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Ausgabe Februar 2007
Traumalösung - Für mehr Selbstbewusstsein im Alltag

Dr. James Feil über Traumalösung. Karin Monte vom "Weg der Mitte" führte ein Interview mit ihm.

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Herr Dr. Feil, was passiert bei einem Trauma?


Es ist eine überwältigende Erfahrung. Es ist zu viel, zu schnell und/oder zu intensiv für den Organismus, was da geschieht. Dann ist es wichtig zu verlangsamen. Die Wahrnehmung und die Verbindung mit der anderen Person wird einfühlsamer, wenn ich langsamer bin. So entsteht allmählich auch wieder ein Gefühl von Sicherheit. Es gibt Therapien, die Zustände von "zu schnell, zu intensiv, zu viel" noch intensivieren. Dadurch kann es zu einer Re-traumatisierung kommen.



Was geschieht, wenn etwas "zuviel" ist?


Oft passiert folgendes: noch mehr Druck, noch mehr Anforderung, viele gute Absichten von der Außenwelt, die Dinge für uns zu regeln, uns zu entlasten. Wenn der Körper, wenn der Organismus "zu viel" hat, dann empfiehlt es sich, den Druck erstmal zu verringern . Oft ist gar kein echter Notfall vorhanden, nur das Gefühl einer echten Gefahr ist noch da. Im akuten Notfall ist immer eine andere Art von Eingreifen notwendig.




Was ist wichtig für eine traumatisierte Person?


Ein sicheres Umfeld, eine Situation der Geborgenheit. Genau das muss bei der Trauma-Arbeit herausgefunden werden: Wie kann sich diese Person sicher fühlen? Wie und wodurch entsteht dieses Gefühl? Was erlaubt es dieser Person, sich so sicher und stark zu fühlen, dass sie das Trauma aufarbeiten kann?



Wie entsteht diese Sicherheit?


Dazu gibt es grundlegende neue Forschungsergebnisse aus der Neurologie, insbesondere die polyvagale Theorie von Dr. Stephen Porges. Er spricht von einem, anatomisch begründeten, "sozialen" Nervensystem. Wenn es aktiv ist, fühlen wir uns wohl, sicher und geborgen, wir sind im Kontakt mit unserer Umwelt und unserem Gegenüber. Das soziale Nervensystem drückt sich über verschiedene Körperteile aus, z.B. Gesichtsausdruck, Stimme, Gestik.



Und wenn das Problem nicht aufhört, die äußeren Umstände sich nun nicht zum Besseren wenden?


Wenn die Situation nach der Einschätzung unseres Gehirns lebensbedrohlich ist, kommt es zur Erstarrung. Das ist der Totstellreflex bei Tieren. Psychologisch geht damit oft ein Zustand der Dissoziation einher. Der Sympathicus rast noch, nach dem Versuch zu kämpfen oder zu fliehen. Der Parasympathicus übernimmt den Organismus, und das ist oft lebenserhaltend. Es ist wichtig zu erkennen, wann genau das Gefühl von Bedrohung in einem selbst ausgelöst wird - oder in einem anderen Menschen, wenn man mit Patienten arbeitet.



Wie fühlt sich ein traumatisierter Mensch?


Die traumatische Geschichte wird ständig wiederholt. Wenn von schwierigen Situationen oder Gefahren gesprochen wird, sind alle Emotionen und Empfindungen der traumatischen Situation wieder da. Sie haben sich dem Organismus eingeprägt und lösen die damit verbundenen neurologischen, motorischen und sensorischen Aktivitätsmuster wieder aus. Der Körper erzählt sozusagen die Geschichte wieder und wieder durch automatisierte Handlungen, Gedanken und Gefühle. Daher kann ein Therapeut auch an der Sensorik und Motorik erkennen, wie und wo die Geschichte gespeichert ist.



Was macht denn nun die Trauma-Therapie?


Sie ersetzt den geschlossenen Kreislauf durch einen offenen Kreislauf. Man geht davon aus, dass ein Reaktionsmuster entstanden ist, das unbewusst abläuft. Hier ist es nun wichtig, einen Zugang zu finden. Die Grundlage dafür ist, die Geschichte aufzunehmen und durch Präsenz und die Art des Zuhörens eine soziale Beziehung aufzubauen.



Wie kann man sich das vorstellen?


Der Therapeut oder die Therapeutin ist ruhig (empfänglich), aber sehr aktiv im Sinne von Aufmerksamkeit und Wahrnehmung. Das Zuhören gibt der Geschichte Raum, sie darf erzählt werden, wobei die Übergänge zwischen Sicherheit und Unsicherheit genau beachtet werden. Wann setzt eine Veränderung im Rhythmus der verbalen Erzählung und/oder der Motorik und Gestik ein? Es geht dabei nicht um mehr Informationen oder die Logik der Geschichte, sondern um die Entdeckung von Ressourcen, die wir nicht erwartet haben. In gewisser Hinsicht lässt es die Geschichte selbst zu, dass von innen her eine Veränderung beginnt.



