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Ausgabe Oktober 2006
80 Jahre: Thich Nhat Hanh

Am 11.10.06 wird der vietnamesische Zen-Meister Thich Nhat Hanh 80 Jahre alt. Annabelle Zinser fasst die besonderen Kennzeichen seiner Lehre zusammen.


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Kennzeichen der Lehre


Einige besondere Kennzeichen der Lehre und Praxis in Plum Village, dem Kloster, das Thich Nhat Hanh seit über 20 Jahren in Frankreich führt, sind:

- In jedem Augenblick unseres Lebens ganz präsent sein. Die zentrale Bedeutung der Atem-Achtsamkeit, um Körper und Geist zu beruhigen, zu erfrischen und zu stabilisieren: “Ich bin angekommen. Ich bin zu Hause – im Hier und im Jetzt.”

- Die wichtige Bedeutung des Aufbaues einer Sangha – der Gemeinschaft von Menschen, die miteinander praktizieren und sich gegenseitig in der Übung inspirieren.

- Die tiefe Erfahrung des Nicht-Selbst durch die “Erdberührungen”, mit denen wir uns mit unseren blutsverwandten Vorfahren, unseren spirituellen Vorfahren, den Vorfahren unseres Landes in Verbindung bringen und verstehen, was sie uns an wunderbaren und an schwierigen Eigenschaften übertragen haben. Wir sehen uns immer weniger als ein abgetrenntes Selbst, sondern als Teil des großen Lebensstromes, der keinen Anfang und kein Ende hat.

- Die Einheit von Weg und Ziel, zum Beispiel: Das liebevolle Umgehen mit unseren schwierigen Geisteszuständen. Ratschlag von Thay: Sprecht mit eurer Angst, eurer Verzweiflung, eurer Depression, eurer Wut: “Liebe Angst, ich bin da für dich. Ich nehme dich ganz zärtlich in die Arme wie eine Mutter ihr schreiendes Kind. Ich lasse dich nicht alleine...”


Ein schönes Beispiel für die Praxis dieser Lehre: Am Ende des 3-wöchigen Juni-Retreates 2006 mit dem Thema “Der Atem des Buddha” in Plum Village bat Thay uns alle um ein besonderes Geburtstagsgeschenk: Wir sollen uns einen Vorgang aus unserem Alltag aussuchen, den wir besonders achtsam ausführen und ihm darüber einen Bericht schicken

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Klöster

Thich Nhat Hanh wurde am 11. Oktober 1926 in Vietnam geboren. Der buddhistische Mönch, Dichter und Zen-Meister leitet seit über zwanzig Jahren ein blühendes Kloster mit ca. 150 Nonnen und Mönchen in Plum Village bei Bordeaux in Frankreich, das jedes Jahr von Tausenden von Laien aus der ganzen Welt zu mehrwöchigen Retreats besucht wird. Zwei weitere Klöster in den USA - “Deer Park Monastery” bei San Diego und “Green Mountain Monastery” in Vermont - sind in den letzten Jahren hinzugekommen. Außerdem wird seit seiner Vietnamreise im Winter und Frühjahr 2005 in drei Klöstern in seinem Heimatland in der Tradition von “Plum Village” praktiziert.

Auch in Deutschland gibt es zahlreiche Gemeinschaften, die in der Dhyana-Tradition von Plum Village praktizieren: www.intersein-zeitschrift.de

Happy Continuation, dear Thay! - Glückliche Fortsetzung lieber Lehrer!




Mit freundlicher Genehmigung des Theseus Verlages drucken wir einen Auszug aus seinem neuen Buch “Im Hier und Jetzt zuh Hause sein”.


