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Ausgabe November 2006
Homöopathie und Aufstellungen - AMEA - Die Arzneimittel-Entwicklungs-Aufstellung

Michael Aulbach stellt AMEA - Weiterentwicklung der systemischen Aufstellungsarbeit - vor.

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Die AMEA ist eine Weiterentwicklung der systemischen Aufstellungsarbeit. AMEA soll das aufgestellte Mittel auf eine tiefgehende Art erfahrbar machen, um es näher kennenzulernen. Es wird an der Samuel-Hahnemann-Schule angeboten.



Bei einer AMEA werden vom Aufsteller zunächst 8 bis 12 Symptome eines homöopathischen Mittels, dargestellt durch ausgewählte Personen, in den Raum gestellt. Dabei wird eine Momentaufnahme aus einem dynamischen Mittel- oder Krankheitsprozess genommen und über die Gabe der verschiedenen, steigenden Potenzstufen in ein neues, ebenfalls dynamisches Bild gewandelt. Jede AMEA ist demnach mehr ein Film zu einem bestimmten Thema oder Mittel.



Eine AMEA am Beispiel von Cantharis

Cantharis ist ein häufig verwendetes Mittel bei Folge von sexuellem Missbrauch und sexueller Gewalt. Die “Darsteller” sind im Einzelnen: 1/Träume von Orgien, 2/Träume von Hirschen, 3/Marquis de Sade, 4/Käfer, 5/Aggressivität, 6/Ruhelosigkeit, 7/fehlende Motivation im Alltag, 8/Priapismus (schmerzhafte Dauererektion), 9/Verlangen nach Alkohol und Tabak, 10/ehemalige Lebenspartner, 11/Brennen und Jucken der Geschlechtsorgane, 12/Tourett-Syndrom-Obszönität.
Die Symptome verbreiten anfangs viel Unruhe. Es gibt sehr viel Gekicher und Gelächter im Feld. Priapismus und Aggressivität fühlen sich zueinander hingezogen.
Die erste Gabe ist eine C10. Der Käfer wird von Marquis de Sade bedrängt und versucht zu fliehen. Der Marquis beschreibt ein Gefühl von Feigheit und “es juckt ihn”. Der Priapismus nimmt eine steife Haltung ein. Tourett bezeichnet den Marquis als “alte Drecksau” und ist sehr wütend auf ihn und möchte am liebsten tätlich werden. Die Ruhelosigkeit sagt: “Ich werde noch zum Wahn”. Die Aggressivität verliert die Orientierung.

Schon bei der zweiten Gabe, der C40, verändert sich das Bild völlig. Es kehrt Ruhe ins Feld ein. Ein Großteil der Aggressivität verschwindet. Das Symptom “Verlangen nach Tabak und Alkohol” geht weit nach außen, dreht dem Rest des Feldes den Rücken zu. Der Marquis, Tourette und das “Brennen-und Jucken-der Geschlechtsorgane” bilden eine Achse, wobei beim letzteren das Thema Verantwortung auftaucht und es sich als Wächter oder als Aufpasser des Tourett-Syndroms fühlt. Die Aggressivität fühlt Hemmung. Während der Marquis ruhiger und gesammelter wirkt, will Tourett immer noch Obszönitäten äußern.

Bei der nächsten Potenzstufe, der C220, stampft und springt der Marquis herum und schubst Tourett durch den Raum. Tourett lächelt dabei verkrampft. Das “Brennen und Jucken der Geschlechtsorgane” beschreibt ein Gefühl von Leere und Gleichgültigkeit, “ich scheine zu verschwinden”. “Träume-von-Orgien” geht zum Priapismus und massiert ihm den Rücken.

Als nächste Mittelpotenz wird die C1300 verabreicht. Der Priapismus äußert sich: “Ich fühle Schüchternheit in mir und das Verlangen nach einer Beziehung. Daraufhin nimmt der Aufsteller ein weiteres Thema von Cantharis mit ins Feld hinein: die Liebe. Die Blicke der Symptome werden unmittelbar weiter, wärmer und signalisieren Zuneigung. Mehr Ruhe kehrt ein. “Träume-von-Orgien” wird zur Sehnsucht. Der Marquis steht im Abseits.

Als letzte Potenz wird die C7777 gegeben. Die Liebe geht auf Tourett zu, nimmt es in die Arme und beide beginnen im Walzertakt zu tanzen. Das “Verlangen obszöne Ausdrücke zu gebrauchen” schwindet. Das “Verlangen nach Alkohol und Tabak” wird zur Hingabe. Der Priapismus fühlt eine wohltuende Entspannung. Alle Darsteller beginnen zu schwingen und beschreiben das Gefühl von Nähe und Vertrauen. Die Symptome ordnen sich in einer Reihe an, berühren sich dabei und scheinen zu verschmelzen. Tourett und Liebe, ebenfalls in dieser Reihe, tanzen immer noch. Sie stehen dem Marquis konfrontativ gegenüber. Träume von Orgien sagt: “Eigentlich wollte ich immer nur verbunden sein.”

Diese Aufstellung zeigt exemplarisch einen wichtigen Teilaspekt des Mittels Cantharis. Verlangen nach Stimulantien (Alkohol und Tabak), Brennen und Jucken der Geschlechtsorgane, Antriebslosigkeit im Alltag, Übererregung sind oft beschrieben Symptome. Der sexuelle Missbrauch wird dargestellt bzw. vertreten durch den Marquis de Sade. Die Cantharis-Biografie entsteht in der Tat oft durch sexuellen Missbrauch. Betroffene Patienten klagen in der Folge dann häufig über Beziehungsunfähigkeit, Mangel an Vertrauen und Liebesfähigkeit. Zum Ende der AMEA hin taucht ein oft bei Cantharis-Patienten verschüttetes, nicht wahrgenommenes Bedürfnis auf: das Bedürfnis nach Nähe und Verbundenheit.


Buchtipps:

F. Wiest/M. Varga von Kibéd: Homöopathische Systemaufstellungen - Anwendungen und Analogien zu Organisationaufstellungen. In: G. Weber (Hrsg.): Praxis des Organisations-Aufstellens, Auer, Heidelberg, 2000.

F. Wiest/M. Varga von Kibéd (Hrsg.): Das Feld der Ähnlichkeiten. Systemaufstellungen und Homöopathie, Auer, Heidelberg, 2. Auflage 2005



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