aktuelle Seite: ARCHIV   
Jahr:
2019 | 2018 | 2017 | 2016 | 2015 | 2014 | 2013 | 2012 | 2011 | 2010 | 2009 | 2008 | 2007 | 2006 | 2005 | 2004 | 2003 | 2002 | 2001 |

Ausgabe Januar 2007
Die Liebe, die größte Heilkraft

Interview mit Dr. Klaus Platsch

art50904
Können Sie bitte das neue Paradigma in der Medizin erklären?

Klaus Platsch: Im Unterschied zum alten Paradigma nehmen wir in der neuen Medizin die Multidimensionalität des Menschen zur Kenntnis. Dazu gehört auch zu erkennen, dass der Mensch nicht ein vom anderen Menschen getrenntes Wesen ist. Diese Sichtweise ist ja das, was seine Isolation und Vereinsamung letztendlich ausmacht. Darüber hinaus erweitern wir in diesem neuen Paradigma die bisher rein intellektuelle Qualität des Verstandes um die Qualität des Herzens.



Was genau verstehen Sie unter Multidimensionalität des Menschen?

Bislang haben wir in der konventionellen Medizin den Fokus in erster Linie auf den Körper und auf die Psyche gerichtet. Beide werden in der konventionellen Medizin unserer heutigen Zeit als zwei voneinander getrennte Dimensionen betrachtet, die scheinbar nicht wirklich etwas miteinander zu tun haben. Entweder man ist psychisch krank und dann reagiert der Körper oder umgekehrt, der Körper ist krank und die Seele reagiert mit Depression oder Ängsten. Bis auf ihre kausale Verknüpfung werden sie als nicht direkt miteinander verbunden angesehen. Multidimensionalität heißt, die enge Verbindung zwischen Körper und Geist zu erkennen und die organische und psychische Ebene um die seelisch-geistige Dimension zu erweitern. Und darüber hinaus ist der Mensch noch eingebettet in ein universelles Feld. Auf der einen Seite ist der Mensch Teil dieser Dimension und auf der einen Seite geht er darin auch ganz auf.

Im alten Paradigma, das aus dem Weltbild Newtons herrührt, wird alles auf die Ebene der Materie reduziert. Hier besteht die Vorstellung, dass der Mensch eine Maschine wäre, auf die wir beliebig von außen einwirken können. Dasselbe geschieht auch im Kontext von Medizin, dass wir Ärzte uns selber ebenfalls als außerhalb des Systems betrachten. Wir neigen dazu zu glauben, dass wir diejenigen sind, die etwas mit dem Patienten machen, nehmen dabei aber nicht zur Kenntnis, welche Interaktionen zwischen dem Patienten und dem Arzt passieren.


Wir haben inzwischen viele wissenschaftliche Erkenntnisse gewonnen, die mit dieser rein materiellen Vorstellung nicht mehr übereinstimmen. Z. B. hat die Quantenphysik erkannt, dass hinter dem, was wir als Materie erkennen, keine Bausteine mehr existieren. Jenseits der Ebene der Elementarteilchen sehen wir nur noch ihre Spuren. Wir können allenfalls feststellen: Es gibt eine Wahrscheinlichkeit, dass z.B. ein Elektron, ein Neutron oder ein Proton in einem bestimmten Moment an einer bestimmten Stelle existiert. Aber in letzter Konsequenz können wir keine Materie mehr ausmachen, sondern das, was da ist, verschwimmt. Der Mensch im alten Paradigma liebt es, die Dinge ganz genau festzumachen und genau und klar zu definieren. Nun kommen wir in der modernen Wissenschaft aber an einen Punkt, an dem wir sehen, dass die Dinge gar nicht so genau objektiviert und definiert werden können, wie wir es gerne hätten. Stattdessen erkennen wir, dass wir uns in einem Feld befinden. Aus quantenphysikalischer Sicht gesehen ist es so, dass die Welt und auch der menschliche Organismus nicht nur aus Materie besteht, sondern vielmehr ein Informationsfeld darstellt. Ein Feld, in dem eine unendliche Menge von Informationen wirkt, die letztendlich dafür zuständig sind, dass sich Materie realisiert - oder biologisch-medizinisch ausgedrückt: dass dieses oder jenes Organ oder dieser biochemische Mechanismus existiert. Dieses Feld von Informationen schwingt im Hintergrund der Materie. "In-formation" bedeutet hier, etwas in Form und Gestalt bringen. Wir können heute viele Dinge damit erklären, z.B. wie es möglich ist, dass emotionale oder psychische Situationen fast ohne Zeitverzögerung Reaktionen an weit voneinander entfernten Stellen des physischen Körper zeigen. Nach heutigem Wissen geschieht das durch bestimmte Botenstoffe im Organismus, kleine Eiweißverbindungen, die bei verschiedenen Emotionen wie Angst, Wut, Unsicherheit usw. gebildet werden und die unmittelbar den gesamten Organismus erreichen, d.h. schneller als in Lichtgeschwindigkeit.