Welche therapeutischen Qualitäten sind also erforderlich?


Man kann sich ein Bild aus der Natur zu Hilfe nehmen. Die Pflanzen wachsen in Stille, sie wachsen durch ihr bloßes Dasein mit den Elementen, und doch drücken sie Vitalität und Gesundheit aus. Dieses tiefe Wissen, dass die Dinge sich aus sich selbst heraus, aus ihrer eigenen Natur heraus entwickeln, ist sehr wichtig für jeden, der therapeutisch arbeitet. Natürlich sind Techniken und Verfahrensweisen notwendig, aber die Frage ist vor allem, welche Verbindung wir zu dem Klienten haben.



Kann man diese Arbeit nur mit therapeutischer Vorbildung machen?


Therapeuten aller Art und Menschen in helfenden und sozialen Berufen bringen häufig schon eine verfeinerte Art des Zuhörens mit. Kenntnisse in Anatomie, Physiologie und der Funktionsweise des Nervensystems sind hilfreich. Ebenso nützlich ist es, verschiedene Modelle des Menschen zu kennen, auf denen das Verständnis von Gesundheit und Heilungsprozessen beruht. Das wichtigste ist jedoch, für neue Erfahrungen bereit zu sein, die Dinge auf eine neue Art anzuschauen, sich immer wieder neuen Herausforderungen zu stellen. Die Leitlinien, nach denen wir Trauma-Arbeit machen, sind im Grunde genommen Leitlinien für das menschliche Verhalten im allgemeinen.



Heißt das, Trauma ließe sich vermeiden?


Viele Traumata passieren, weil wir nicht aufmerksam sind. Die Trauma-Arbeit hilft uns, Warnsignale zu beachten, denn wir überschreiten ständig unsere Grenzen. Wenn wir langsamer werden, kommen wir in Kontakt mit unseren Ressourcen, so dass wir die Kontrolle und unsere Handlungsfähigkeit behalten. Oft überschätzen wir unsere Fähigkeit, Ereignisse zu verdauen und zu verarbeiten, und unterschätzen unsere Ressourcen.



Was ist der Hintergrund Ihrer Arbeit?


Es ist wichtig, für den Begriff Trauma zunächst einen konzeptionellen Rahmen zu finden. Ganz wesentliche Beiträge für diese Arbeit und Forschung haben Stanley Keleman und Peter Levine geleistet, die auch in Deutschland schon lange bekannt sind. In diese ganzheitlichen Ansätze wird die körperliche und physiologische Ebene bewusst miteinbezogen.
Es ist bei der Traumatherapie immer entscheidend, mit kleinen Schritten zu beginnen. Wenn man gleich an die großen Themen herangeht, ist das oft eine Überforderung - wie das Trauma selbst.




Nach rund 35 Jahren Erfahrung in der Ganzheitsmedizin arbeiten Sie jetzt an einem Projekt, das Sie "Synthesis" nennen. Es ist in erster Linie für Therapeuten gedacht, scheint aber nicht nur ein weiterer Kurs zu sein, sondern ganz grundlegende Überlegungen zu enthalten.


Was immer du studierst, was immer du tust, welches Schild du auch an deine Tür hängst: du kommst an einen Punkt, wo du erkennst, dass alles durch dich gefiltert wird, dass letzten Endes du selbst die Methode bist. "Synthesis" ist ein Versuch, all diese mehr oder weniger starken Einflüsse der Professionialisierung zusammenzuführen auf zentrale Fähigkeiten im Wesenskern des Behandlers, die auch zentrale therapeutische Fähigkeiten sind. Viele Leute machen eine Trennung zwischen ihren professionellen Fähigkeiten und ihrer oder anderer Leute Lebensweise. Bei diesem Projekt ist der Focus auf wesentliche Lebensstrategien ausgerichtet, wie z.B. die Kunst des wirklichen Zuhörens, der Kommunikation, des Sehens, der Wahrnehmung zu entwickeln. Es fügt den vorhandenen Fähigkeiten der Teilnehmer neue Ebenen des Verständnisses hinzu, eine Verfeinerung und Vertiefung.

Wir erleben heute eine solche Explosion von Wissen, die zu immer stärkerer Spezialisierung führt und gleichzeitig die allerhöchste Wertschätzung genießt. Sie versperrt uns jedoch eher den Zugang zu der lebenswichtigen Ganzheit des Einzelnen und vielleicht sogar des Kosmos. Wir vergessen, welche unglaubliche Intelligenz diese menschliche Form erschaffen hat, die Jahrtausende von kodierten Informationen enthält, die uns in unserem Alltag tragen. Wir verlieren uns so sehr im Äußeren, dass wir das Staunen über unsere grenzenlosen inneren Ressourcen verlernt haben.



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