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Ausgabe Juli 2005
Im Spiegel der anderen

Die Diplom Psychologin Angela Bätjer und der Körpertherapeut Marc Rackelmann schreiben über die Art, wie wir unsere Beziehungen gestalten - Bindungsstile.

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Holger
Oft ist es der Wunsch nach einer glücklicheren Beziehung, die Menschen eine Therapie anfangen lassen. So war es auch bei Holger. Holger ist Lehrer und wirkt im Kontakt intellektuell eher etwas kühl und distanziert. Schon zwei Beziehungen sind innerhalb der letzten zweieinhalb Jahre zerbrochen, nachdem er jeweils mit seiner Partnerin zusammengezogen war. Auch in seiner derzeitigen Beziehung mit Petra kriselt es heftig, immer öfter gibt es Streit. Petra hat ihm schon angedroht, sich von ihm zu trennen, wenn er sich nicht ändere. Sie wirft ihm vor, er sei kontrollsüchtig. Geht sie aus, so kann er nicht auf sie warten, er will genau wissen wo, mit wem, was sie wie lange gemacht haben. Holger sagt dazu: ”Ich kann mich nur auf mich selbst verlassen, ich mache mich von niemandem abhängig!”. In seiner Logik bedeutet das: Er muss kontrollieren. Seine Vernunft sagt ihm, dass hier etwas falsch läuft. Nur ändern kann er es deshalb noch lange nicht. Was ist falsch gelaufen und wie kommen Menschen wie Holger wieder aus diesem fatalen Bindungsmuster heraus?

Angeborenes Bindungsbedürfnis
Seit den Pionierarbeiten von Bindungsforschern wie John Bowlby in den sechziger und siebziger Jahren hat sich ein eigenes psychologisches Forschungsfeld etabliert. Die Ergebnisse besagen eindeutig: Der Mensch besitzt ein angeborenes Bindungsbedürfnis. Sichere Bindungen sind für die seelische Gesundheit eines Menschen, für sein Selbstbewusstsein und seine Liebesfähigkeit von entscheidender Bedeutung. Wir leben vom Moment unserer Zeugung an in wechselseitiger Bindung und Beziehung. Erst im Austausch mit der Welt – und die ist zu Beginn vorrangig die Mutter – kann eine eigenständige Persönlichkeit entstehen.
Fühlt sich ein kleines Kind bedroht, sucht es Schutz, Trost und Unterstützung bei einer Bindungsperson, die in den meisten Fällen die Mutter ist. Trifft es bei ihr bereits auf ein unsicheres Bindungsverhalten, reagiert es mit Verunsicherung und entwickelt einen entsprechend passenden Bindungsstil, der hilft, mit dieser als unsicher erlebten Beziehung zurechtzukommen. Dieser Bindungsstil entsteht als Sicherung dieser Bindung und bestimmt auch später im Erwachsenenalter die Art, wie Nähe und Beziehungen mit anderen Menschen eingegangen werden.

Vier Bindungsstile
Bindungsforscher unterscheiden zwischen vier Bindungsstilen: die sichere Bindung (52-66%), die unsicher-vermeidende Bindung (18-30%) , die unsicher-ambivalente Bindung (5-18%) und die desorganisierte Bindung (14%). Kinder mit sicherem Bindungsverhalten reagieren auf eine Trennung von der Mutter mit Unruhe und suchen sofort ihre Nähe, wenn sie wiederkommt. Sie drücken damit aus, dass sie die Mutter vermissen und diese nicht durch andere Personen ersetzbar ist. Die einfühlsame Mutter reagiert darauf, indem sie das Kind auf den Arm nimmt und es tröstet, bis es sich von sich aus wieder anderen Dingen zuwendet. Diese Kinder sind neugierig, vertrauensvoll und haben es später am leichtesten, sich auf Beziehungen einzulassen und Nähe und Distanz angemessen zu regulieren.
Kinder mit unsicher-ambivalentem Bindungsverhalten sind während einer Trennung sehr verängstigt und lehnen die Mutter nach deren Rückkehr abwechselnd aggressiv ab oder suchen ihre Nähe. Sie sind von der Trennungssituation völlig absorbiert und haben keine Energie für andere Aktivitäten. Der Bindungsstil dieser Mutter ist uneinschätzbar, ambivalent: Mal reagiert die Mutter fürsorglich und mal unangemessen ablehnend auf das Kind. Dies führt dazu, dass das Kind empfindliche Antennen für die momentane Gefühlslage anderer Menschen entwickeln kann. Es verliert dabei allerdings das Gefühl für sich selbst. Diese Menschen fühlen sich später oft sehr abhängig von ihrer Beziehung, sind übertrieben ängstlich und “klammern”.
Kinder mit unsicher-vermeidendem Bindungsverhalten reagieren gar nicht auf eine Trennungssituation und vermeiden auch danach Nähe und Kontakt zur Mutter. Wie kommt es dazu? Das Verhalten der Mutter ist in der Regel ablehnend oder es spielt hier eine Unterbrechung der Bindung eine Rolle, die eingetreten ist wegen früher Trennung von der Mutter durch Krankheit bzw. Krankenhausaufenthalt, durch frühe Unterbringung des Kindes in der Krippe oder bei anderen Bezugspersonen. Hier haben die Gefühle, Signale und Bedürfnisse des Kindes keine oder keine stimmige Resonanz erfahren. Dieses Kind wird früh selbständig, wird keinen Trost mehr verlangen und später sagen: “Ich komme am besten alleine klar!”