Wie kommen die Information, zum Beispiel das Gefühl, dann sozusagen zur selben Zeit im Gehirn oder im Arm oder Ellbogen oder im Bauch an?

Das ist ein Prozess, der synchron, fast zeitlos stattfindet. Wir können uns diesen Vorgang modellhaft über das Feld erklären, in dem sozusagen Raum und Zeit aufgehoben sind. Übertragen auf den menschlichen Körper bedeutet es, dass wir zwar einen materiellen Körper haben, aber davon ausgehen müssen, dass die Ausformung dieses Körpers durch ein Informationsfeld zustande kommt, dass hinter der Materie liegt. Dass heißt, dass wir eine Körperintelligenz besitzen, die den Körper und alle seine Funktionen, auch die Psyche und die seelischen Aspekte bildet. In diesem und durch dieses Feld wird der Körper ständig wieder regeneriert und reorganisiert. Das Spannende ist, dass wir bisher immer davon ausgegangen sind, dass dies unser Körper durch Molekülverbindungen macht - d.h. durch die DNA im Zellkern. Die DNA ist das genetische Erbe und wir halten sie für die Grundlage, dass der Körper weiß, wie er auszuschauen und wie er zu funktionieren hat. Aber letztendlich hat jede Zelle im Körper dieselbe DNA.



Woher weiß dann aber eine Zelle, z.B. eine noch undifferenzierte Stammzelle, dass sie sich zu einer Magenzelle, einer Gehirnzelle, einer Herzzelle oder einer Nervenzelle entwickeln soll? Woher weiß aber auch z.B. die Magenzelle, dass sie sich wirklich im Magen bildet und nicht etwa im Gehirn? Woher weiß der Körper z.B., dass er bestimmte äußere Grenzen hat und eine bestimmte Form einzunehmen hat?

Jede Zelle hat dieselbe DNA und trotzdem entwickelt sich jede Zelle anders durch eine Körperintelligenz im Hintergrund, die ich als physisches Körperfeld bezeichne. Das physische Feld wird z.B. in der Aura sichtbar, wobei die Aura nicht identisch mit diesem Körperfeld, wohl aber ein Aspekt dieses Feldes ist.
Normalerweise denken wir, dass der Körper etwas Konstantes und Festes wäre, was er in Wirklichkeit aber nicht ist. Wir wissen heute, dass sich z.B. die Magenwände alle 5 Wochen erneuern. Wir wissen, dass wir alle drei Monate eine neue Haut haben. Wir wissen, dass sich jedes Jahr das Nervensystem und die Herzmuskulatur völlig erneuern. Selbst die DNA erneuert sich ständig. D.h. dass der Mensch, der jetzt hier vor Ihnen sitzt, ein völlig anderer ist als vor einem Jahr. Die Zusammensetzung der Materie ist eine völlig andere. Dass wir trotzdem immer gleich erscheinen, hängt damit zusammen, dass die Informationen dieses Körperfeldes dafür sorgen, dass die Materie sich immer wieder in der gleichen Weise und am gleichen Ort regeneriert und strukturiert.

