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Ausgabe Juni 2005
Zen und Meditation

Vortrag der Autorin Martine Batchelor

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Die Autorin Martine Batchelor lebte zehn Jahre als Zen-Nonne in Korea. Heute leitet sie weltweit Retreats und Seminare und kommt für einen Vortrag nach Berlin. Wir stellen aus ihrem Buch “Meditation” einige Passagen mit freundlicher Genehmigung des Arbor Verlages vor.

Schon von frühester Jugend an inspirierte mich die Vorstellung von Weltfrieden, Gleichheit und Liebe. Als Heranwachsende wurde mir dann jedoch bewusst, dass sehr viel mehr als ein paar gute Ideen erforderlich sein würden, um meine eigenen Gefühle und Gedanken wahrhaftig zu verändern, geschweige denn die Welt zu verändern. Als ich den Buddhismus entdeckte, schien es mir, als könne die Praxis der Meditation mir Antworten auf meine Fragen geben, wie man ein besseres Leben führen kann.
In jener Zeit, im Jahr 1973, war der Buddhismus im Westen noch nicht sehr weit verbreitet. Hier und da wurden von Gruppen, die verschiedenen östlichen Religionen nahe standen, Aktivitäten spiritueller Art angeboten. Ich hatte zunächst mit Energiemeditation, Sufigebeten, Chi-Gong-Übungen und sogar einem taostischen Fernkurs herumexperimentiert. Schließlich wurde durch einen Freund, der gerade dabei war, das Meditieren zu erlernen, mein Interesse für den Buddhismus geweckt. Zu den Büchern, die mein Freund las, gehörten das Plattform-Sutra und das Dhammapada. Das Plattform-Sutra, auch Sutra des Sechsten Patriarchen, machte mich mit den radikalen Vorstellungen des Zen vertraut. Es war jedoch das Dhammapada mit seinen prägnanten, direkten und praktischen Ratschlägen, welches den Lauf meines Lebens änderte. Statt die Welt zu verändern, beschloss ich, mich selbst zu verändern, was ein realistischeres Unterfangen zu sein schien. Und ich vertraute darauf, dass die Praxis schließlich auch anderen zugute kommen würde.

Der Humor und die spielerische Art des chinesischen Zen-Buddhismus übten eine besondere Faszination auf mich aus, aber zur damaligen Zeit war es schwer, nach China zu reisen. Bei der Vorbereitung einer Reise gen Osten beschloss ich, nach Japan zu fliegen, um mich dort mit der Zen-Meditation zu beschäftigen. Durch einen glücklichen Umstand in Form eines Fehlers auf meinem Flugticket flog ich über Seoul nach Tokio. Ich nahm die Gelegenheit wahr, um Korea zu besuchen, und fand heraus, dass das Zen in Korea ebenfalls über eine starke Tradition verfügt. Ich wurde zum Songgwangsa geführt, dem einzigen Tempel, der Ausländer aufnimmt, und beschloss nach zwei Wochen, Nonne zu werden. Da ich weder berufliche Verpflichtungen hatte noch in eine Partnerschaft eingebunden war, wuchs das Gefühl, es wäre gut, ein oder zwei Jahre lang meditieren zu lernen. Am Ende wurden zehn Jahre daraus! Die koreanische Klosterroutine, bei der man sechs Monate im Jahr jeweils zehn Stunden am Tag meditiert und die übrigen sechs Monate studiert oder reist, kam mir dabei sehr zugute.
Als nach neun Jahren Meister Kusan, der Lehrer des Songgwangsa, starb, half ich während der Übergangsphase aus und verließ Korea ein Jahr später. Ich beschloss, meinen Status als Nonne aufzugeben und wieder zu einem “gewöhnlichen” Menschen zu werden. Meine Rückkehr in den Westen sollte ein Weg sein, um meine Zen-Ausbildung in Handlungen umzusetzen. Die Verhältnisse in einem Kloster sind notwendigerweise beschränkt, um so die Konzentration, die Erforschung und ein einfaches, würdevolles Leben zu fördern. Als ich in den Laienstand zurückkehrte, heiratete, in einer buddhistischen Gemeinschaft in Großbritannien lebte und als Raumpflegerin arbeitete, boten sich mir zahlreiche Gelegenheiten, das, was ich während meines zehnjährigen Aufenthalts in Korea gelernt hatte, im Alltagsleben anzuwenden.

Gesunder Menschenverstand
Ich hatte einmal ein amüsantes Erlebnis mit kulturellen Umgangsformen. Obwohl ich mich zehn Jahre lang in der Methode des koreanischen Zen habe ausbilden lassen, habe ich auch japanische und taiwanesische Zen-Tempel besucht. In koreanischen Tempeln wird es selbst in der sengenden Sommerhitze als Zeichen der Höflichkeit angesehen, wenn man Socken trägt. In japanischen Tempeln lautet die Regel jedoch, dass man keine Socken tragen soll, es sei denn bei feierlichen Gelegenheiten. Selbst wenn die Temperatur weit unter dem Gefrierpunkt liegt und die Füße an den vereisten Holzbrettern festkleben, muss man barfuß gehen. Und in Taiwan ist es wieder anders; dort bemerkte ich, dass die Nonnen manchmal Socken tragen und manchmal nicht. Natürlich erfreute ich mich an dem Gedanken, dass diese Nonnen den erwachten Zustand der “Sockenlosigkeit” erreicht hatten (nicht daran anhaften, ob man nun Socken trägt oder nicht).
Also wagte ich mich eines Tages ohne Socken in eine taiwanesische Meditationshalle. Am Ende der Meditation war ich dann konsterniert, als mich eine Nonne wegen meiner nackten Füße schalt. Ich wies darauf hin, dass ich einige Nonnen ohne Socken gesehen hatte, aber sie rief lediglich aus: “Nur am Abend, wenn Ihre Füße nach dem Waschen sauber sind. Eine Zen-Nonne versucht, zu allen Zeiten Socken zu tragen, damit ihre Meditation Tiefe hat und sie dem Buddha wahren Respekt zollen kann!” Die Moral von der Geschicht: Gebrauchen Sie bei der Meditation Ihren gesunden Menschenverstand. Passen Sie sich je nach Umstand an oder lassen Sie los und hüten Sie sich davor, Dinge allzu ernst zu nehmen oder übertrieben fromm zu werden.


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