aktuelle Seite: ARCHIV   
Jahr:
2019 | 2018 | 2017 | 2016 | 2015 | 2014 | 2013 | 2012 | 2011 | 2010 | 2009 | 2008 | 2007 | 2006 | 2005 | 2004 | 2003 | 2002 | 2001 |

Ausgabe Juli 2005
Drachenzeit

Drachenmythen werden in westlichen und östlichen Kulturen höchst unterschiedlich bewertet. Jens Brambach erläutert die Hintergründe der gegensätzlichen Sichtweisen.

art40244
Lindwürmer oder Glücksdrachen
Wenn Europäer an Drachen denken, dann tauchen sie als Feuer speiende Ungeheuer auf, die in unzugänglichen Höhlen eifersüchtig ihre geraubten Schätze bewachen, holde Jungfrauen gefangenhalten und schließlich von edlen Recken zur Strecke gebracht werden. Drachen werden dargestellt als ekelhafte Lindwürmer mit giftigem Atem, Satansbrut und Kreaturen der Finsternis, die es zu erschlagen gilt, wo immer man sie trifft.
In China hat der Drache ein ganz anderes Gesicht. Zwar können auch die chinesischen Drachen tyrannisch und gefährlich auftreten, jedoch stehen sie in der Hauptsache seit alters her für Wohlstand, Wachstum und Glück. Als Sir Norman Forster in Hongkong den Wolkenkratzer für die Bank of China baute, ließ er ein Loch frei, damit der Drache ungehindert von den Bergen zum Meer fliegen könne. Dies war weit mehr als eine Reminiszenz an die chinesische Mythologie. Für einen Großteil der Chinesen wie auch für Feng Shui-Bewanderte hierzulande handelt es sich um handfeste Fakten, deren Beachtung oder Nichtbeachtung durchaus über das Wohl und Wehe einer Firma entscheiden kann.

Wieso?
“Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde… und der Geist Gottes (nicht Gott selbst!) schwebte über den Wassern.” So beginnt die Bibel und hier ist die Welt noch in Ordnung. Der Himmel und die Erde sind beide von Gott geschaffen. Das Wasser wird in der Bibel auch mit dem Seedrachen, mit Rahab, mit Leviathan gleichgesetzt. Den Himmel bewohnen also die Engel und die Erde die Drachen und im Urgrund sind sie verbunden, aus einer Quelle entsprungen. Im weiteren Verlauf der Bibel gibt es immer wieder Hinweise auf die drachen- bzw. schlangenhafte Seite Gottes und der Engel. Im offiziellen Kanon setzt sich aber schnell eine andere Lesart durch: Gott ist der Geist, ist im Himmel, ist gut und seine Geschöpfe sind die Engel. Das Fleisch, die Erde, das Wasser, die Natur sind schlecht, gar böse, sind Wohnstatt für Drachen, gefallene Engel und ähnliche Satansbrut. Vergessen ist die ursprüngliche Einheit. Bedenkt man, dass Erde, Wasser, Natur etc. eher der weiblichen, der yinhaften Seite des Lebens zugeordnet wird, so wundert es nicht, dass eine patriarchale Religion wie das Christentum zu einer anderen Beurteilung des Drachens gelangt als beispielsweise die chinesische Weltsicht, in der die Harmonie zwischen Yin und Yang eine zentrale Bedeutung hat.

Drachenmutter
Bevor die männlichen Götter, die Sonnengötter oder die, die sagten: “Es gibt keinen Gott neben mir” kamen, war die Zeit der alten Drachengötter. Es herrschten die elementaren Kräfte in der Natur, es herrschte die Instinktnatur in den Menschen. Die alten Mutter- bzw. Drachengottheiten hießen Tiamat bei den Babyloniern, Gaia bei den alten Griechen, Rahab bei den Israeliten. Die Welt war ein einziger verbundener Zyklus aus Geburt und Tod, ein einziger ungeteilter Lebensstrom. Die Erde ein einziger Superorganismus – die große Drachenmutter.

Rebellion
Mit dem Beginn des individuellen Bewusstseins, brach eine Rebellion aus. Die Enkel, Urenkel oder Ururenkel der Drachenmutter begehrten gegen sie oder ihre Geschöpfe auf. Die Streiter des Lichtes gegen die Geschöpfe der Dunkelheit. Marduk erschlug Tiamat, Jahwe zerschmetterte Rahab, die von Zeus angeführten Olympier besiegten die Titanen, Padmasambhava & Co die alten Böngottheiten in Tibet. Dieser Prozess, in dem das Leben sich seiner selbst bewusst wird, ist ein immerwährendes, jahrtausendelanges Ringen und wir befinden uns mitten in ihm.

Zeit der Drachentänzer
Vielleicht war es unumgänglich, dass das Heraufdämmern des Geistes in seiner Anfangsphase die Natur und das Instinkthafte zurückdrängen und unterwerfen musste. Darüber kann und will ich mir kein Urteil erlauben. Offensichtlich jedoch ist, dass diese Anfangsphase vorbei ist und wir eine neue Einheit von Geist und Natur, von Himmel und Erde, von Drachen und Menschen benötigen. Wir brauchen diese neue Einheit in unserer ganzen Lebensweise, in unserer Wirtschaft, unserer Architektur und unseren Beziehungen. Wir brauchen sie in unserer Seele.
Drachen in den alten Geschichten hüten oft unglaubliche Schätze. Und so halten sie auch für den, der sich ihnen in freundlicher Absicht nähert, reichhaltige Geschenke bereit. In der schamanischen Heilarbeit kann man meiner Erfahrung nach mit einem Drachen als Krafttier in Bereiche vorstoßen, in die man mit den meisten anderen Krafttieren nicht gelangt. Drachen sind Geschöpfe aus purer Lebenskraft. Freundschaft mit Drachen ist Freundschaft mit dem Leben. Sie können großzügige Helfer und Wächter sein oder gefährliche Gegner. Durch Trancereisen, Rituale, Gesänge und Energiearbeit können wir die Verbindung zu ihnen erneuern und pflegen. Die Ära der Drachentöter ist vorbei, die Zeit der Drachenreiter und Drachentänzer ist gekommen.


Weitere Informationen werden im Archiv nicht angezeigt.