Und das hat eine gewaltige Konsequenz für die Frage nach Gesundheit und Krankheit. Denn wenn wir z.B. einen Tumor haben, dann muss sich in diesem Organisationsfeld ein Fehler eingeschlichen haben. Da gibt es plötzlich die Information einer Störung im Körperfeld. Setzt sich diese Information durch, fängt der Körper an, den Tumor immer wieder von neuem zu reproduzieren.



Ist es möglich, diese Information wieder in eine gesunde Information umzuwandeln, damit sich keine Tumorzellen, sondern wieder gesunde Zellen entwickeln?

Diese Möglichkeiten bestehen und das hat eine große Konsequenz. Dass wir den Körper einladen können, wieder gesunde Zellen zu bilden und sich zu regenerieren, hat etwas mit den unendlichen Möglichkeiten von Informationen in diesen Feld zu tun. D.h., alle Informationen für Gesundheit und Krankheit sind potentiell da. An die gesunden Informationen wieder andocken zu können, ist nicht so sehr eine Frage des Wünschens oder des Sich-Denkens, sondern hängt mehr mit einer sehr subtilen Ebene unseres Bewusstseins zusammen. Z.B. entwickelt jemand mit einem Tumor aller Wahrscheinlichkeit nach Angst. Die Angst vor dem Tumor ist meist verbunden mit der Angst vor dem Sterben. Die Ärzte haben dieselbe Angst, weil sie sich dem Tumor gegenüber ohnmächtig fühlen. Sie denken, dass sie diesem Menschen sowieso nicht mehr helfen können. Eine solche Haltung der betroffenen Patienten wie auch der Ärzte aber beeinflusst den ganzen In-formationsprozess dahingehend, dass sich genau das realisiert, was im Feld an Ängsten, Vorstellungen, Prognosen, Statistiken und Krankheitsverläufen gespeichert ist.



Das heißt, dass eine ganz neue Herangehensweise, also eine ganz neue Form der Begegnung zwischen Arzt und Patient nötig ist?

Ja, wir als Ärztinnen und Ärzte müssen umdenken. Durch die alte Vorstellung, der Mensch sei eine Maschine, hat sich eine an Objektivität gemessene Medizin entwickelt, die somit den Menschen auch zum Objekt macht. Aber im Quantenfeld gibt es weder Subjekt noch Objekt - nicht einmal Materie.
Diese Art von Objektivität, die die Patienten zu behandelnde Objekte macht, hat zur Folge, dass auch wissenschaftliche Studien in derselben Art und Weise fern vom Menschen, fern von seiner Subjektivität, gemacht werden. So untersuchen wissenschaftliche Studien die Wirkungen von Medikamenten in großen statistischen Patientenkollektiven z.B. bei Rheuma, Diabetes mellitus, Bluthochdruck oder Cholesterin. Die Resultate führen zu statistischen - nicht zu individuellen - Aussagen. Z.B. kann sich für eine bestimmte Art von Brustkrebs eine Überlebenszeit von 5 Jahren bei 30 % oder 50% der betroffenen Frauen ergeben. Diese Art von Statistiken beeinflussen natürlich auch den behandelnden Arzt bzw. die Ärztin, die nun diese Zahlen im Kopf haben und sich bei nächster Gelegenheit denken: Hier ist eine Patientin mit Brustkrebs, die zu 70 % die nächsten fünf Jahre hat nicht überleben wird. Das Informationsfeld erschafft sich unsere Welt tatsächlich in gewisser Weise selbst. Es soll nicht heißen, dass die Ärzte daran schuld wären, wenn ein Brustkrebs nicht heilt, oder dass die Patientin dran schuld daran wäre, dass sie Brustkrebs bekommen hat, weil sie in der Vergangenheit irgendetwas falsch gemacht hat. Darum geht es überhaupt nicht. Es geht eher darum, dieses Feld von unseren Vorstellungen zu befreien. Wir wissen heute - ebenfalls aus der Quantenphysik, dass es auch bei wissenschaftlichen Untersuchungen keinen objektiven Beobachter gibt, weil der Beobachter selbst - ob bewusst oder unbewusst - das ganze System beeinflusst.



