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Ausgabe März 2007
Unsere Kinder brauchen uns!


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In den Industrieländern nimmt die Brutalität unter Jugendlichen weltweit dramatisch zu, Essstörungen greifen immer mehr um sich und sogar die Selbstmordraten von Kindern und Jugendlichen steigen. Der amerikanische Psychologe führt dies auf den Verlust von stabilen Eltern-Kind-Bindungen zurück, was er in seinem Buch “Unsere Kinder brauchen uns!” ausführlich darstellt. Die Verlegerin der deutschen Ausgabe, Dagmar Neubronner, hat ihn für Juni 2007 nach Deutschland eingeladen und fasst in diesem Artikel die wichtigsten Aspekte zusammen.



Der Bindungs-Krimi

Wie viele gesellig lebende Säugetiere und Vögel kommen auch Menschenkinder mit einem ausgeprägten Bindungsinstinkt zur Welt: Sie suchen jemanden, von dem sie lernen können, wie das Leben auf diesem Planeten funktioniert. In zunächst völliger Abhängigkeit als Säugling und Tragling erweckt das Menschlein mit seinem Lächeln und dem großäugigen Blick auch unseren Bindungsinstinkt: Wir erhöhen unsere Stimmlage, reißen ebenfalls die Augen auf, nicken mit dem Kopf und halten dem Kind den Finger hin. Der Säugling bindet sich an uns, indem er z.B. unseren Finger fest umklammert oder später als Antwort auf unsere ausgebreiteten Arme ebenfalls die Ärmchen ausstreckt, um sich aufheben zu lassen.



Unser Steinzeit-Instinkt

All dies sind instinktive Verhaltensweisen, die seit Hunderttausenden von Jahren das Überleben sichern. Wenn Mutter, Vater, ältere Geschwister und Verwandte fehlen, überträgt es den Bindungsinstinkt woandershin - so wie das frisch geschlüpfte Entenküken, wenn die Mutter fehlt, vertrauensvoll der Bäuerin, dem Hofhund oder einem Spielzeugauto nachläuft.
Auch Menschenkinder unterscheiden nicht, ob das Objekt, auf das sie ihren Bindungsinstinkt richten, überhaupt geeignet ist, für ihre gedeihliche Entwicklung zu sorgen. Und in den letzten fünfzig bis sechzig Jahren haben sich unsere Lebensabläufe so geändert, dass der uralte Bindungsinstinkt immer häufiger fatale Folgen hat.



Die Bindungslücke

Natürlich binden sich auch heute Kinder normalerweise an die Erwachsenen, die es versorgen. Doch früher oder später geraten sie in eine Bindungslücke, nämlich dann, wenn sie von ihren vertrauten Bezugspersonen getrennt und in großen Gruppen Gleichaltriger alleingelassen werden. In Kindergarten, Hort und Schule ist es heute meist dem Zufall überlassen, ob ein Kind zu dem betreuenden Erwachsenen eine Bindung aufbaut. Geschieht dies nicht, stürzt das Kind jeden Tag neu in eine verstörende Bindungs- und Orientierungslücke. In seiner Not richtet es seinen Bindungsinstinkt dann auf die anderen, ebenso desorientierten Kinder. Von diesem Zeitpunkt an hört es nicht mehr auf seine Eltern, sondern auf seine “Peers”, die Gleichaltrigen. Was diese vorgeben, ist Richtschnur seines Handelns, und der Erfolg bei den Gleichaltrigen ist ab sofort das Wichtigste für das Kind.


Wie Kids cool werden

Doch Kinder können sehr grausam sein. Wenn ein Kind seinen Bindungsinstinkt von den Eltern auf andere Kinder verlagert hat, schmerzen diese Grausamkeiten unerträglich. Das Kind schützt sich, indem es einen dicken Panzer um sein Herz legt und sich möglichst anpasst, um nicht aufzufallen und ausgegrenzt zu werden.
Heraus kommen die “coolen Kids”, die keinerlei Gefühlregungen mehr zeigen und sich nur noch für das interessieren, was in ihrer Gleichaltrigengruppe gerade “in” ist.. Gleichzeitig stoßen die Eltern mit ihren Bitten und Weisungen plötzlich auf taube Ohren.



Dabei-Sein ist alles

Wie das Entenküken spürt auch das gleichaltrigenorientierte Kind nicht, dass es einem ungeeigneten Orientierungsgeber hinterherläuft, es fühlt sich sicher, solange die Objekte seiner Bindung nahe sind. Das verzweifelte Streben “dazuzugehören”, lässt keinen Raum für die Entfaltung der eigenen Persönlichkeit und wenig Platz zum Lernen.


Was können Eltern tun, um es nicht so weit kommen zu lassen? Die Antwort liegt nahe: Pflege der Beziehung, damit das Kind gar nicht erst in eine Bindungslücke fällt. Wenn Ihr Kind in den Kindergarten oder in die Schule geht – nehmen Sie vorher Kontakt zu den Betreuern und Lehrern auf. Sorgen Sie dafür, dass diese eine wirkliche Beziehung zu Ihrem Kind aufbauen und erklären Sie, warum Sie das wichtig finden. Stellen Sie Kontakt zu den Eltern der Freunde Ihres Kindes her, laden Sie alle zusammen ein, lassen Sie ein Beziehungsnetz entstehen!

Und wenn Ihr Kind bereits mehr an Altersgenossen orientiert ist, gewinnen Sie das Herz Ihres Kindes zurück. Kinder können echte erwachsene Reife nur im Schutz sicherer, verlässlicher Beziehungen und Vorbilder entwickeln.



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