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Ausgabe Februar 2007
„To wake up the sleeping Geist“

Die Jazzmusikerin Jocelyn B. Smith: Die Kraft der Stimme entdecken und nutzen

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Jocelyn B. Smith, gebürtige New Yorkerin, seit 26 J. in Berlin. Haidrun Schäfer befragte sie über ihren Herzenswunsch, einen Musik-Raum zu initiieren.

Haidrun Schäfer: Du hast für 2007 ein neues Projekt vor. Um was handelt es sich?

Jocelyn B. Smith: Ein großer Wunsch von mir ist, einen “Musik-Raum” auf die Beine zu stellen: Ich möchte die Möglichkeiten der Musik auf therapeutische Art und Weise nutzen. Im Jazz haben wir verschiedene Module, bestimmte Tonarten und Rhythmen, mit denen wir arbeiten. Diese können auch auf seelischer Ebene angewendet werden. Aus Erfahrung weiß ich, dass man Patienten selbst im Koma mit Musik erreicht und auch bei traumatisierten Patienten erzielt man große Erfolge mit Musik. Musik kann seelische Ebenen erreichen, die Worten verschlossen bleiben. Ich möchte dazu anleiten, die Fähigkeit zu entwickeln, die Möglichkeiten der Musik zu nutzen. Im Grunde kann es jedem, der sich dafür öffnet, ermöglichen, sein vorhandenes Potential an Lebensqualität voll auszuschöpfen. Ich teile die Räumlichkeiten und die Idee zum Musikraum mit einer Homöopathin, die ebenfalls der Meinung ist, die Zeit hier in Deutschland sei reif, Musik als Heilimpuls einzusetzen. Es gibt bereits die Anfrage einer Ärztin, die mich mit diesem Konzept in den Kreißsaal ihres Krankenhauses holen möchte. An vielen Ecken werde ich angestoßen, in dieser Richtung etwas zu initiieren. Das, was ich wirklich möchte, ist ...– to help und to support – ich möchte helfen und unterstützen.


Das hört sich so an, als wenn es von Herzen kommt.

Es ist noch mehr. Meine Großmutter – die Mutter meiner Mutter – hat in den 50er Jahren eine “mental-health-clinic” in Brooklyn, New York, aufgebaut. Sie ist leider sehr früh gestorben. Ich fühle mich ihr in der Sache sehr verbunden und möchte dieses Werk weiterführen. Auf jeden Fall spüre ich schon lange eine tiefe Sehnsucht in mir zu helfen. Was sich noch alles in diese Richtung entwickeln wird, steht in den Sternen. Es gibt viele Möglichkeiten, Musik und Stimme zu nutzen – nicht nur als Konsument von Klängen.


Wie sieht dein erster praktischer Schritt aus?

Als erstes möchte ich mit einzelnen Menschen arbeiten, die zu mir kommen. In Einzelarbeit kann man sehr gut auf die Einzigartigkeit eines Menschen eingehen. Ich möchte mit der Kraft der Stimme arbeiten. D.h. nicht, dass nur ich singe, sondern dass die Klienten und Patienten genauso ihre Stimme nutzen. Man kann sehr schön damit beginnen, sich mit ganz einfachen Modulen an die Musik heranzutasten. So kann man z.B. lernen, Moll und Dur zu unterscheiden und wahrzunehmen, was für unterschiedliche Emotionen ausgelöst werden. Dabei ist es unterstützend hilfreich, die Hände auf verschiedene Körperbereiche aufzulegen und zu spüren, wie es klingt. Dann kann man mit Beats und Rhythmen arbeiten. Rhythmen haben für mich viel mit mother nature – Mutter Natur zu tun, das ist eine wichtige Basis für dieses Leben: geerdet zu sein. Trommeln gehören auch dazu – es sind im Grunde uralte Anwendungen. Das Ziel ist self-empowering – den Tank auffüllen. Ich bin keine Heilerin, aber ich möchte den Menschen wieder zu der Erkenntnis verhelfen, dass alles in ihrem Inneren vorhanden ist.