Das klassische Beispiel hierzu kommt aus der Physik: Licht kommt vor als Welle und als Teilchen, das Photon genannt wird. In dem Augenblick, in dem man das Licht untersucht, wird es greifbar, d.h. es bekommt eine Form. Man sieht es als Photon, das sich physikalisch genau beschreiben lässt. In dem Augenblick, wo man es nicht mehr untersucht, verschwindet es und wird zu einer Welle im Feld der Möglichkeiten. Die Lichtwelle wird immer erst dann zum Photon, d.h. zu wahrnehmbarem Licht, wenn ich hinschaue. Erst mein beobachtendes Bewusstsein manifestiert aus der Möglichkeit des Lichts tatsächlich Licht.



Sie sprechen von einem Feld. Wie viele Felder gibt es und welche Rolle spielen sie?

Wir haben zunächst ein physisches Feld. Es besteht einmal aus dem materiellen physischen Körper, den wir anschauen, anfassen, spüren oder auch operieren können. Mit ihm einher geht das physische Bewusstseinsfeld, also ein Feld der physischen Information. Dann haben wir ein psychisches Feld, wozu die Emotionalität und der Verstand gehören. Dann schwingt der Mensch auch in einem transpersonalen Feld - das ist der Aspekt des menschlichen Bewusstseins, der über die engen, individuellen Grenzen des Menschen hinausgeht. Dort ist der Mensch auch mit allen anderen Menschen, aber auch mit seiner Umwelt und letztlich mit dem gesamten Universum in Verbindung. Und wenn wir vom Universum sprechen, dann ist damit gemeint, dass jedes Teilchen im Universum vom gesamten Universum weiß, und das völlig außerhalb von Raum und Zeit.
Transpersonale Phänomene kennt eigentlich jeder. Es handelt sich dabei um die Übermittlung von Informationen in einem Feld jenseits der Raum-Zeit-Dimension. Angenommen ich bin gerade in Amerika und habe plötzlich das Gefühl, zu Hause anrufen zu müssen, dann entspricht das einer raum- und zeitlosen Information, die sich mir im Moment der konkreten Wahrnehmung in der Dimension von Raum und Zeit enthüllt. Das sind telepathische Vorgänge. In dieselbe Kategorie gehören auch Hellsichtigkeit oder Gedankenübertragung. Im Kontext von Medizin gehören die Phänomene der Fernheilung oder die heilende Wirkung des Gebets hierher. In der Physik sprechen wir bei diesen Phänomenen von Nicht-Lokalität. Mit anderen Worten: Jedes Ding im Universum ist miteinander verbunden und kommuniziert miteinander in einer Dimension jenseits von Raum und Zeit.

Hinter all dem aber kommen wir in einen Bereich, der als non-dual bezeichnet wird. Hier ist das Wort "Feld" auch schon nicht mehr richtig. Aber eigentlich ist auch das Wort "non-dual" nicht angemessen, denn wir bewegen uns in einem Bereich, der die Quelle allen Lebens selbst ist, von der wir nichts wirklich wissen können - die nicht benennbar ist.

