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Ausgabe November 2006
Unbekannter weiblicher Orient

Wie Frauen die Essenz von Islam und Sufismus in die Gegenwart tragen - Vortrag der Autorin Anna Platsch . Die Dipl.-Psych. Birgit Permantier befragt in einem Interview die Autorin über die Frauen im Islam.

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Anna Platsch ist Autorin und Leiterin von Schreibwerkstätten. Schon früh in ihrem Leben hatte sie ein tiefes Empfinden von der Einheit aller Religionen. Nach der Begegnung mit ihrem erstem Sufi-Lehrer in Berlin, Dr. Salah Eid, war sie viele Jahre bei Irina Tweedie. Heute engagiert sie sich für eine weitergehende, offene Spiritualität, die sich gerade in unserer Zeit voll der Verantwortung in der Welt stellt. Sie lebt und arbeitet im spirituellen Zentrum die windschnur, das von Annette Kaiser geleitet wird, mit der sie als Co-Autorin auch zwei Bücher veröffentlicht hat.



Birgit Permantier: Du präsentierst uns mit deinem neuen Buch “Offenes Siegel - Meine Reise zu Sufis und Muslimen” eine komplexe, teils autobiografisch gefärbte, innere und äußere Reise in Länder des Orients. Dabei konzentrierst du dich darauf, die weibliche Seite des Islam und des Sufismus zu betrachten und stellst uns Frauengestalten aus der Vergangenheit und Gegenwart vor. Was waren deine Beweggründe für dieses Buch?

Anna Platsch: Es war einfach ein Impuls. Ich traf vor fast 30 Jahren in der Begegnung mit meinem ersten Lehrer auf einen ganz anderen Islam, als den, der uns heute so heftig anfällt. Es war ein Bedürfnis, davon zu erzählen und in eine feinere, tiefere Sprache miteinander zu treten. Einer Sprache, die der Quelle entspringt, die uns alle eint, in der wir alle verbunden sind, egal, welchen kulturellen Hintergrund wir haben und auf welcher Achse wir jetzt gerade mehr oder weniger zufällig sitzen.

Dass ich mehr das Weibliche als das Männliche betone, liegt zum einen in der Natur der Sache – ich bin eine Frau und suche die Balance der Kräfte. Aber du hast es ja gelesen – es kommen auch viele interessante Männer vor. Und zum anderen sind da starke Frauen im Islam und im Sufitum, die uns helfen können, unser für mich immer noch sehr eingeschränktes Frauenbild mit weiteren Facetten zu bereichern. Ich glaube einfach, dass wir eine tiefere Ebene des Dialogs und die weiblichen Kräfte dringendst brauchen – gerade in den Konfliktsituationen, in denen wir heute stehen.


Wenn man dein Buch liest, bekommt man den Eindruck, dass sich die Schleier des Islam ein wenig lüften und wir einen Einblick in eine völlig unbekannte Seite einer ganzen Kultur bekommen. Wacht der weibliche Orient jetzt auf?

Das freut mich, dass Du diesen Eindruck hast. Das war sicher eines meiner Anliegen. Ich glaube, der weibliche Orient ist schon viel aufgewachter, als wir das hier im Westen wahrnehmen. Denn – wie ich Fatema Mernissi im Buch zitiere – wir rennen ja eher hinter den Terroristen her, als dass wir schauen, wie viele engagierte Menschen dort sich für die Menschheit engagieren. Aber ich glaube, dass nicht nur der weibliche Orient aufwacht, sondern dass wir alle aufwachen. Und dass wir “aufgewacht” beginnen können, auf ganz anderen Ebenen miteinender zu sprechen, miteinander zu sein. Ich hoffe sehr, dass dieses Buch eine Einladung dazu ist.


Einerseits leben viele Frauen in arabischen Ländern noch in - aus westlicher Sicht - mittelalterlichen Strukturen. Gleichzeitig übernehmen Frauen vornehmlich in unserer Kultur mehr und mehr gesellschaftliche und politische Verantwortung. Auch im spirituellen Bereich besetzen Frauen relevante Positionen. Sie werden Lehrerinnen, übernehmen uralte Sufilinien. Du porträtierst z.B. neben einigen anderen Frauen, die dir begegnet sind, Irina Tweedie, Annette Kaiser und Nura Loeks. Was machen Frauen als Lehrerinnen anders als Männer?

Wenn du die Verantwortung ansprichst – da möchte ich sehr, sehr genau schauen. Übernehmen wir westlichen Frauen wirklich Verantwortung für das Leben, für unsere Erde, für das Miteinander der Menschen? Sind die orientalischen Frauen nur im Mittelalter oder sind da auch Aspekte, von denen wir lernen können? Von einem größeren Ganzen aus gesehen? Wenn wir immer nur meinen, wir bringen ihnen etwas, dann möchte ich einmal sehr genau schauen, was wir alles bringen. Ich hätte Lust auf einen tiefen, gegenseitigen Austausch. In Liebe und Respekt voreinander. Suchend, was das Meer der Möglichkeiten für uns offen hält.

Was nun Frauen als Lehrerinnen anders machen. Erst einmal möchte ich betonen, dass diese drei Frauen, die du erwähnst, die ich im Buch portraitiert habe, einen Sufiweg lehren, der sich ganz aus dem Islam gelöst hat. Annette Kaiser geht dabei noch weiter, dass sie auf die eine Essenz im Menschen weist – jenseits aller Pfade.

So allgemein kann ich das nicht sagen, was sie anders machen. Ich bin auch manchen männlichen Lehrern begegnet, die tief ihre weibliche Seite integriert haben und ein großes Bewusstsein davon haben, wie sehr wir uns noch um eine Balance der Kräfte bemühen müssen. Was diesen drei Frauen sicher gemeinsam ist, dass sie Spiritualität aus dem Elfenbeinturm ganz nah in unser gelebtes, alltägliches Leben führen. Und das empfinde ich als zutiefst den Erfordernissen unserer Zeit entsprechend.

Vielen Dank für das Gespräch!

Ich danke dir auch.



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