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Ausgabe Dezember 2006
Hütet das Feuer - Jesus als radikalen Weisheitslehrer entdecken

Eine Textpassage aus Pyar Trolls Buch “Hütet das Feuer”

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Immer wieder wurde die Satsanglehrerin Pyar Troll von Schülern gebeten, ein Retreat über Jesus zu geben. Das Buch “Hütet das Feuer” entstand aus den Mitschriften gleich zweier Retreats. Hier befreit Pyar das weit verbreitete Jesus-Bild von altem Ballast und lässt diesen großen Weisheitslehrer der Menschheit in aller Schlichtheit, Geradlinigkeit und Radikalität auftreten, die ihrer Meinung nach seine ursprüngliche Lehre ausmachen. Haidrun Schäfer hat als Anregung eine Textpassage ausgewählt.



Vergebung üben in aller Radikalität – Groll beenden

“Darum, wenn du deine Gabe auf dem Altar opferst und dort kommt dir in den Sinn, dass dein Bruder etwas gegen dich hat oder du gegen deinen Bruder, so lass dort vor dem Altar deine Gabe und geh zuerst hin und versöhne dich mit deinem Bruder. Und dann komm und opfere deine Gabe. Vertrage dich mit deinem Gegner sogleich, solange du noch mit ihm auf dem Weg bist.” (Mt 5,23-25). Jesus ist wirklich radikal, er sagt, ihr braucht euch gar nicht zum Meditieren hinzusetzen oder zu beten oder in den Tempel oder in die Kirche zu gehen oder nach Pune zu fahren, solange der Zorn da ist, solange ihr euch mit euren Bruder und eurer Schwester nicht versöhnt habt. Und Bruder und Schwester sind nicht nur Bruder und die Schwester, sondern auch die Nachbarin und der Chef und die Angestellten und auch die Fische – die wunderschönen Forellen mit den wunderschönen Punkten – und die Bäume und die Luft und die Erde und überhaupt das Ganze. Versöhnt insbesondere da, wo es euch zwickt und wo ihr das Gefühl habt, es zwickt jemand anders, wo einfach Groll, Streit und Unerledigtes sind. Erledigt es, und erledigt es gleich. Es geht sehr schnell. Jesus sagt, vertrage dich mit deinem Gegner sogleich, solange du noch mit ihm auf dem Weg bist. Ihr seid gerade unterwegs zum Einkaufen und dann kann man das erledigen. Man muss da keine stundenlangen Aussprachen haben, die führen nur zum Aufwärmen des Alten. Es geht darum, sich die Hand zu reichen und “Okay” zu sagen. Das heißt wiederum nicht, dass man sich mit jedem bis an sein Lebensende vertragen muss oder ihn ertragen muss, wenn man nicht zusammenpasst. Versöhnung und Respekt kann auch bedeuten: “Okay, und das war es jetzt, lass uns in Frieden auseinandergehen. Gehe du deines Weges und ich gehe meines Weges...” Das heißt, versöhnt euch, solange ihr euch noch nahe seid. Eure Wege können euch wieder zusammenführen – oder auch nicht, das weiß man nicht. Versöhnung zeigt sich nicht daran, das man ewig aneinandergekettet nebeneinander hertrottet und sich dann immer wieder gegenseitig die Ketten um die Ohren haut. Versöhnung hat etwas sehr Freies und es sollte dann kein Groll bleiben. Wenn ihr euch mit jemandem versöhnt habt, dann lasst es eine vollständige Versöhnung sein. Sagt nicht: “Es ist okay, wir sind wieder gut”, und in eurem Herzen bleibt ein Stachel. Wenn es gut ist, ist es wirklich gut und dann gibt es kein Recht mehr, dieselbe Geschichte drei Tage, drei Jahre oder dreißig Jahre später wieder hervorzuholen. Das ist sehr wichtig! Es braucht auch da Radikalität und Totalität. Vergeben ist vergeben, fertig. Dann könnt ihr in den Tempel gehen und beten und ihr seid im Einklang, auch im Einklang mit euch selbst! Manchmal ist man sich selbst der Gegner, mit dem Vergebung zu üben ist.



Frage: Kann ich mich versöhnen, wenn mein Lieblingsfeind nicht will? Seit Jahren habe ich meine Schuld eingesehen und sie auch gefühlt. Ich habe alles probiert – ich bekomme es nicht vom Tisch.

Pyar: Hast du ihm vergeben?

F: Nein ich wollte, dass er mir vergibt.

P: Dann fehlt noch eine Kleinigkeit. Vergib du ihm! Was auch immer – alles. Vergib, was war und ist und kommen kann. Zum Versöhnen braucht es prinzipiell erst einmal nur einen – das ist eine gute Sache. Ja, das ist wichtig, das hab ich vergessen dazuzusagen. Im Versöhnen sind wir auch ganz frei, denn da braucht es erst einmal nur mich dazu. Damit ich mich versöhnen kann, ist es nicht notwendig, dass der andere versöhnungswillig ist! Aber ich muss bereit sein, ihm zu vergeben. Und gleichzeitig wäre es natürlich schön und würde die Sache rund machen, wenn mir auch der andere Mensch vergeben kann. Aber erst einmal vergebe ich ihm.