Alle Felder des Menschen stehen miteinander in Verbindung. Man darf sie sich aber nicht wie Schichten oder Ebenen vorstellen, sondern eher wie Felder, die sich gegenseitig durchdringen, miteinander wirken und verknüpft sind. Von daher gibt es keine Hierarchie in der Weise: hier der grobstoffliche, materielle Körper und dort die feineren Ebenen, das Gefühl und der Verstand. Die Felder können normal miteinander interagieren oder aber auch in krankhafter Weise. So kann eine Erkrankung rein körperlichen Ursprungs sein und auf der körperlichen Ebene bleiben. Der physische Körper kann aber auch als Eintrittspforte dienen und dann die Erkrankung in andere Bereiche weitertragen. Dann wird der ganze Mensch krank, nicht nur der physische Körper. In dem Fall hat man nicht nur ein körperliches Gebrechen, sondern der ganze Mensch leidet, seine ganze Befindlichkeit ist betroffen. Man fühlt sich schwach, braucht vielleicht auch emotionale Unterstützung, usw. Umgekehrt kann auch die emotionale Ebene zur Eintrittspforte von Krankheit werden: Es geht einem aus irgendwelchen Gründen nicht gut, man ist ängstlich, deprimiert oder wütend. Dass wirkt sich dann nicht nur im emotionalen Feld aus, sondern man macht sich plötzlich Gedanken: "Warum passiert das gerade mir und nicht jemand anderem? Was hat das mit mir zu tun?" Wenn die Gefühle negativ erlebt werden und überdauern, können sich daraus chronische Krankheiten entwickeln, die den Körper, die Emotionen und auch den Verstand beeinflussen. Mit letzterem ist es nicht anders. Auch der Verstand wirkt in alle anderen Felder hinein. Eine wesentliche Frage zum Krankheitsverständnis und für die Behandlung ist, auf welcher Ebene eine Krankheit stattfindet, ob sie zum Beispiel das emotionale, mentale oder spirituelle Feld betrifft. Wenn jemand z.B. in seinen Sinnfragen keine Antwort findet, kann er oder sie darüber depressiv werden, woraus sich sogar körperliches Leiden entwickeln kann. Deshalb ist es sowohl für die Patienten als auch für die Ärztin oder den Arzt wichtig, die möglichen Gründe einer Erkrankung zu erforschen, um zu wissen, mit welcher Ebene wir zu korrespondieren haben.



Das bedeutet dann, dass Heilsein mehr als nur die Abwesenheit der Symptome ist?

Heilsein ist eigentlich eher ein innerer Zustand. Ich kann mich auch als heil empfinden, wenn ich eine Krankheit, ein Symptom oder Schmerzen habe. Heilsein hat mit Ganz-Sein zu tun. Was in der konventionellen Medizin oft passiert, ist, dass wir Krankheit als einen Feind ansehen und versuchen, ihn loszuwerden. Das ist sowohl bei den Patienten also auch bei den Ärzten die übliche Verhaltensweise. Wir wollen die Krankheit nicht haben, wollen sie loswerden. Dadurch spalten wir aber einen Teil ab. Wenn wir aber die Krankheit vom Menschen abspalten, dann ist er nicht mehr ganz, weil in dem Moment des Krankseins die Krankheit zu ihm gehört - zu seiner Ganzheit. Dagegen haben wir eine Chance, anders mit Krankheit umzugehen und wieder zu einer Heilung zu kommen, wenn wir diese Krankheit wirklich annehmen können und uns vielleicht mit den Fragen zu beschäftigen "Was kann diese Krankheit für mich bedeuten?", "Gibt es etwas, das sie mir mitteilen will?" Nicht jede Krankheit muss eine Botschaft in sich tragen, aber in vielen Fällen ist das der Fall.
Wenn wir die Krankheit annehmen, als das, was sie ist, bleiben wir, auch wenn wir uns nicht wohl fühlen, in uns selbst, bleiben ganz und in einer Weise auch heil. Dann hat unser Organismus die Möglichkeit, viel mehr Kraft in den Heilungsprozess zu geben, als dass er an Kraft verliert, indem er die Krankheit von sich abspaltet und ständig bekämpft. Denn das viele Kämpfen kostet Kraft. Ja zu einer Situation zu sagen, öffnet eine andere Dimension. Und erst wenn ich der Krankheit wirklich einen Platz in meinem Leben gebe, habe ich einen Ausgangspunkt, aus dem heraus ich einen nächsten Schritt entwickeln kann. Das ist bereits ein erster Schritt auf dem Weg des Heilungsprozesses.



