aktuelle Seite: ARCHIV   
Jahr:
2019 | 2018 | 2017 | 2016 | 2015 | 2014 | 2013 | 2012 | 2011 | 2010 | 2009 | 2008 | 2007 | 2006 | 2005 | 2004 | 2003 | 2002 | 2001 |

Ausgabe Juni 2006
Gemeinschaft als Unternehmenskultur

Der Unternehmer Hans Jecklin und Martina Köhler haben in ihrem gemeinsamen Buch “Wirtschaft wozu?” ihre Visionen und realistischen Ideen von wirtschaftlichen Zusammenhängen mit praktischen Beispielen zusammengetragen.

art47015
Haidrun Schäfer hat aus ihrem Buch mit freundlicher Genehmigung des Schweizer Verlages Edition Spuren ein paar Ideen zusammengestellt.

Gegenwärtige Situation
Die Ausweitung der Märkte um jeden Preis entspricht auf die Wirtschaft bezogen dem Verhalten einer Krebszelle im Organismus. Da sich eine Krebszelle isoliert und nicht mehr mit den gesunden Zellen kommuniziert, ist sie sich der katastrophalen Folgen ihrer Kommunikationsunfähigkeit nicht bewusst. Sie ist lediglich ihrer eigenen Dynamik verhaftet, sie greift gesundes Gewebe an, bildet Metastasen und zerstört schließlich den gesamten Organismus. Unsere globale Wirtschaft von heute ist Ausdruck einer Unfähigkeit, mit der lebendigen Welt zu kommunizieren.
Müssten wir atmen, wie wir wirtschaften, wäre uns allen längst die Luft ausgegangen. Mit den Gewinnen atmet die Wirtschaft zwar ein, aber sie atmet nicht genügend aus, um den Organismus gesund zu erhalten. Sie hält quasi die Luft an und das droht uns inzwischen global den Atem zu verschlagen.
Im Prinzip lässt sich in vielen Lebensbereichen beobachten, dass wir eher in Engpässen und Mängel investieren als in jene Qualitäten und Kräfte, die bereits Früchte tragen. Will ich eine Krise auflösen, darf ich mich nicht auf sie fixieren. Solange ich meine Energie auf das Problem richte, verstärke ich es. Damit verenge ich meine Wahrnehmung und übersehe ganzheitliche Lösungen.

Die Vision
Eine Vision wird nicht gemacht. Sie ist schon da und wartet darauf, entdeckt zu werden. Die Erfahrung zeigt, dass eine Vision keine Vorstellung ist, sondern eine eigenständige Kraft, eine Art Wesen, das genährt werden will. Je mehr sie von allen mit Energie erfüllt wird, desto stärker wirkt ihre Sogkraft, desto umfassender kann sie sich verwirklichen. Im Unterschied zum Leitbild enthält eine Vision keine Ziele, sondern die Werte und Merkmale zur Verwirklichung der Ziele.
Eine ausschließlich hierarchische Unternehmensstruktur kann weder eine Vision noch vermag sie den Freiraum kreieren, in dem die Vision ihre Anziehungskraft entfalten kann. Die beste Voraussetzung dafür, dass Mitarbeiter eigenverantwortlich handeln können, ist eine breit abgestützte Vision. Decken sich Sinngebung des Unternehmens und das Bedürfnis nach Sinnerfüllung beim Mitarbeiter, kann es keine größere Kraft geben. Sie trägt alle und führt das Unternehmen zu natürlichem Wachstum.
Mit den alten Methoden lassen sich keine neuen Bedingungen schaffen. Das Neue entwickelt sich nicht aus den Mustern der Vergangenheit. Aber ließe sich nicht auch die Weltwirtschaft nach einem organischen Prinzip der Synthese und Integration gestalten? Das hieße Zusammenarbeit ohne Energieverlust: Die Wirtschaft würde regionalisiert. Wären wir heute bereit, den Preis für Transportenergien entsprechend ihren Umweltbelastungen zu berechnen, so würden die damit verbundenen Verteuerungen bei den meisten Massenprodukten zu einer Regionalisierung ihrer Herstellung führen. Des Weiteren müssten transnationale Konzerne ihre Gewinne dort re-investieren, wo sie erwirtschaften. Dadurch würde der bisher auf die Industrienationen konzentrierte Wohlstand global verteilt.