Ich würde self-empowering mit Selbstermächtigung übersetzen – die Verantwortung für sich und auch seine Fähigkeiten zu übernehmen.

Ja, das Selbstvertrauen in die eigenen Kraft wiederzufinden. Ich glaube, hier in Deutschland fehlt den Menschen die eigne Kraft – und auch das Vertrauen in diese Kraft. Dazu fällt mir der hiesige Umgang mit den Wechseljahren ein. Im Westen haben die Frauen Angst davor und fühlen sich als alte Frauen weniger wert. In Asien freuen sich die Frauen auf die Weisheit, die das Alter mit sich bringt. Auch bringt man dort alten Frauen Respekt und Anerkennung entgegen. Ich will nicht sagen, Frauen in den Wechseljahren sind dort in Partystimmung, aber man freut sich darauf, die nächste Stufe zu erlangen.


Was war Auslöser, jetzt endlich diesen Schritt in die für dich neue Richtung zu wagen?

Dazu muss ich etwas ausholen. In meinem aktuellen Projekt Expressionzz arbeite ich mit den Psalmen Davids. Ich habe entdeckt, dass in diesen intonierten Texten sehr viel Energie steckt. Am 10. Juli 2006 haben wir im ehemaligen Tränenpalast ein Konzert mit diesen intonierten Texten gespielt, das auf CD aufgenommen und auch als DVD produziert wurde. Das Konzert war phänomenal: Das Energielevel war nach dem Konzert dermaßen hoch, dass das für mich der Auslöser dazu war, weiter mit diesen Texten zu arbeiten und sie zu nutzen, um auch das Energielevel einzelner Menschen zu erhöhen. Nach diesem Konzert entstand die Idee des “music-room”: mit Klienten und Patienten anhand von verschiedenen musikalischen Modulen zu arbeiten, um dieses hohe Energielevel zu erreichen. Wir wollen also Musik produzieren, um den schlafenden Geist aufzuwecken. Viele Menschen haben Angst, die eigene Stimme zu benutzen. Wie oft machen Menschen ihre Stimme kleiner oder gepresster. Ich versuche, über die Stimme eine neue Dynamik zu erzeugen. Das ist ein generelles Thema für Deutschland: wieder zu singen.


Du möchtest also mit einzelnen Klienten arbeiten und ihnen dann auch Material anbieten mit dem sie auch zu Hause arbeiten können?

Ja, ich habe mit meiner Band über den Musikraum gesprochen und die haben sofort angefangen, herumzuexperimentieren: dieses Modul mit dieser Sequenz und diesem Rhythmus – die Begeisterung war enorm und sie sind voll dabei. Wir möchten eine CD aufnehmen, die es den Klienten und Patienten ermöglicht, auch zu Hause weiterzumachen und die Arbeit aus dem Musikraum selbst anzuwenden. - Wobei die individuelle Arbeit im Vorfeld sinnvoll ist, denn jeder Mensch reagiert unterschiedlich auf die gegebenen Impulse. Wenn die Menschen offen dafür sind, möchte ich mit ihnen sogar ihre einzelnen ganz eigenen Geschichten aufschreiben und dann mit ihnen eine Melodie dafür finden.


Gibt es diese CD schon?

Noch nicht, aber wenn das Interview erscheint, wird sie fertig sein. Ich habe meiner Band von dem Interview mit KGS erzählt und das war der Auslöser, sofort loszulegen.


Noch einmal zurück zu dem Konzert.

