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Ausgabe November 2005
Illusionen auflösen

Der Heilpraktiker Lucien Sorich nutzt das, was er über die Kampfkünste und bei einem taiwanesischen Meister gelernt hat, um Menschen Impulse zu geben, ihren inneren Arzt zu aktivieren.

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In einem Interview mit Haidrun Schäfer spricht er über die ursprüngliche Idee der Kampfkünste und den Zusammenhang zu seiner Arbeit.
Haidrun Schäfer: Shaolin gilt als Wiege der Kampfkünste. Da es sich um ein Kloster handelt, ist der Zusammenhang nicht eindeutig. Was haben Mönche mit Kampfkunst zu tun?
Lucien Sorich: Das Shaolin war ein normales, taoistisches Kloster. Bodhidharma kam aus Indien als ein buddhistischer Missionar zu diesem Kloster, wurde aber nicht aufgenommen. Daraufhin hat er sich in der Nähe in einer Höhle niedergelassen und dort viele Jahre meditiert. Ein Priester des Shaolinklosters war von ihm beeindruckt und versuchte hartnäckig, sein Schüler zu werden, bis Bodhidharma endlich einwilligte. Er siedelte in das Kloster um und bildete die Mönche aus. Das, was er ihnen u.a. beibrachte, waren Yoga-Übungen als Werkzeug der angestrebten geistigen Selbsterfahrung. Um reale Erfolge in der Bewusstseinsentwicklung von Selbsttäuschung zu unterscheiden, wurden sie in der untrüglichen und schmerzhaften Praxis einer Kampfsituation getestet. Das ist der Hintergrund für die ganzen “Bruchtests”: Es geht darum festzustellen, ob ich einer Selbsttäuschung unterliege. Alles, was wir wahrnehmen, ist subjektiv – wir müssen uns immer an etwas Objektivem messen. Wenn wir uns jetzt unterhalten, nehme ich Sie wahr, aber mein Gehirn reagiert auf das Abbild, was ich von Ihnen habe. Dieses Abbild wird geprägt von meinen Erfahrungen, z.B. was ich für Erlebnisse mit Frauen hatte. Wir haben immer eine Brille auf, durch die wir die Welt wahrnehmen. Diese Brille ist uns nicht bewusst, weil wir sie ja immer aufhaben. Das war die Erkenntnis von Buddha: Wir leiden an falschen Vorstellungen oder Bildern, mit denen wir uns identifizieren. Und weil unsere Wahrnehmung nicht objektiv ist, liegen wir immer ein bisschen falsch. Das wollten die Mönche überprüfen und haben deswegen Kampfsituationen geschaffen. Die Verneigungen nach dem Übungskampf bedeuten: “Danke, dass du mir gezeigt hast, dass ich einer Illusion unterlegen bin, denn das erspart mir, dass ich im realen Leben schmerzhafte Erfahrungen machen muss, die vielleicht auch anderen Schmerz zugefügt hätten, nur weil ich mich mit einer Illusion identifiziert habe.” Deswegen waren beherzte Gegner willkommen, denn die konnten am ehesten den Spiegel vorhalten. Auf der körperlichen Ebene obsiegt derjenige mit der höheren Bewusstseinsentwicklung, weil er weniger Widerstände im Körper hat und so eine maximale Kraftentfaltung verbunden mit höherer Geschwindigkeit ermöglicht.