Nur Liebe überwindet Hass – Die tiefste Alchemie

“Ihr habt gehört, dass gesagt ist, Auge um Auge, Zahn um Zahn.” Das ist das Gesetz, eine simple Angelegenheit, und das ist heute noch unser Gesetz und so funktioniert die Welt auch heute noch.
Wenn ihr in der Welt Erfolg haben wollt, dann müsst ihr euch daran halten. Wenn ihr aber hinübergehen wollt, könnt ihr euch irgendwann nicht mehr daran halten und dann werdet ihr in der Welt höchstwahrscheinlich nicht sonderlich erfolgreich sein. “Ich aber sage euch, dass ihr nicht widerstreben sollt dem Übel, sondern wenn dich jemand auf deine rechte Backe schlägt, dem biete die andere auch dar. Und wenn jemand mit dir rechten will und dir deinen Rock nehmen, dem lasse auch den Mantel. Und wenn dich jemand nötigt, eine Meile mitzugehen, so geh mit ihm zwei. Gib dem, der dich bittet und wende dich nicht ab von dem, der etwas von dir borgen will.” (Mt 5,38-42)

Dies macht die Sache eigentlich einfach und es ist eine tiefe Verwandlung. Wenn jemand aggressiv auf mich zukommt und ich antworte mit Aggression, was ist dann verändert, und was habe ich letztlich davon? Es geht einfach weiter! Es ist das alte Rad. Er schreit mich an, ich schreie ihn an, er schreit zurück – das bringt nichts. Im Dhammapada steht einer meiner Lieblingssätze von Buddha: “In dieser Welt wurde Hass noch nie durch Hass vertrieben, nur die Liebe vertreibt den Hass. Dies ist das Gesetz, uralt und unerschöpflich.” Jesus spricht von dem gleichen Gesetz, das über das menschliche Gesetz hinausgeht. Wenn ich der Aggression Widerstand entgegensetze, wenn ich dem Hass Hass entgegensetze, vermehre ich Hass. Wenn ich – und dazu ist Stärke nötig – den Schmerz des Hasses und der Verletzung hereinnehmen und zulassen, in meinem Herzen fühlen und sich in Liebe verwandeln lassen kann, dann hat der Hass auf Dauer keine Chance. Das braucht oft einen langen Atem. Aber es ist wahrscheinlich die tiefste Alchemie, die tiefste Magie, die möglich ist. Und das heißt nicht, dass man nicht gerade sein könnte, dass man nicht seine Meinung äußern könnte. Das heißt nicht, dass man die Dinge nicht beim Namen nennen könnte. Es geht um die Qualität, die Qualität von Hass oder die Qualität von Mitgefühl und Offenheit.


Die Geschichte vom chinesischen Wasserträger

Der Wasserträger benutzte eine Stange mit zwei Eimern. Jeden Tag ging er an einer weit entfernten Wasserstelle Wasser holen. Einer der Eimer hatte ein kleines Loch, so dass unterwegs nach Hause die Hälfte des Wassers heraustropfte. Den Wasserträger störte das nicht weiter und er flickte den Eimer nicht. Nach einer Weile fühlte sich der löchrige Eimer richtig schlecht. Er hatte das Gefühl, dass der andere Eimer richtig gut war, weil er kein Wasser verlor. Er selbst aber war nur ein kaputter Eimer. Also bemühte er sich sehr, sprechen zu lernen, weil er seinem schlechten Gefühl als löchriger Eimer irgendwie Ausdruck geben musste. Und nach ein paar Jahren konnte er sprechen. Als der Wasserträger mit den zwei Eimern auf seinen Schultern wieder einmal nach Hause ging, sagte der kaputte Eimer zu dem Wasserträger: “Ich fühle mich so schlecht, weil ich ein Loch habe und das Wasser heraustropft und der andere Eimer immer alles Wasser nach Hause bringt.” Da antwortete der Wasserträger dem Eimer: “Während wir jetzt so gehen, betrachte mal rechts und links den Wegesrand.” Zu Hause setzte er sich zu dem löchrigen Wassereimer und fragte ihn: “Was hast du gesehen?” Der Wassereimer antwortete: “Auf der Seite, wo du mich trägst, wachsen Blumen.” Und der Wasserträger fügte hinzu. “Ja, genau. Absichtlich habe ich dich immer auf derselben Seite getragen und habe dort Blumensamen gestreut. Auf der anderen Seite wächst gar nichts. Aber da, wo dein Wasser hintropft, wachsen Blumen und so habe ich immer wunderschöne Blumen zu Hause.”


Lasst euch nicht entmutigen! Glaubt nicht den alten Stimmen, die euch ständig einreden wollen, dass ihr schlecht und ungenügend seid. Seht vielmehr die Blumen, die mit eurer Hilfe am Wegesrand gedeihen!



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