Das Konzert war eine Widmung der “Berliner Regenbogenkinder” an Erzbischof Desmond Tutu aus Südafrika, der mit Nelson Mandela gegen die Apartheid kämpfte. 2006 wurde er 75 Jahre alt und das Konzert wurde ihm zu diesem Geburtstag gewidmet. Ursprünglich wollte er persönlich kommen und neben diesem Konzert auch die Fußball-Weltmeisterschaft live erleben. Leider hat sein Arzt ihm nahegelegt, die Reise nicht auf sich zu nehmen. Also ist Bischof Huber eingesprungen und hat die Widmungs-Urkunde entgegengenommen und übersendet. Die Veranstaltung an diesem Abend fand unter der Schirmherrschaft des Regierenden Bürgermeisters von Berlin statt. Das Konzert ist aufgezeichnet worden und erschien im November 2006 auf der CD und DVD EXPRESSIONZZ. Die energetisierende Wirkung dieses Konzertes war für mich so ergreifend, dass ich jetzt die Arbeit mit einzelnen Menschen beginnen möchte. Es ist ein erster Schritt – ich bin gespannt und offen für alles, was sich daraus noch entwickelt.


Warum bist du eigentlich in Berlin?

Vor 26 Jahren erhielt ich eine Einladung für eine Europatournee und dann bin ich in Berlin hängen geblieben. Hier habe ich viele Musiker und später meinen Mann getroffen. Und meine Kinder hier geboren. Ich liebe diese Stadt und ihre Regenbogenkinder.


Was sind Regenbogenkinder?

Desmond Tutu hat diesen Namen den Kindern dieser Welt gegeben: the rainbow children. D.h., wir kommen aus verschiedensten Ländern und Kulturen und wir unterscheiden uns durch unsere verschiedenen Hautfarben – zusammen bilden wir die Vielfalt des Regenbogens. Dahinter verbirgt sich auch die Botschaft, dass wir alle die Möglichkeit haben, to live in the rainbow – im Regenbogen zu leben. D.h., dass wir die Fülle aller Farben des Regenbogens ausleben können.


Ein Regenbogen enthält also die ganze Vielfalt dieser Welt. Wie entsteht er eigentlich?

Aus Sonne und Regen. Regen muss nicht traurig sein.


Im Gegenteil: Regen bedeutet Fruchtbarkeit. Wir brauchen die Sonne und wir brauchen den Regen, daraus entsteht Leben. Ein schönes Bild. Ich wünsche dir, dass du mit deinen Ideen viele Menschen erreichst, damit Berlin eine Stadt voller Regenbogenbewohner wird.

Thanks a lot.





Praxisbeispiel

Und damit ich einen Eindruck davon bekommen kann, wie diese Arbeit praktisch aussieht, gehe ich mit meinem 14-jährigen Sohn zu ihr, der inzwischen angefangen hat, sein drittes Musikinstrument zu lernen. Er ist sehr skeptisch, weil er meint, nicht singen zu können... Aber genau das ist ja – wenn ich Jocelyn richtig verstanden habe – auch ihr Anliegen: Menschen an das Potential, das in jeder Stimme liegt, heranzuführen und weg von der Überzeugung aus dem schulischen Musikunterricht: Ich kann nicht singen.



To clear the space

Die freundliche und offene Art von Jocelyn lassen sehr bald die skeptischen Falten auf Jacobs Stirn verschwinden. Als erstes soll er eine Liste mit den Dingen zusammenstellen, die er gerne macht: Musik, Sport und Mathe sind die Schwerpunkte. Und ob er schon weiß, welchen Beruf er ergreifen will und was er auf keinen Fall machen möchte. Nach dieser ersten Kontaktaufnahme geht es erst einmal praktisch weiter mit der Übung des Feueratmens, die Klarheit in Körper und Geist schafft und sich gut vor anstrengenden intellektuellen Herausforderungen wie z.B. Hausaufgaben einsetzen lässt. Wichtig dabei ist, dass der ganze Rücken mitschwingt, also auch die Hüften, denn im unteren Rückenbereich sitzt die Kundalinikraft, und wenn die durch die ganze Wirbelsäule fließen kann, haben wir automatisch mehr Power zur Verfügung. Eine zweite vorbereitende Übung ist eine einfache Form des Sonnengrußes aus dem Hatha-Yoga – to clear the space.