Was verstehen Sie unter “Widerständen”?
Widerstände sind wie zusammengepresstes Licht oder Lebensenergie, die ins Stocken geraten ist. Heute kann man es messen oder fotografieren, wie mit der Kirlian-Fotografie. Wenn ich diese Widerstände ausräume, kann die Lebensenergie wieder optimal fließen. Ich gebe Gas wie immer, aber ich habe die Handbremse weggenommen. Das nutze ich für meine Arbeit. Wenn jemand Schmerzen im Rücken, in den Gelenken oder im Bindegewebe hat, gibt es im Grunde einen elektrischen Widerstand in dem Strom, der im Kampfsport verwendet wird. Ein Beispiel: Eine schmächtige 90-jährige Japanerin hat mit ihrer Schwerthand einen beachtlichen Felsbrocken zertrümmert. Man hat diese Szene mit Röntgenstrahlen gefilmt und Folgendes festgestellt: Ihr Knochen weicht zurück, aber sie sendet mit ihrem Körper eine Energie, die so schnell ist, dass sie den Stein zerbricht. Das ist die Philosophie: Weich siegt über hart. Weich und fließend ist die Energie frei von Widerständen – gegen die hat weder ein Wille noch ein Felsstein eine Chance. Diesen Ansatz finden wir auch beim Tai Chi wieder. Dort wird gesagt: Es gibt nichts zu verteidigen, es gibt kein Ich. “Ich” ist nur eine Vorstellung eines Teiles des Bewusstseins. Wenn ich damit identifiziert bin, will ich über den anderen siegen oder lasse mich auf eine Verteidigung ein und werde dadurch fest, die Kraft des anderen findet einen Ansatzpunkt und kann erst dadurch wirken. Wenn ein Krieger mit starken Muskeln und Waffen auf jemanden trifft, der ohne inneren Widerstand ist, der sich nicht mit seinem Ich identifiziert und daher nicht glaubt, es verteidigen zu müssen, ist unterlegen, denn der andere kann so schnell seinen Körper oder eine Waffe handhaben, dass man es kaum mit den Augen verfolgen kann. Karate heißt “die offene Hand”. Wahres Budo ist Liebe. Die wirklichen Krieger waren hochsensible Menschen. Weich siegt über hart: Wenn man versucht, Wasser zu schlagen, tut es umso mehr weh, je stärker man schlägt.

Das ist für uns schwer nachzuvollziehen – weich siegt über hart.
Meiner Ansicht nach ist unsere Blaupause absolut weich und fließend: geistig-körperlich-seelisch gesund. Die im Laufe des Lebens angesammelten Wiederstände können mit einem feedback, einer Rückkopplung zugänglich gemacht werden. Geballtes Licht empfinden wir als Schmerz. Das kann man umwandeln und wieder zu Lebensenergie transformieren. Wir kennen das Phänomen aus der Physik: Jegliches elektromagnetische Feld hat die Neigung, in die Ordnung zu kommen. Im übertragenen Sinne: zu Harmonie oder Gesundheit zu gelangen. Die Kraft des inneren Arztes ist in jedem Menschen vorhanden. Man sagt, ein Zigeuner kann sich nicht selber aus der Hand lesen. Osho hat gesagt, wenn man etwas über eine Tomate wissen will, ist die Grundvoraussetzung, selber keine Tomate zu sein. Man muss einen Abstand zu den Dingen haben und wir haben zu uns selbst keinen Abstand, dementsprechend können wir uns auch selber keinen Impuls geben. Dazu muss man – wie im Buddhismus – das Zeugenbewusstsein entwickeln. Ab einer bestimmten Bewusstseinsentwicklung entsteht automatisch dieses Zeugenbewusstsein: Ich sehe mir selber zu und kann die Dinge geschehen lassen.

Wenn ich das richtig verstehe, geben Sie bei Ihrer Arbeit einen Impuls, dass der innere Arzt in Aktion tritt.
Wenn das Auto nicht anspringt, kommt jemand mit dem Starthilfekabel. Es ist ein künstlicher Umweg zu dem eigenen Motor, damit der wieder anspringt. Man hat selber eine Batterie, aber die hat ausgesetzt. Und über den Umweg Starthilfekabel kann man den eigenen Motor wieder in Gang bringen. Wir kennen den Versuch mit den beiden Feldern aus Eisenspänen, die in Unordnung sind. Wenn die beiden Felder in Resonanz treten, ordnen sie sich beide. Die Ordnung ist stärker als das Chaos.

Sie treffen also mit einer gewissen Ordnung auf mein mehr oder weniger großes Chaos, so dass sich mein Organismus automatisch wieder in ein geordnetes oder gesundes Feld zurücktransformiert. Wenn man davon ausgeht, dass die körperlichen Blockaden auf negative emotionale Erlebnisse zurückzuführen sind, muss man dann das Ursprungserlebnis noch mal durchfühlen?
So, wie ich das mache, geht das so schnell wie ein Film, der in vielfacher Geschwindigkeit abgespult wird, ohne dass Bilder erkennbar werden. Es wird einfach dem Bewusstsein wieder zugeführt zum Verarbeiten. Wichtig ist, dass die Resonanz zustande kommen kann.
Wie viele Behandlungen sind in der Regel notwendig?
In der Regel kommen Patienten für drei Sitzungen à 45 Minuten à 45 Euro. Progressive Krankenkassen beteiligen sich an den Kosten, Zusatzversicherungen und Privatkassen übernehmen die Kosten.

