seins.



Der Bauch: das zweite Gehirn

Die moderne Wissenschaft hat das alte mystische Wissen bestätigt. Sie fand nämlich heraus, dass unser Bauch ein zweites Gehirn beherbergt. Mehr als hundert Millionen Nervenzellen umhüllen den Verdauungstrakt und steuern Gefühl und Intuition maßgeblich mit. Der amerikanische Forscher Michael Gershon spricht von “Bauchhirn” und hat nachgewiesen, dass im Bauch auch psychisch hochaktive Substanzen wie Serotonin, Dopamin sowie Opiate produziert werden. Das Bauchhirn führt ein Eigenleben. So gehen weitaus mehr Nervenstränge vom Bauch in das Gehirn als umgekehrt: 90 Prozent der Verbindungen verlaufen von unten nach oben. Wir tun also gut daran, die Signale – das Flüstern – aus dem Reich der Mitte wahrzunehmen. Aber wie? Die Tragik des Menschen im digitalisierten Zeitalter besteht ja darin, dass er die Verbindung zum eigenen Körper verloren hat. Zum eigenen Bauch, dem Atem, den Füßen – kurz: zu allem, was sich unterhalb des Kopfes befindet. Der durchtrainierte Waschbrettbauch ist angesagt und Fitnessgeräte heißen ganz militant: “Bauchkiller”. Der Bauch soll ganz einfach weg. So ist es kein Wunder, dass wir meist erst dann auf unseren Bauch hören, wenn er sich mit Alarmzeichen wie Übelkeit, Erbrechen oder Schmerzen Aufmerksamkeit erzwingt.



Hara Awareness Massage

Ein wirksamer Weg den Kontakt zur eigenen Mitte zurückzugewinnen, ist die Hara Awareness Massage. Bei dieser Massage können wir das Flüstern unseres Bauches hören. Das Tor zu unserer ursprünglichen Lebensenergie wird geöffnet. Bei der Hara Awareness Massage sind die Hände des Behandelnden wie hochsensible Fühler, die aufspüren, wo zu viel oder wo zu wenig Energie fließt oder wo der Fluss blockiert ist. “Da wir zivilisierten Menschen uns zumeist im Kopf aufhalten und in unsere Emotionen verstrickt sind, beginne ich die Massage oft mit den Füßen,” berichtet Anando. “Da geht es um Erdung. Dann arbeite ich auf dem Rücken, dem Becken und den Beinen. Von dort nähere ich mich dann behutsam dem Hara-Zentrum. Wir bewegen uns von der Ebene des Denkens und Fühlens zur Ebene des Seins.”



Ausprobiert

Das klingt ja sehr vielversprechend, denke ich und will dann gerne am eigenen Leib erfahren, ob und wie es funktioniert. Nicht gerade in guter Stimmung gehe ich zu meiner ersten Hara-Sitzung. Mein Leben mal wieder voller Fragezeichen: Was habe ich falsch gemacht? Welche Traumata muss ich unbedingt noch aufspüren? Welche Therapiegruppen habe ich verpasst und muss sie dringend nachholen? Mein Kopf rattert, als ich mich auf den Massagetisch lege. Anando massiert zunächst meine Füße und ich kann sehen, wie das Perpetuum mobile der Gedanken unterbrochen wird. Mein System beruhigt sich. Ich spüre meinen Atem. Er ist wie ein Strom, der meinen Körper weitet. Da ist auf einmal wieder Platz und Raum. Vor meinem inneren Auge sehe ich einen goldenen Notenschlüssel. Sein innerster Ring umschließt mein Hara und zieht sich in Wellen durch meinen Körper. Ich spüre Liebe in mir. Wie eine “Bauchflüsterin” begleitet mich Anando auf dem Weg zur Quelle meines Lebens, dem Hara. Dort ist Kraft und Stille. Lust zu leben.

Anando Würzburger: Shiatsu-Massage, Qi Gong, Rebirthing, Primärtherapie, Tantra und Somatic Experiencing.



Buchtipp: Michael Lohmann: Das Jahr, in dem ich nur spazieren ging, Econ Verlag



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