Wie ist es mit Krankheiten, die nicht geheilt werden können?

Gerade bei unheilbaren Krankheiten ist es von großer Hilfe, in der Situation möglichst ganz zu bleiben. Dieses Ganz-Bleiben hängt wesentlich davon ab, womit ich mich identifiziere. Wir neigen dazu, uns sehr stark mit unseren Symptomen, mit Schmerzen und Krankheiten zu identifizieren. Je stärker die Beschwerden sind, desto mehr identifizieren wir uns mit ihnen, unter Umständen so stark, dass sie uns als ganzen Menschen erfassen. Wenn wir bei sehr starken Schmerzen erleben "ich bin der Schmerz" und uns vollständig mit dem Schmerz identifizieren, bleibt unter Umständen nichts anderes mehr vom Leben übrig als dieser Schmerz. Das verursacht unvorstellbares Leiden, wodurch man leicht den Sinn des Lebens verliert. Wenn wir den Menschen in die Erfahrung und Erkenntnis führen können, dass er weit mehr ist als nur sein physischer oder sein seelischer Schmerz, dass er viel umfassender und weiter ist, kann es gelingen, dass er sich trotz der Schmerzen immer noch als lebendiges und sinnerfülltes Wesen erleben kann. Das ist vor allem auch eine Frage des spirituellen Erlebens des Menschen: Wenn ich in letzter Instanz erkenne, dass ich über Körper, Gefühl und Verstand weit in einem transpersonalen Bereich hinausreiche und letztendlich auch einer Quelle entspringe, die man göttlich nennen kann, habe ich ein völlig anderes Selbstverständnis meines Seins. Und auch ein völlig anderes Selbstverständnis vom Sterben und vom Tod. Dadurch kann ich dann in ganz anderer Weise mit Krankheit und Schmerz umgehen.



Sie haben gesagt, dass wir die Tendenz haben, die Krankheit abzukoppeln, sie sofort loswerden zu wollen. Aber es ist ja in hergebrachter Weise die Aufgabe des Arztes, den Patienten möglichst schnell von der Krankheit zu befreien. Entsteht da nicht auch ein enormer Druck für den Arzt?