Die Gemeinschaft als Unternehmenskultur
In einer Gemeinschaft ist es möglich, ein Panorama verschiedener Sichtweisen einer Situation in ihren vielfältigen Entwicklungsmöglichkeiten wahrzunehmen. Die unterschiedlichen Perspektiven der Einzelnen können sich zu einem neuen, gemeinsamen Bild zusammenfügen, in dem sich jeder wiederfindet. Wahre Gemeinschaft wird sich nicht einstellen, solange an Vorstellungen von ihr festgehalten wird. Es ist sehr schwierig, eine Gemeinschaft überhaupt erst entstehen zu lassen. Schon im Vorfeld wird versucht, Differenzen und schmerzliche Gefühle zu ignorieren und sie mit guten Ratschlägen oder tröstenden Worten zuzudecken. Der Wunsch zu heilen, zu bekehren oder einfach die eigene Sichtweisen von sich zu geben und durchzusetzen, ist oft zu groß. Gemeinschaft braucht Authentizität und damit den Mut, schmerzliche Gefühle zu äußern und sich verletzlich zu machen. Auch Organisation dient lediglich der Schmerzvermeidung einer Pseudogemeinschaft. Der Wendepunkt tritt dann ein, wenn aus dem Bedürfnis, Gemeinschaft erzwingen zu wollen, eine Bereitschaft wächst, die Verschiedenheit innerhalb der Gruppe sowie die eigenen Widersprüche anzuerkennen, ohne sie zu bewerten.

Praktisches Handwerk: die Wir-Runde
Ein Schlüsselelement, um aus der Pseudogemeinschaft auszusteigen, ist sicherlich der Mut zur Wahrhaftigkeit und eine wachsende Fähigkeit, jeweils individuelle Sichtweisen als Teilaspekt des Ganzen anzuerkennen. Um sich darin zu üben, gibt es die Wir-Runde. Sie trägt dazu bei, eine Gruppe vom individuellen Ballast des Einzelnen leer zu machen. Als erstes beschreibt jeder Teilnehmer seine Befindlichkeit als Individuum. Dabei ist eine Grundregel, nicht auf denjenigen zu antworten, der sich gerade geäußert hat. Als zweites kommt die Frage “Wie fühle ich mich als Teil des Unternehmens?” und dann “Wie fühle ich mich als Weltbürger?” Wenn das zu Resignation führt, kann man sich den eigenen Umgang mit den täglichen Schreckensmeldungen der Medien bewusst machen, indem man sie danach untersucht, was sie mit einem selbst zu tun haben. Nur über den Zustand der Welt zu jammern, ohne die eigene Position zu reflektieren, ist fruchtlos und bringt nichts.

Spiralförmige Entwicklungen
Betrachten wir das Leben als sprialförmig verlaufende Entwicklung, dann signalisieren die größeren Schlaufen der Spirale eine umfassendere Sichtweise im Verhältnis zu den kleineren. Da es hier um integrale Wirtschaft geht, übertragen wir diese Betrachtungen sinngemäß auf die Aspekte des Unternehmens. Dabei ist es wichtig, die Verbindung von kollektiver und individueller Bewusstseinsevolution mit der Entwicklung von Verhaltensweisen und Führungsstilen in der Wirtschaft aufzuzeigen.
Ein Unternehmen allein in seinem sichtbaren, materiellen Ausdruck zu erfassen, hieße demnach, das Wesen eines Menschen mit dessen Kleidung zu verwechseln. Jedes Unternehmen ist ein sensibler, feinstofflicher Organismus, der die Firmenindividualität und ihre Anziehungskraft auf Mitarbeiter, Kunden, Partner und Öffentlichkeit ausmacht. Ein Unternehmen hat ebenso unbewusste Anteile wie wir. Die unterdrückten Aspekte verschwinden im Schatten und entwickeln eine Eigendynamik, die sich wiederum belastend auf das gesamte Unternehmen und auf dessen Stabilität und Ausstrahlung auswirkt. Doch sämtliche menschliche Dramen spielen sich in unserem Inneren ab. Wir müssten immer fragen: Welche in uns schlummernden Ängste werden uns von äußeren “Feinden” vor Augen geführt? Wie sehen sie aus? Was sind ihre Bedürfnisse? Diesen inneren Bewusstseinskräften Gestalt zu verleihen, macht es möglich, sie zu achten, und es befreit sie aus ihrem Schattendasein. Sie anzuschauen und zu achten heißt, ihnen die Macht über uns zu entziehen.


Weitere Informationen werden im Archiv nicht angezeigt.