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Ausgabe Mai 2005
Die Kunst der Bewegung

In Kreuzberg wurde Anfang des Jahres ein neues Dojo eröffnet, ein Ort, an dem “der Weg praktiziert wird”. Was ist dieser Weg? Und was ist Kinomichi – die Kunst der Bewegung? Die Regisseurin und Drehbuchautorin Heidi Ramlow hat ein Interview mit dem Leiter

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Ich bin Regisseurin und hatte seit Jahren an einigen Schauspielern beobachtet, dass sie besonders wach und aufmerksam und voller Energie ihre Rollen ausfüllen. Immer wieder stieß ich bei diesen Schauspielern auf Erfahrungen mit Kinomichi. Sie füllten einen Raum einfach anders aus als Menschen, die nicht gelernt haben, sich zu öffnen und mit ihrer Energie effektiv umzugehen. Als ich vom neuen Dojo in Kreuzberg hörte, war ich sofort neugierig und vereinbarte eine kostenlose Probestunde bei Eberhard Kredel, der das Dojo in Kreuzberg leitet und seit 1987 akkreditierter Kinomichi-Lehrer des Centre International de Kinomichi, Methode Noro, ist.
Heidi Ramlow: Woher kommt Kinomichi?
Eberhard Kredel: Kinomichi kommt vom Aikido. Jedoch anders als bei der Kampfkunst wird aus dem Gegner ein Partner. Jegliche Aggression wird vermieden, sowohl gegenüber dem Partner als auch dem eigenen Körper.
Was heißt “Methode Noro”?
Kontakt mit Lebensenergie – Füllen mit Lebensenergie – Halten der Lebensenergie. Der Japaner Masamichi Noro hat 1979 in Paris das Kinomichi ins Leben gerufen. Dies kam innerhalb der Aikidowelt einer Revolution gleich. Die ersten deutschen Schüler, mich eingeschlossen, hatten Meister Noro bei seinen Lehrgängen in Frankreich noch als herausragenden Aikido-Lehrer erlebt.
Wieso hat sich Masamichi Noro vom Aikido entfernt?
1966 überlebte Masamichi Noro nur knapp einen Autounfall. Er litt jahrelang unter den Folgen. In dieser Zeit wurden ihm körperliche Mechanismen bewusst. Er begann eine in die Tiefe gehende Körperarbeit und erkannte die subtile Wirkung aktiver und passiver Dehnungen, den Respekt vor dem eigenen Körper und dem eines Partners. Er arbeitete verschiedene Formen eines sich langsam aufbauenden Kontakts mit dem Partner heraus und eine an westliche Maßstäbe orientierte Pädagogik.
Was sind die Unterschiede zum Aikido?
Ich gebe dir ein Beispiel: Beim Aikido wird vom Angreifen gesprochen. Sich selbst und den Angreifer beherrschen, wird in verschiedener Rollenverteilung geübt. Anders beim Kinomichi. Dort hast du keinen Angreifer, sondern einen Partner. Ziel ist die Selbstfindung, aber auch die Harmonie menschlicher Beziehungen zu verbessern, die Freude am Kontakt zu erleben, Einheit erfahrbar werden zu lassen.
Gibt es Prinzipien beim Kinomichi?
Ja und sie wurden klar von Meister Noro definiert. Er spricht von den “fünf S.”. Mit den ersten drei, dem Lächeln=Sourire, der Geschmeidigkeit=Souplesse und der Spirale werden Schüler gleich zu Beginn vertraut gemacht. Später werden Sexy und Spiritualität meist intuitiv verstanden. Die Methode Noro ist im gewissen Sinne das Erlernen möglicher Offenheit. Dabei dürfen eigene Grenzen nicht überschritten werden. Es geht weder um Leistung noch um das Erreichen eines Zieles. Die “Spirale” zeigt uns den Weg aus der Steifheit, Eckigkeit und Begrenztheit unseres Körpers.
Welche Wirkungen hat das Kinomichi?
Kinomichi fördert aufmerksamen Umgang mit sich selbst. Durch gezielte Übungen, allein oder mit Partner, wird der Körper gedehnt und gestreckt, harmonisiert und geöffnet für den Raum um sich herum. In jedem Menschen gibt es Widersprüche zwischen dem, was er tut und dem, was er denkt, sich wünscht und erreicht. Die Methode Noro kann den Konflikt mildern und so zu innerer Freude und Einheit beitragen.
Welche physischen Verbesserungen erwarten mich, wenn ich regelmäßig übe?
Das Kinomichi übt, den Weg der Energie zu erleben. Das Erleben des Energieflusses gilt als Schlüssel zu Gesundung und langem Leben. Regelmäßige Kinomichipraxis führt also zu einer Verbesserung unserer Gesundheit und unserer Gesamtkonstitution, sie löst Gelenkblockierungen auf und fördert dadurch die Geschmeidigkeit. Außerdem schläft man besser und die Funktionen der inneren Organe verbessern sich. Das Üben beeinflusst das Zentralnervensystem und das Herz-Kreislauf-System. Die fließenden, kreisförmigen Bewegungen unterstützen die Blutzirkulation und haben einen regulierenden Einfluss auf den Blutdruck. Außerdem harmonisieren sich motorische Fähigkeiten, Gleichgewicht und Geschicklichkeit. Auch psychische Störungen können günstig beeinflusst werden. Angst, Depressionen oder Apathie werden vermindert. Ganz allgemein baut Kinomichi Spannungen und Stress ab.
Wer kann Kinomichi trainieren?
Jeder, egal ob jung oder alt.
Auch ich mit 90 kg, Gleichgewichtsstörungen und Hüft- und Kreuzschmerzen?
Befreie dich durch Üben von den Störungen! Kinomichi benötigt keine besondere Kondition. Es wird keine Leistung verlangt. Jeder übt die verschiedenen Bewegungen zur eigenen Harmonisierung und Befreiung. Du wirst den behutsamen Umgang mit deinem Körper schon wieder lernen.



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