Das Spektrum der Töne

Anschließend spielt Jocelyn auf einem Didgeridoo und Jacob legt eine Hand auf das Rohr und die andere auf sein Herz. Als ich es ihm nachmache, spüre ich die Resonanz, die durch meinen ganzen Körper vibriert. Am deutlichsten ist es am Solarplexus. Ein beeindruckender Beweis, was Klang in unserem Körper bewirkt. Und mit unserer Stimme erzeugen wir bei jedem Wort einen Klang, der durch unsere Zellen strömt.

Jetzt beginnt ein spielerischer Teil mit den verschiedenen Tonlagen. Im Englischen gibt es das schöne Wort “Gibberish”, wofür ich im Deutschen keine adäquate Übersetzung finde. Man brabbelt oder plappert Silben ohne Sinn vor sich hin, ohne Worte zu benutzen und surft auf verschiedenen Stimmlagen wie auf den Wellen vor Hawaii. Der Effekt ähnelt dem Leeren der inneren Mülltonne. Während Jocelyn und Jacob im Raum herumgehen und ihr Kauderwelsch von sich geben, könnte man fast meinen, es findet doch eine Art Kommunikation zwischen den beiden statt. Auf jeden Fall ist Jacob gelöster und in seinen Augen erkenne ich freudige Erwartung. Durch den Gibberish wird klar, wie viel verschiedene Möglichkeiten wir allein mit dem Klang des gesprochenen Wortes haben.



Der Klang der inneren Schätze

Jetzt kommt die am Anfang erstellte Liste zum Einsatz. Zu jedem aufgeschriebenen Stichwort soll er einen Ton summen, ohne zu überlegen. Während Schlagzeug und Tennis mit klaren, hohen Tönen daherkommen, klingen die Stichworte der Zukunft zaghaft und dunkel. Das alles sind Vorübungen, um an einen wesentlichen Baustein in Jocelyns Konzept zu führen. Jetzt soll Jacob einen Lieblingssatz aufschreiben, der etwas enthält, was ihn freut, glücklich macht oder was er mag. Der Satz besteht aus drei Teilen. Jeden einzelnen Teil soll er betont und ausdrucksstark vorlesen. Mit ihrer geschulten Wahrnehmung hört Jocelyn hinter der Betonung die verborgene Melodie und deckt quasi das karierte Tüchlein, das über dem gefüllten Picknickkorb liegt, auf und dann kann sich derjenige an seinem eigenen Reichtum laben. “Ich mache gerne Musik” wird zu einem melodiösen Auf und Ab wie ein kleines Lied. Das hatte Jocelyn in dem Gespräch schon gesagt, dass sie mit Menschen persönliche Sätze oder Visionen aufschreiben und dazu eine ganz persönliche Melodie finden möchte. Nach der Vertonung des Satzes soll Jacob für jedes Wort oder Aussage eine Geste finden, die den Inhalt symbolisch ausdrückt. “Ich” bekommt nicht nur einen Ton, sondern auch eine Geste, die seiner Persönlichkeit in ihrer ganzen Kraft entspricht.

Alle Übungen sind darauf ausgerichtet, das schlummernde Potential aus dem Dornröschenschlaf zu erwecken. Unsere Stimme ist eine Tür zur Entdeckung oder Festigung innerer Kraft – self-empowerment!



Rückfahrt

Auf dem Nachhauseweg singen wir laut und sogar im Kanon “Bruder Jakob” – das kam noch nie vor, weil ich auch der Meinung bin, nicht singen zu können. Jacob stimmt ein zweites Lied an, das viele hohe Töne hat und wir singen laut und falsch, aber das macht nichts – im Gegenteil: Wir haben super gute Laune, Jacob ist gelöst und freudig und ein großes Stück gewachsen. Thank you Jocelyn!



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