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Ausgabe Dezember 2006
Haben Buddhas ein Geschlecht?

Frauen, Männer, Freiheit und die Grüne Tara - Sylvia Wetzel schreibt über Buddhismus im Alltag

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Welchen Sinn hat es, wenn sich Frauen von heute mit dem Buddhismus befassen, mit einer Religion aus Asien, die in all ihren Spielarten aus patriarchalischen und meist auch noch feudalen Gesellschaften stammt? Und, wie auch das Christentum, in erster Linie von Männern überliefert, verwaltet und interpretiert wird. Immer wenn sich Frauen mit einer Hochreligion oder mit anderen Kulturprodukten befassen, ist ihre Aufgabe eine doppelte. Sie suchen nach einer zeitgemäßen Form für eine alte Lehre. Und sie müssen ein patriarchalisches System “mit den Augen einer Frau” gegen den Strich lesen.

Manche Frauen und viele Männer meinen, sie können sich um die Beschäftigung mit überlieferten Frauen- und Männerrollen drücken, weil sie sich als Individuen verstehen: “Ich bin ich, und du bist du.” In manchen Momenten und in einigen Beziehungen spielt das Geschlecht kaum ein Rolle, und das ist eine wunderbare Erfahrung. Wir leben aber nicht auf einer Insel und in Gesellschaft und Politik, Kultur und Religion haben die alten Rollen Hochkonjunktur. Dass wir an Rollen glauben, ist offensichtlich. Wir brauchen uns bloß die Mode anzuschauen oder den Anteil der Frauen in Entscheidungspositionen und die Anzahl der Männer im Bereich der Erziehung und der Pflege. Es gibt Rollen, und wir tun gut daran, unser eigenes Verhalten und unsere Vorstellungen darüber genau zu untersuchen.

Eine andere scheinbar unschlagbare Ausrede ist: “Geist oder Herz, wahres Wesen oder Buddha-Natur haben kein Geschlecht. Befreiung und Erleuchtung führen uns jenseits aller Gegensätze und Rollen und damit auch jenseits der Geschlechterrollen.” Das stimmt. Aber die Lehren und Übungen, die uns dabei leiten, wurden in der Regel von Männern verfasst, die wenig über Geschlechterrollen nachdachten und meist völlig ungeniert die Dominanz des männlichen Geschlechts in Religion und Gesellschaft lehrten und lebten. Und die Lehrer, die uns heute begleiten, wollen meist auch nicht über diese schwierigen Frage nachdenken.



Die Grüne Tara

Seit fast zweitausend Jahren wird die Grüne Tara in Indien verehrt, und seit tausend Jahren in Tibet. Von ihr wird eine Lehre überliefert, die seltsam aktuell anmutet. Als sie vor vielen, vielen Jahrhunderten Meditation übte, damals noch als Prinzessin Mondenweisheit, erlangte sie die Fähigkeit, ihre nächste Wiedergeburt selbst zu wählen. Dazu gratulierte ihr ein wohlmeinender Mönchsfreund und riet ihr, sie solle doch im nächsten Leben ein Mann werden, dann könne sie auch volle Erleuchtung erlangen. Er glaubte also, das könne man nur als Mann. Sie bedankte sich und machte eine Aussage, mit der sie heute noch Frauen inspiriert: “Von nun an bis zur Erleuchtung will ich als Frau wiedergeboren werden und auch als Frau erwachen, um Frauen als Vorbild und Orientierung zu dienen. Und um den Männern zu zeigen, dass Frauen erwachen können.“ Sie ist ihrem Vorsatz treu geblieben und wurde nach ihrem Erwachen Tara genannt, das heißt Befreierin, eine befreite oder freie Frau.

Wenn solche Aussagen in einer patriarchalischen Religion in der Gestalt von allseits akzeptierten Lehrtexten auftauchen, spiegelt das eine Veränderung im Denken maßgeblicher Menschen. Als diese Lehren um das 6. Jh. u.Z. in Indien auftauchten, glaubten zumindest einige Frauen und Männer nicht mehr an die Überlegenheit des männlichen Geschlechts. Dass diese Lehren auch im patriarchalischen Tibet tausend Jahre lang überliefert wurden, lässt hoffen. Heutige Frauen können sich an der Grünen Tara ein Beispiel nehmen.

Weil die Grüne Tara als Frau übte und als Frau Erleuchtung erlangte und Buddha wurde, bietet diese Praxis Frauen einen guten Zugang zu ihrer inneren Weisheit und inspiriert Männer zu einem respektvollen Umgang mit Frauen.



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