aktuelle Seite: ARCHIV   
Jahr:
2019 | 2018 | 2017 | 2016 | 2015 | 2014 | 2013 | 2012 | 2011 | 2010 | 2009 | 2008 | 2007 | 2006 | 2005 | 2004 | 2003 | 2002 | 2001 |

Ausgabe November 2004
Der Weg des Zentauren

Pettra Engelländer über die Kunst des Reiter-Bogenschießens.

art34702
Gut Seeburg, am Stadtrand von Berlin, am 21. August 2004. Heute findet der erste deutsche Wettbewerb im Reiter-Bogenschießen statt. Ich sitze auf meinem Pferd und warte darauf, dass der vorige Reiter das Ende der neunzig Meter langen Reitbahn erreicht. Ich sortiere die fünf Pfeile, die ich zusammen mit dem asiatischen Reiterbogen in der linken Hand halte. Mein Pferd steht still, in gespannter Erwartung. Er kennt seine Aufgabe, ich kann mich voll und ganz auf ihn verlassen. Mein Vorreiter hat die Bahn hinter sich gelassen, nun bin ich dran.

Wettkampf
Bevor mein Pferd und ich losreiten, gehen mir noch 1000 Sachen durch den Kopf. Doch sobald das Zeichen kommt loszugaloppieren, passiert alles unendlich langsam und rasend schnell zugleich. Das Pferd springt aus dem Stand in den vollen Galopp. Um gleichzeitig zu reiten und Bogen zu schießen, muss ich mich auf meine jahrelang geübten Reflexe verlassen, doch die Reflexe alleine reichen nicht aus. Wir passieren die Startlinie. Ich lasse die Zügel los und hebe den Bogen. Die Scheibe lasse ich nicht aus den Augen. Der Rhythmus des Pferdes trägt mich. Bogenschießen und Reiten zur gleichen Zeit, das geht nicht über den Intellekt, sondern nur über Rhythmusgefühl und Intuition. Ich löse den ersten Schuss. Die Scheibe ist ca. 30 Meter entfernt, eine Entfernung, die sehr schnell zusammenschrumpft. Der Gegenwind lässt den Pfeil vibrieren. Weit ziehe ich den Bogen aus und spüre, wie der offene Release nach hinten den Pfeil in Richtung Scheibe schickt. Es ist die ewige Jagd nach dem perfekten Moment, höchste Konzentration und spirituelle Aufmerksamkeit. Schon kommt der zweite Pfeil, wieder auf die erste Scheibe, die nur noch ca. 15 Meter entfernt ist. Die nächsten beiden Pfeile schieße ich auf die mittlere Scheibe, die nur neun Meter von der Bahn entfernt steht. Hier muss ich mich schon langsam auf dem Pferderücken nach hinten drehen, weil der letzte Schuss nach hinten über die Kruppe des Pferdes geht. Jetzt muss ich die letzte sichtbare Kontrolle über mein Pferd aufgeben, weil ich nicht in dieselbe Richtung schaue wie er. Wir reiten geradeaus weiter, doch meine Konzentration richtet sich auf die Scheibe hinter mir, die sich immer weiter entfernt. Der Blick bleibt auf die Scheibe gerichtet, die Augen ruhen auf dem Ziel, als würde der Blick sich durch die Scheibe hindurch weiter fortsetzen, auf einer Linie in die Unendlichkeit. Blind wird jeder Pfeil auf die Sehne gelegt. Geübt durch tausende von Wiederholungen findet die Hand sicher den Punkt. In einer gleichmäßigen Bewegung wird der Bogen auf Schulterhöhe gehoben, der Kopf ist gerade, die Schultern sind entspannt. Fließend leicht scheint sich der asiatische Reiterbogen zu spannen, als würde er einen Kreis um den Schützen ziehen. Die Mitte des Kreises ist die Hand, die vor der Körpermitte innehält. Sie hat den Bogen gezogen und ruht in der Balance von Spannung und Entspannung. Die Augen auf das Ziel gerichtet, horcht der Schütze nach innen, wartet auf den leisen Impuls, dass innere und äußere Wahrnehmung zusammengekommen sind. Dann löst sich der Pfeil aus der Hand.

Release
Der Release ist der Moment, in dem der Pfeil gelöst wird. In diesem wichtigen Augenblick treffen sich die Gefühle und die Gedanken und beeinflussen den Flug des Pfeiles. Wenn die Hand den Pfeil loslässt, schnellt sie in gerader Linie nach hinten. Der Pfeil fliegt und trifft die Scheibe. Mein Pferd stoppt am Ende der Wettkampfbahn. Wir haben die 90 Meter in 15 Sekunden zurückgelegt und fünf Pfeile geschossen, von denen vier getroffen haben. Oft wissen wir vorher, ob wir die Scheibe treffen werden oder nicht. Dieser Moment des Wissens liegt außerhalb von Vergangenheit und Zukunft. Es ist der Moment, nach dem jeder Schütze Ausschau hält und sucht. Ein Zustand der Selbstvergessenheit.

Asiatisch und europäisch
Diese asiatische Form des Bogenschießens unterscheidet sich sehr von der europäischen Technik. Beim westlichen Bogenschießen wird lange und bewusst gezielt. Die technischen Vorrichtungen an den modernen Sportbögen haben diese Sportart zur höchsten Perfektion getrieben. Der asiatische Bogen hat hingegen keine Hilfsmittel. Hier ist der Bogen der Meister und lehrt den Schützen, durch Achtsamkeit und Selbstreflexion sich selbst zu meistern.


Weitere Informationen werden im Archiv nicht angezeigt.