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Ausgabe März 2006
Vorgeburtliche Erfahrung - Quelle von Heilung und Neuanfang

Die Körperpsychotherapeutin Susanne Stinshoff berichtet über die Wichtigkeit vorgeburtlicher Erfahrungen und stellt ihre Arbeit vor.

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Wenn wir den Mutterleib verlassen, tun wir dies mit tiefen Eindrücken und Prägungen, die unser weiteres Leben grundlegend beeinflussen, denn im emotionalen Feld elterlicher Gefühle wird die Grundlage für unser späteres Lebensgefühl gelegt. Leider gehören Gefühle wie Schmerz, Kummer oder Unsicherheit eher zu den Grundgefühlen vieler Menschen in unserem Kulturkreis als positive Erfahrungen. Wenige von uns werden bewusst und in Liebe empfangen, wenige genießen die Schwangerschaft in einer Mutter, die frei ist von Spannung und Angst. Wenige werden ohne Narkose oder Medikamente geboren und kommen spontan zur Welt, geborgen in sanften Händen, die uns willkommen heißen. Noch weniger genießen das Stillen nach Bedarf und den ausreichenden zärtlichen Kontakt mit dem Körper der Mutter nach der Geburt. Leider ist das Zur-Welt-Kommen oft ein rauhes Erwachen und in höchstem Maße traumatisierend. Die Erinnerungen an unsere frühen Erfahrungen sind oft tief in unserem Inneren vergraben und wirken von hier aus in unser Leben hinein. Sie wieder bewusst zu machen und Erlebnisse jener frühen Lebensabschnitte noch einmal nachzuerleben – in einer geschützten Situation, in einer Atmosphäre der Liebe und Geborgenheit – ist Ziel unserer Arbeit. Zugang zu den eigenen Primärerfahrungen zu finden, kann uns davor bewahren, tiefe unbewusste Muster lebenslang auszuagieren. Bestimmte negative Tendenzen und Grundgefühle wie z.B. Angstsymptomatiken, Depressionen, Verwirrtheitsgefühle, mangelnde Vitalität, aber auch Essstörungen, Migräneattacken und andere chronische Leiden, die ihre Wurzeln in pränatalen Erfahrungen haben, können dadurch verstanden, aufgelöst und geheilt werden.

Energetischer Funktionalismus
Der körpertherapeutische Ansatz, mit dem wir arbeiten, nennt sich “Energetischer Funktionalismus”. Diese Methode bezieht die Auflösung vorgeburtlicher und geburtsbedingter Traumata in den therapeutischen Prozess mit ein. Die Methode wurde von dem italienischen Psychologen Dr. Francesco Dragotto entwickelt. In Einführungsseminaren wird den Teilnehmern die Möglichkeit gegeben, eine Reise in die Welt des Wassers zu machen: ankommen können, angenommen werden, Vertrauen finden, Wärme, Geborgenheit und Kontakt sind die Elemente dieser Zeit, mit deren Hilfe wir versuchen, einen ersten Schritt zu tun, um einen “neuen Uterus” aufzubauen. Es geht darum, vorgeburtliche Erfahrungen zu reorganisieren, sie zu vollenden und heilend einzugreifen.

Erfahrungsbericht einer Klientin
„Ich erinnere mich an ein Erlebnis, das für mich und mein Leben weitreichende Bedeutung hatte. Damals arbeitete Susanne einzeln mit mir im Wasser: Ich werde sanft und langsam durch das Wasser getragen. Meine anfängliche Unsicherheit legt sich und ich kann mich in Susannes Armen mehr und mehr entspannen. Der warme Körperkontakt gibt mir Sicherheit. Meine Ohren sind unter Wasser, es ist ganz still, ich schwebe, die Schwerkraft ist aufgehoben. Meine Atmung ist tief, ich lasse los. Das Gefühl von Zeit und Raum löst sich auf. Ich weiß nicht, wie viel Zeit vergangen ist, als Susanne mich in eine andere Position bewegt. Jetzt hält sie mich zusammengerollt wie ein Fötus in ihren Armen und beginnt, mit mir in einem gemeinsamen langsamen Rhythmus in das Wasser ein- und wieder aufzutauchen. Ich habe Vertrauen in sie und in mich und gebe mich diesem Rhythmus hin. Nach einer Weile regt sich in meiner Tiefe ein Gefühl der Angst, ich werde unruhig. Die Angst, keine Luft zu bekommen, nimmt mich gefangen und in einer heftigen Bewegung schieße ich aus dem Wasser. Ich suche mit meinen Füßen Halt am Boden, suche Susannes Augen... da sind sie... und sie sind ruhig und warm und sie sagen, es ist alles gut. Ein mächtiges Gefühl der Traurigkeit kommt in mir auf. Susanne nimmt mich in ihre Arme und hält mich fest. Bilder von Geburt tauchen auf, die Erinnerung, dass ich damals bei meiner Geburt die Nabelschnur um den Hals hatte und fast erstickt wäre. Jetzt bin ich in Sicherheit. Ich kann atmen, Susanne wiegt mich in ihren Armen und ich kann meinem Schmerz endlich Raum geben, kann alles fließen lassen und fühle mich unendlich geborgen und erleichtert.
Wir haben diese ”Übung” im Laufe meiner Therapie noch einige Male wiederholt. Dabei wurde mein Vertrauen immer größer, meine Angst immer kleiner. Ich fühlte mich sicherer. Etwas konnte heilen in mir. Langsam konnte ich im Wasser spielen, Purzelbäume schlagen, den Boden erkunden. Diese neuen Erfahrungen konnte ich tief in mich und mein Leben aufnehmen und sie genauso in mir “speichern” wie meine ursprüngliche angstvolle Erfahrung. In meinem täglichen Leben hat mir diese Arbeit geholfen zu verstehen – und nicht nur mit meinem Verstand, sondern tief mit meinem ganzen Sein , dass ich alte Erfahrungen nicht immer und immer wieder wiederholen muss, dass ich aus dem Kreislauf alter Erfahrungen, Gefühle und Verhaltensmuster heraustreten kann. Heute überwiegt in meinem Leben das Gefühl der Freude, der Neugierde. Ich bin offener Neuem gegenüber, ich kann Nähe und Geborgenheit in meinem Leben zulassen und habe mehr Sicherheit in mir gefunden. Ich kann frei atmen, mein Leben voller leben und Purzelbäume schlagen – und das nicht nur im Wasser.“
Susanne Stinshoff: Körperpsychotherapeutin, Leiterin der Instituts für Energetischen Funktionalismus


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