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Ausgabe November 2006
Zwischen Freiheit und Bindung - Bert Hellinger und das Familienstellen

Dr. Wilfried Nelles führt mit seinem Beitrag in das Thema der Familienaufstellungen nach Bert Hellinger ein.

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Der Familientherapeut Bert Hellinger hat in den 80er Jahren eine neue Therapieform entwickelt, die sich inzwischen wie ein Lauffeuer über die gesamte Welt verbreitet: die so genannten Familienaufstellungen. Im Grunde handelt es sich dabei weniger um Therapie im üblichen Sinne als um eine sehr originelle Weise, verborgene, gänzlich unbewusste Verstrickungen mit dem Schicksal der eigenen Familie bzw. einzelner Familienangehöriger aufzudecken – selbst solchen, die man nicht kennt, weil sie längst tot sind oder von deren Existenz man gar noch nicht einmal gewusst hat. Diese Verstrickungen spielen sowohl bei psychosomatischen Krankheiten als auch bei Beziehungsproblemen (und vielen anderen Lebensproblemen) meist eine zentrale Rolle.

Ausgangspunkt der systemischen Familientherapie ist die Beobachtung, dass es in Familien und Sippen eine ursprüngliche Ordnung gibt. Diese ursprüngliche Ordnung wirkt systemisch, das heißt überpersönlich und unabhängig von dem, was die Familienmitglieder wollen – der Einzelne kann sie weder verändern noch einfach abschütteln oder aus ihr aussteigen. Es ist eine Ordnung der Liebe, einer Art genetisch bedingter Urliebe, die alle Mitglieder einer Familie über Generationen hinweg miteinander verbindet, und zwar ungeachtet der Gefühle, die sie füreinander haben oder zu haben glauben.

Ist diese Ordnung nun – beispielsweise durch den frühen Tod eines Familienmitglieds, durch schwere Schuld, erlittenes Unrecht, durch das Fehlen eines Elternteils, durch nicht gewürdigte frühere Beziehungen, durch Nebenbeziehungen, aus denen Kinder hervorgingen, durch Abtreibungen, durch Nicht-Annehmen der Eltern usw. – gestört, so hat dies meist schwere Folgen für die Nachgeborenen bzw. für die eigene Familie oder Beziehung. Nicht funktionierende Beziehungen, schwere Krankheit, psychische Probleme, berufliches Versagen, Suchtverhalten oder Verhaltensmuster, die nach Jahren der Therapie nicht weggehen, sind meist auf solche Störungen im Familiensystem zurückzuführen.



Die Methode

Beim Familienstellen stehen fremde Personen – so genannte “Stellvertreter”, die aus dem Kreis der Gruppenteilnehmer ausgewählt werden – in den Rollen von Familienmitgliedern (oder für die Mitglieder oder Gliederungen anderer Systeme wie Firmen, Behörden, Religionen, Kulturen, etc.). Der Klient wählt zum Beispiel eine Frau für seine Mutter, einen Mann für seinen Vater und ebenfalls eine fremde Person für sich selbst. Diese führt er an einen Platz im Raum – er “stellt” ihn oder sie “auf”.

Die Stellvertreter werden in der jeweiligen Rolle nach kurzer Zeit von etwas Fremdem ergriffen, von Wahrnehmungen und Gefühlen, die nicht zu ihnen gehören, sondern zu der Person, die sie vertreten. Wenn also jemand für Ihren Großvater dort steht, dann steht er dort wie Ihr Großvater und er fühlt wie dieser. Manchmal kann man dies sogar an der Körperhaltung sehen oder am Gesichtsausdruck oder, wenn gesprochen wird, an bestimmten sprachlichen Wendungen.

Der Klient selbst ist bei einer Aufstellung Beteiligter und Zuschauer zugleich. Er kann sich selbst und seine Familie, die er sonst immer von innen erlebt, jetzt von außen sehen. Er kann dabei natürlich auch nachprüfen, wie stimmig das ist, was die Stellvertreter äußern. Zugleich ist er jedoch innerlich verbunden und schwingt mit dem Geschehen mit.