Ich kenne viele Kollegen, die sehr unter Druck stehen, ihre Patienten wieder gesund machen zu müssen. Auf der einen Seite entspricht das unserem ärztlichen Auftrag, wie wir heute noch auf den Eid des Hippokrates schwören. Auf der anderen Seite kommt der Druck aber auch von den Patienten, die nicht selten in eine Behandlung mit der starken Forderung kommen: "Du bist der Arzt, mach du mich gesund!". In solchen Situationen kommen die Ärzte und Ärztinnen unter Druck. br>
Der Druck "Ich muss dich gesund machen" wird schnell zum eigenen Erfolgsdruck und hat mit der Warte zu tun, aus der heraus ich mein Arztsein verstehe. Druck entsteht, wenn ich denke: "Ich bin derjenige, der die Gesundheit bewirkt." In subtiler Weise geht man dann davon aus, dass man nur sein Know-how, alles was man gelernt hat, in die Waagschale werfen muss, damit der Patient wieder gesund wird. Und wird er nicht gesund, dann hat man etwas falsch gemacht und versagt. Wenn jemand stirbt, ist es noch viel schlimmer.
Mein eigenes Verständnis des Arztseins ist nicht mehr, dass ich heile oder bewirke, sondern einfach nur dass ich dem Patienten Raum gebe, in dem wir sozusagen Heilung einladen. So gründet sich Arztsein und ärztliches Handeln auf zwei Seiten einer Medaille: einerseits auf meine ärztliche Professionalität, all mein gelerntes Wissen, das ich einsetze; andererseits auf eine Kraft jenseits meines Wissens, die Heilung bewirkt. Wir brauchen beides. Es geht nicht darum, das gelernte Wissen, unsere Professionalität oder die Medizin des alten Paradigmas über Bord zu werfen. Ganz im Gegenteil. Es geht darum, alles ins Boot zu nehmen. Ein neues Paradigma ist immer das weitere System. In ihm sind nach wie vor die alten physikalischen, medizinischen oder geistigen Gesetzmäßigkeiten enthalten und behalten ihre Gültigkeit. Das neue Paradigma zeichnet sich dadurch aus, dass es die Erkenntnisse, die im alten Welt- und Wissenschaftsbild nicht erklärbar sind, hineinnehmen und erklären kann. D.h., dass wir nicht nur die materielle Sichtweise der Schulmedizin und die der Komplementärmedizin durch heilerische Arbeit erweitern, sondern das wir grundsätzlich einen anderen Ort des Heilens einnehmen.



Wie erkennt man als Arzt, welche Art des Zugangs, welche Art der Medizin für welchen Patienten in einer Situation die richtige ist?

Ist eine Erkrankung schulmedizinisch gut zu behandeln, dann ist die Schulmedizin die richtige Antwort. Aber viele Erkrankungen lassen sich schulmedizinisch nicht lösen, weil sie viel komplexer als rein organische oder psychosomatische Störungen sind oder sich auf anderen Ebenen abspielen. Dann berühren sie andere Bereiche, wo das Materiekonzept nicht mehr hinreicht. Dann muss man vielleicht den Weg der Komplementärmedizin wählen. Ich wende in diesen Fällen z.B. die Chinesische Medizin an und arbeite energetisch. Oder ich gehe auf die Ebene des Bewusstseins, damit jemand etwas in sich erkennen kann wie z.B. bestimmte Konfliktfelder. Denn nicht selten entstehen Erkrankungen aus inneren Kämpfen heraus, die aus Themen herrühren, mit denen die Menschen nicht versöhnt sind. Dass bedeutet, dass man auch über diese Bereiche miteinander sprechen muss und versuchen sollte, gemeinsam Lösungen zu finden.



Ist dass dann sozusagen ein heilendes Feld?

So wie man den Menschen als multidimensionales Feld betrachten kann, so ist auch die Begegnung oder das Zusammensein eines Arztes mit einem Patienten oder einer Patientin nicht nur eine Begegnung zweier Körper und zweier Verstandesmuster, sondern es ist ein Zusammenkommen im Sinne eines Feldgeschehens. Wenn wir keine Festlegungen machen, wie eine Krankheit zu verlaufen hat, kann sich in diesem Feld jede Heilungsmöglichkeit realisieren. Es ist kein Feld des Machbaren, sondern ein Feld der Möglichkeiten. Und die größte Kraft in diesem heilenden Feld ist die Liebe. Weil in diesem Feld die Liebe von Herz zu Herz schwingt. Meiner eigenen Erfahrung nach ist die Liebe das Heilsamste überhaupt. Es gibt keine größere Heilkraft als sie. Mit Liebe ist hier nicht Liebe im persönlichen Sinne gemeint. Es bedeutet nicht, dass ich den Patienten mit all seinen Erscheinungsformen und all seinen Schwierigkeiten als Person jetzt unbedingt immer tief lieben muss. Sondern die Liebe fließt zwischen dem Wesen dieses Menschen und dem Wesen des Arztes. Von Herz zu Herz. Mein Fokus richtet sich auf das Göttliche im Patienten. Wenn man mit einem Menschen zusammen ist, tiefe Liebe zum Leben in sich und zum Patienten spürt, wandelt sich etwas in der Atmosphäre. Da entsteht Resonanz. Und genau diese Resonanz der Liebe ist tiefste Heilkraft. Diese Art der Liebe, die über das Persönliche des Menschen hinausgeht, drückt sich auch in einer von Liebe getragenen Beziehung aus. Wir haben heute ein Manko an Arzt-Patienten-Beziehung zu beklagen. Wir brauchen mehr Beziehungskultur miteinander. Oft passiert es im medizinischen Alltagsbetrieb, dass die Patienten wie ein zu reparierendes Auto behandelt werden. Was wir aber brauchen, ist eine liebende Beziehungskultur.