Thich Nhat Hanh: Die Freude, da zu sein


Jedes Mal, wenn Sie sich hinsetzen, sollten Sie wie ein Buddha sitzen! Ob in Ihrem Wohnzimmer, am Fuße eines Baumes oder auf Ihrem Kissen – sitzen Sie und genießen Sie Ihr Sitzen. Wenn Sie wissen, wie Sie sitzen und Ihr Sitzen genießen können, dann wird das Sitzen keine mühsame Praxis sein. Es ist dann sehr angenehm. Sie sitzen und Sie tun gar nichts. Sie sitzen einfach nur da und genießen es. Auf die Qualität ihres Da-Seins kommt es an. Allein oder mit ein paar Freunden zu sitzen bedeutet, Ihre wahre Präsenz zu verwirklichen, Ihre ganze Präsenz.

In unserem Alltag verlieren wir uns oft in unseren Sorgen, in unserem Denken, wir haben so viele Projekte, um die wir uns kümmern müssen – deswegen ist es für uns wichtig, dass wir lernen zu sitzen. Zu sitzen bedeutet, uns selbst wieder zusammenzubringen, ganz präsent zu sein, ganz lebendig im Hier und Jetzt. Ganz einfach und auch sehr schnell können wir das bewerkstelligen. Fünf Sekunden oder zehn Sekunden reichen aus, um wieder ganz bei uns zu sein, um wirklich anwesend im Hier und Jetzt zu sein. Diese Qualität des Seins können wir uns selbst anbieten, ebenso der Gemeinschaft, der Sangha, der Welt. Seien Sie da, ganz lebendig, ganz präsent – das ist der Zweck des Sitzens, darüber hinaus brauchen Sie überhaupt nichts zu tun. Die grundlegende Praxis ist, da zu sein und die Freude am Zusammensein zu spüren.

Es ist wie in einem Vogelschwarm, der am Himmel fliegt. Die Vögel genießen es, zusammen zu fliegen. Es ist keine harte Arbeit für sie, es ist reine Freude, auf diese Art zu fliegen. In diesem Geist sitzen wir zusammen, wir fühlen unser Zusammensein, wir fühlen unsere gegenseitige Unterstützung. Wenn wir so sitzen, dann fühlen wir die Energie, die Transformation. Wenn wir aus dem Fenster schauen, sehen wir, das die Bäume genau dasselbe machen. Sie stehen einer neben dem anderen. Sie sprechen nicht. Und sie fühlen die Präsenz aller anderen. Das ist sehr nährend. Ich definiere die Sitzmeditation gerne als “Nichstun”. Da zu sitzen und nichts zu tun. Ich beschreibe Sitzmeditation ungern als Konzentration, tiefes Schauen und Einsicht gewinnen. In allererster Linie ist Sitzmeditation die Freude, da zu sein, ganz lebendig und mit den Wundern des Lebens in Berührung. Das ist sehr lohnend, sehr heilsam und transformierend.



Sprechen wir unseren Namen ganz leise

So wie die Sitzmeditation eine Übung des Ausruhens sein kann, so kann dies auch die Gehmeditation sein, bei der wir die Erde berühren und uns des Wunders bewusst werden, dass wir lebendig sind und auf der Erde gehen. Jeden Moment sind wir ganz da, um uns um unsere Sorgen, unsere Ängste unser Leiden zu kümmern. Diese schlafen vielleicht ganz ruhig am Grund unseres Bewusstseins, vielleicht steigen sie gerade an die Oberfläche auf – auf alle Fälle sollten wir sie wahrnehmen und umarmen. Umarmen wir sie mit unserer wirklichen Präsenz, denn die Energie der Achtsamkeit ist die Energie des Für-uns-da-Seins. Die Sonne ist für uns da, der Mond ist für uns da, die Bäume sind für uns da, das Wasser ist für uns da, und wir sollten genauso auch für sie da sein – aber ganz besonders sollten wir für uns selbst da sein. Wir sind die Person, die wir am dringendsten brauchen. Sprechen wir unseren Namen ganz leise – diese Person hat gelitten, diese Person hat uns sehr nötig, wir sollten zu ihr zurückkehren und sie umarmen.






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