Die Resonanz in der Öffentlichkeit

Familienaufstellungen sind ebenso populär wie kontrovers. Die Teilnehmer empfehlen sie ihren Freunden und Familienmitgliedern, während die Medien überwiegend die Kritik von konkurrierenden Therapeuten und deren Verbänden, von linken “Aufklärern” und Kirchenfunktionären wiedergeben. Dessen ungeachtet hat sich die Aufstellungsarbeit verbreitet. Zum großen “Internationalen Kongress für Systemaufstellungen”, der alle zwei Jahre stattfindet, kommen ca. 1500 Teilnehmer aus rund 50 Ländern nach Deutschland. Die Szene ist allerdings sehr heterogen. Das Spektrum reicht von Abendkursen mit unter zehn Teilnehmern bis zu Großveranstaltungen mit 1000 Leuten. Letztere sind allerdings auf Hellinger beschränkt und es handelt sich meist um Demonstrationskurse, die er im Ausland anbietet. Professionelle Kurse hierzulande arbeiten in 3-5-tägigen Workshops mit 20-30 Teilnehmern, die Preise bei versierten Aufstellern liegen pro Kurstag zwischen 80 und 100 Euro. In Deutschland wird die Anzahl der Kursanbieter auf etwa 3000 geschätzt, wovon allerdings weniger als 10% Vollprofis sind, also mehr oder weniger allein von der Aufstellungsarbeit leben.

Aufstellungskurse werden von alternativen Seminaranbietern, Volkshochschulen bis hin zu Universitäten und Großunternehmen angeboten. In den Niederlanden haben die Spitzen sämtlicher Ministerien ihre Organisation aufstellen lassen, in Mexiko und Südamerika finden Aufstellungskurse zur Integration von Straßenkindern statt, in Mittelamerika sind sich Vertreter ehemaliger Revolutionsregierungen mit ihren konservativen Nachfolgern in Aufstellungen begegnet und in Asien sehen viele Pädagogen und Therapeuten darin den besten Ansatz, den schmerzhaften Spagat zwischen dem Sprung in die Moderne und der Tradition mit ihrer engen Familienbindung zu begleiten. Das Interesse geht bis in die Hochschulen. Ich selbst habe Kurse an mehreren Universitäten in Süd-Korea und Taiwan durchgeführt.

In Deutschland hat die heftige Medienkampagne gegen Hellinger zwar zu einem eher negativen Image des Gründers geführt (bei denen, die ihn nicht kennen), aber die Aufstellungsmethode und die daraus gewonnenen Einsichten verbreiten sich auch hier inzwischen nicht nur in der Selbsterfahrungsszene, sondern auch in öffentlichen und privaten Institutionen des psychosozialen und pädagogischen Sektors und vielen anderen Beratungsfeldern.



Freiheit und Bindung

Eine zentrale Frage, die das Familienstellen aufwirft und die die heftigen Kontroversen in der Öffentlichkeit betrifft, ist die nach dem Verhältnis von Freiheit und Bindung. In vielerlei Schattierungen herrscht – vor allem in der westlichen Kultur – die Meinung, Freiheit und individuelle Entwicklung seien gleichbedeutend mit dem Abschütteln alter Bindungen. Das Familienstellen zeigt eindeutig, dass es illusionär ist zu meinen, man könne Familien-, Bluts- und Heimatbande einfach kappen oder durch ein anderes Bewusstsein ersetzen, man könne davon unabhängig sein. So verstandene Freiheit ist unseres Erachtens destruktiv, sowohl für die Gesellschaft als auch für den einzelnen selbst. Dies zeigen im übrigen auch die Spannungen zwischen den Kulturen und eine Vielzahl der Probleme um das Thema Migration bzw. Integration, die sehr viel mit kultureller Entwurzelung zu tun haben.

Das Familienstellen beginnt zwar mit der Familie, aber es geht weit darüber hinaus. Es geht eigentlich um die unserem Leben zugrunde liegenden Wirklichkeiten und darum, damit in Einklang zu kommen. Dazu gehört auch die Bindung an unsere Eltern und deren Eltern und mit dieser die Bindung an das gesamte Schicksal unserer Familie. Ob wir es wollen oder nicht: Wir sind darin eingebunden und können dem nicht entgehen. Wir tun eigentlich nichts anderes, als sie anzuschauen und zu nehmen. In diesem Nehmen kommen wir in Einklang mit dem, was wir mitbekommen haben und in diesem Sinne auch sind. Damit erst gewinnen wir die Freiheit zu etwas Neuem, Eigenem.
Was uns dabei hilft, ist die Liebe. Sie baut eine Brücke zwischen Vergangenheit und Zukunft. Sie bindet nicht nur, sie macht auch frei. Aber es ist eine eingebundene, eine verbundene Freiheit, keine losgelöste. Deshalb macht diese Freiheit auch nicht einsam. Man ist nämlich über die Liebe weiter in Verbindung. Diese Verbindung ist nicht mehr einengend, nicht mehr eng, aber sie ist da, im Herzen. Wer im Herzen verbunden bleibt, ist frei für seinen eigenen Weg. Und dieser Weg ist dann auch kraftvoll, weil er Kraft aus der Verbundenheit schöpft.


Buchtipp: Wilfried Nelles: Die Hellinger-Kontroverse, Herder, Freiburg, 2005



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