Holgers Beziehungsschwierigkeiten
Holgers Kindheitsgeschichte ergab folgendes Bild: Er war der Älteste von drei Brüdern. Er war nicht erwünscht, da die Eltern zur Zeit seiner Geburt noch mit dem Hausbau beschäftigt waren. Deshalb kommt er schon kurz nach seiner Geburt in die Ganztagskinderkrippe. Die noch junge Mutter fühlt sich überfordert und reagiert gestresst und abweisend auf die nächtlichen Schreianfälle des Säuglings. Sie möchte ein pflegeleichtes Kind und reagiert auf sein Weinen und seine Anhänglichkeit mit Abwehr und latenter Feindseligkeit. Erst als er zwei Jahre alt ist und ein Bruder kommt, darf er zu Hause bleiben. Nun ist er aber schon der Große und Vernünftige, der die Mutter nicht mehr so belastet. Die frühe Trennung von ihr und das abweisende mütterliche Verhalten haben dazu geführt, dass Holger sich nur auf sich selbst verlassen konnte und für seine Bedürfnisse nach Halt und Trost keine Unterstützung fand und auch nicht mehr verlangte. Bis heute hat er das Gefühl, dass er keine wirkliche Beziehung zu seiner Mutter entwickeln konnte.

Kommt Holger da wieder raus?
Die Bindungsforschung fand heraus: Ich bin nicht bis an mein Lebensende auf meinen Bindungsstil festgelegt. Er lässt sich auch im Erwachsenenalter noch verändern. Für das Umlernen meines Bindungsmusters ist es wichtig herauszufinden: Unter welchen Gegebenheiten habe ich meinen Bindungsstil erworben? Welches Bindungsmuster biete ich heute anderen Menschen an?
Um meinen Bindungsstil verändern zu können, brauche ich allerdings ein Gegenüber, denn was im zwischenmenschlichen Kontext gelernt wurde, kann auch nur in diesem wieder verändert werden. Ich brauche Menschen, die mir spiegeln können, was ich tue, um Nähe zu ihnen herzustellen oder zu vermeiden. Ich brauche ehrliche Resonanz auf meine bislang versteckten Bindungsängste und auf meine eigentlichen Bedürfnisse nach Unterstützung und meinem Wunsch, dazuzugehören. In dem Kontakt mit anderen Menschen findet ein Umlernen statt und der mir bekannte und vertraute Bindungsstil kann modifiziert und umgeschrieben werden.Holger lernte im Laufe seiner Therapie, dass hinter seiner Kontrollsucht eine große Angst vor Abweisung und Verlassenwerden lauerte. Diese Ängste tauchten zwar immer wieder auf, wenn Petra unterwegs war, doch nun wusste er um seine Wunde und musste nicht mehr Petra unter Druck setzen. Er lernte mit seinen Verletzungen zu leben und sich Petra mitzuteilen. Er konnte seine Abhängigkeitsgefühle besser annehmen, diese nicht mehr als Verlassenwerden, sondern als positive Bindungsgefühle von Zugehörigkeit erleben und mehr Vertrauen entwickeln. Er schuf damit die Basis für einen neuen Bindungsstil, der ihm sowohl mehr Nähe wie Distanz ermöglichte. Und was könnte diese Entwicklung bei Petra auslösen?


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