Sie nennen sich “Sophrologe”. Was bedeutet das?
Sophrologie ist ein geschützter Begriff, den ein Arzt geprägt hat, der eine Synthese östlicher und westlicher Medizin propagiert hat und schon im letzten Jahrhundert gestorben ist. Seiner Erfahrung nach schließen sich östliche und westliche Medizin nicht aus, sondern bereichern sich.

Behandlung
Um praktisch zu erfahren, was wir theoretisch besprochen haben, erlebe ich eine 45-minütige Behandlung. Ich lege mich auf eine Liege, werde zugedeckt und habe in den nächsten 45 Minuten nichts “zu tun”. Herr Sorich setzt sich hinter meinen Kopf und legt seine beiden Hände an meinen Nacken. Dort befinden sich neben der Wirbelsäule Punkte, die in Kontakt mit dem Sympatikus und dem Parasympatikus stehen, unseren beiden vegetativen Hauptnerven. Damit hat er quasi Bremse und Gas in seinen Händen. Außerdem gibt es eine Reflexzone vom Herzen und eine von der Niere. Über das Herz hat man einen Zugang zur Bioelektrik und über die Niere zur Biochemie des Körpers, denn der chemische Zustand wie z.B. der pH-Wert wird in der Niere geregelt. Wenn er dort einen Druck ausübt, kann er eine Wirkung auf das mit dem in Kontakt stehenden Organsystem auslösen. Hier spannt Herr Sorich den Bogen zur Kampfkunst. In Indien liegt die Quelle dieses Wissens: Es gibt Punkte, mit denen Ärzte lähmen, anästhesieren oder auch töten konnten. Einen tödlichen elektrischen Impuls zu setzen, ist im Kampfsport bekannt als “dim mag”. Hier jedoch geht es nicht ums Töten, sondern um Ordnung. Gelernt hat er dieses Wissen von seinem taiwanesischem Meister. Ich spüre einen tastenden Druck und ziemlich schnell geht ein Zittern durch seine Hände und seinen Körper. Dann höre ich ein leichtes Stöhnen und danach Entspannung. Kurze Zeit später eine ähnliche Welle und dann eine weitere. Die ganze Zeit kommen sie in unregelmäßigen Abständen. Meine Schatten wie Angst, Zorn, Wut spielen sich wie ein Stummfilm in seinem Kopf ab. Über den Kontakt an meinen Nackenpunkten kommt seine Seelenqualität mit meinem Feld in Berührung, so dass meine ungeordneten Teilchen in eine höhere Ordnung springen können. Ich selbst bleibe ruhig, keine Gefühle, die hochkommen, keine Bilder. Allerdings spüre ich, wie mein Körper immer wärmer wird: erst die Ohren, dann ein Wärmegefühl in der Herzgegend und noch später werden meine dünnbesockten Füße warm. Irgendwann spüre ich Leichtigkeit, die sich in meinem Körper ausbreitet. Nach 45 Minuten habe ich – obwohl nichts “getan” – doch das Gefühl einer Veränderung, die ich noch gar nicht definieren kann. Ich soll in den nächsten Tagen mich beobachten und in mich horchen, diesen Abend keinen Alkohol trinken, denn in der Tiefschlafphase verarbeitet das Gehirn die Informationen, die es hier erfahren hat. So, wie wir uns nicht darum kümmern müssen, ob unser Herz schlägt, so verarbeitet das Unterbewusstsein die neuen Informationen. Erst wenn alles gründlich zerkaut, zerkleinert und vorverdaut ist, wird es dem Wachbewusstsein zugänglich. Das empfindet man dann als Zuwachs oder als einen Gewinn an Lebensqualität oder Sensibilität. Manchmal merkt man es gar nicht selber, so wie wir die Tag-für-Tag-Veränderungen nicht im Spiegel wahrnehmen – beim Klassentreffen wird es dann deutlich. Die nächsten 21 Tage wird der Veränderungsprozess andauern, denn in dieser Zeit werden die elektrischen Impulse in den körperlichen Zustand umgesetzt. Ich bin gespannt und bedanke mich – Namasté.


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