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Ausgabe Juli 2005
Erwachsen werden – unseren Platz einnehmen

Der Zenmeister Norman Fischer kommt zu einem Vortrag nach Berlin. Wir drucken einen Auszug aus der Einleitung seines Buches “Unseren Platz einnehmen”, in dem es um das Erwachsenwerden geht.

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“Dogen, ein japanischer Zenmeister aus dem 13. Jahrhundert, fragt: “Was ist es, das erscheint?” Das ist auch meine Frage. Was ist es, das erscheint? Wer ist es, der in diesem Körper, in dieser Welt lebt?
Die Zeit ist merkwürdig. Wir leben in ihr, sind von ihr abhängig, betrachten sie als selbstverständlich, dennoch vergeht sie unbarmherzig und unser Leben gleitet uns Moment für Moment durch die Finger. Woher kommt die Zeit und wo geht sie hin? Wie ist es möglich, dass wir jeden Moment anders sind, dass wir wachsen, uns entwickeln, geboren werden und sterben? Was sollen wir mit diesem Leben machen?
Nachdem ich im Laufe meiner langen spirituellen Praxis viele Jahre mit diesen Fragen gerungen habe, habe ich ein Gefühl für ihre Antworten gefunden. Wir wissen nicht wirklich, was erscheint, was Zeit ist und wo sie hingeht. Aber wir sind hier, um zu versuchen zu verstehen. Und wir haben alle unsere eigene Art des Verständnisses und unsere eigene Art, dieses Verständnis durch unser Leben zum Ausdruck zu bringen.Jeder von uns hat einen Platz in dieser Welt. Ich habe das Gefühl, dass es unsere wahre Aufgabe als Menschen ist, diesen Platz einzunehmen. Wir sind keine Gattungswesen, sondern Individuen, und wenn wir uns dieser Tatsache ganz bewusst sind und uns erlauben, sie anzunehmen und ganz in sie hineinzuwachsen, sehen wir, dass unseren einzigartigen Platz in der Welt einzunehmen das Einzige ist, was uns ein Gefühl absoluter Erfüllung gibt.
Es heißt, dass Bantu-Stammesangehörige in die Zimmer ihrer Kinder schleichen, wenn diese schlafen, und ihnen ins Ohr flüstern: “Werde, was du bist!”
Unseren Platz einzunehmen, heißt zu reifen und zu dem zu werden, was wir sind. Zum größten Teil halten wir Reife für etwas Selbstverständliches, als ob es etwas wäre, das ganz natürlich und vollständig kommt, wenn unser Körper wächst und unser Geist und Herz sich mit Lebenserfahrung füllen. Dennoch sind tatsächlich wenige von uns wirklich reife Individuen. Wenige von uns nehmen wirklich ihren Platz ein. Wir leben nur einen Traum von Reife, eine Summe von übernommenen Vorstellungen und Bildern, die als Erwachsensein gelten. Was heißt es wirklich, erwachsen zu werden? Wie machen wir die Arbeit, die ein wirklich reifes Herz nährt, aus dem heilende Worte und Taten fließen können? Das Leben jedes Einzelnen von uns hängt davon ab, dass wir die Forschungen anstellen, zu denen uns diese Fragen drängen. Und das Mysterium besteht darin, dass die ganze Welt davon abhängt, dass jeder von uns diese menschliche Reise macht.
Unseren Platz als reifes Individuum in dieser Welt einnehmen ist keine Arbeit, die wir alleine tun können. Wir brauchen andere, die uns helfen, und wir müssen anderen helfen. Denn wahre Reife kann nie unabhängig existieren, sie ist relational, denn wir sind relationale Wesen, die jeden Moment in Beziehung sind und deren Entwicklung von dieser Beziehung maßgeblich beeinflusst wird. Weil wir uns verändern, weil wir der Welt gegenüber offen sind und von ihr beeinflusst werden, muss Reife unsere Fähigkeit einschließen, andere zu erkennen und zu lieben.”

Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Arbor Verlages.



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