Jenseits der Liebe im heilenden Feld schwingt aber noch etwas anderes. Es ist jene universelle Liebe, die tiefste Verbundenheit zu allem ist. Der Mensch ist mit allem verbunden, von Mensch zu Mensch, von Mensch zur Welt, von Mensch zum Kosmos, von Mensch zu Gott - oder zum Göttlichen, wenn man es nicht personifiziert ausdrücken will. Diese All-Verbundenheit führt den Menschen aus seiner tiefsten Einsamkeit und Isolation heraus, an der so viele kranken. Das spürt der Patient auch. Dies ist die eine besondere Qualität.

Lieben bedeutet ein fundamentales Ja. Ein Ja zum Leben. Die größten Schwierigkeiten, auch gesundheitlicher Art entwickeln sich dadurch, dass wir im Widerstreit mit dem liegen, was unsere Situation ist. Wir mögen entweder uns selbst oder unseren Körper nicht. Oder wir mögen nicht unsere Beziehungen oder unsere Arbeitssituation. Wir mögen nicht, dass wir krank sind. Die Liebe, in der Qualität einer umfassenden, über jede Form von Persönlichkeit hinausgehenden Liebe, ist das fundamentale Ja zu dem, was ist. So wie Krishnamurti sagt: "Ich habe nichts gegen das, was ist". Das bedeutet aber nicht, fatalistisch alles anzunehmen. Es heißt auch nicht, dass ich nicht den Wunsch haben sollte, gesund zu werden. Aber das anzunehmen, was ist, ist der Ausgangspunkt, von dem aus ich den nächsten Schritt tun kann. Das Problem entsteht dadurch, dass wir die Situation bewerten. In dem Augenblick, in dem wir aus der Bewertung herausgehen können, kommen wir mit der Liebe in Kontakt. Liebe wertet nicht. Liebe nimmt an. Wenn das geschieht, haben wir ein Potenzial zur Verfügung, das wir uns kaum vorstellen können.



Diese tiefe Liebe in uns würde ich auch als den Teil in uns sehen, der nicht krank werden kann und somit auch keine Heilung braucht.

Wenn wir versuchen, wieder gesund zu werden, dann ist es gut zu erkennen, dass wir in unserer Essenz gesund sind. Im innersten Kern ist jeder Mensch vollkommen heil. Es gibt keinen Menschen, der das nicht ist. Und das, was in der Tiefe immer heil und ganz ist, zum Ausgangspunkt eines Heilungsprozesses zu machen, ist das Allerbeste, was wir tun können. Das heißt, mit diesem Heilkern in sich selbst in Berührung zu kommen, mit dem, was nicht krank ist. Das als eine Kraftquelle zu nehmen, die alles andere durchdringt.
Neben dem, was wir im Äußeren an notwendigen medizinischen Maßnahmen tun, geben wir dem Raum, was jenseits aller Erscheinungsformen existiert - der Quelle allen Lebens. Ihr Geschmack ist jene universelle Liebe, aus der heraus nicht ich als Arzt heile, sondern es heilt.



Weitere Informationen werden im Archiv nicht angezeigt.