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Ausgabe September 2004
Simile als kosmisches Prinzip? - Das Ähnlichkeitsgesetz des Samuel Hahnemann.

Beitrag zu einer integralen Naturphilosophie von Jochen Kirchhoff

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“Similia similibus curentur” - “Ähnliches werde durch Ähnliches geheilt” lautet das Ähnlichkeitsgesetz der Homöopathie, abgekürzt “das Simile”, zugleich ein Name für die jeweils passende Arznei. Im “Organon” Hahnemanns, dem Grundlagenwerk der Homöopathie, steht: “Wähle, um sanft, schnell, gewiss und dauernd zu heilen, in jedem Krankheitsfalle eine Arznei, welche ein ähnliches Leiden für sich erregen kann, als sie heilen soll.” Dazu schreibt der Biologe und Naturphilosoph Herbert Fritsche in seinem wunderbaren Hahnemann-Buch von 1944: “Das ist das Herzstück des ‚Organon‘. Sämtliche übrigen Ausführungen verhalten sich dazu wie ein für die Praxis des Suchens, Findens und Handelns bestimmter Kommentar.”
Zwei Jahrhunderte mittlerweile haben die Gültigkeit des Ähnlichkeitsgesetzes unter Beweis gestellt. Dass Homöopathie wirkt und wirksam heilt, wenn sie richtig eingesetzt wird und die Arznei stimmt (auch “stimmt” im klanglichen Sinne, also die durch die Krankheit hervorgerufene “Verstimmung” auflöst), darf als bewiesen gelten. Und dabei sollte uns nicht bekümmern, dass naturgemäß, wie überall, auch hier munter dilettiert und partiell auch gepfuscht wird, dass manche sich des Rüstzeugs der Homöopathie bedienen, die besser daran täten, die Finger davon zu lassen. Das ändert nichts an der Genialität Hahnemanns und an der Effizienz und Universalität seiner Heilmethode.

Naturphilosophische Konsequenzen der Homöopathie
In meinem Buch “Räume, Dimensionen, Weltmodelle”, das die Homöopathie und ihre naturphilosophischen Konsequenzen in einem Exkurs streift, heißt es: “Die wirksame Arznei belegt zweifelsfrei, dass der Stoff nicht tot ist. Sie beweist, dass der Stoff, dass die ‚äußere Natur‘ im Kern dialogisch ist auch so erforscht werden sollte oder müsste, dass es möglich ist, die Kluft zwischen Drinnen und Draußen, zwischen Psyche und Stofflichkeit zu überbrücken. (...) Die sogenannte Kunstkrankheit durch das Arzneimittel, von der Hahnemann immer wieder sagt, sie sei stärker als die natürliche Krankheit (im Idealfall nur ein wenig stärker), wirkt zunächst einmal als ein Dissonanzmuster, das das zuvor bestehende Dissonanzmuster, eben die natürliche Krankheit, überlagert und unwirksam macht, d.h. verschwinden lässt. Schon das ist rätselhaft: Warum überlagert die Kunstkrankheit die natürliche Krankheit? (...) Die induzierte Kunstkrankheit - als eine bewusst herbeigeführte zweite Disharmonie - lässt, nach Abklingen der bekannten Erstverschlimmerung, die früheren Symptome verschwinden. Warum geschieht das? Niemand hat eine Antwort darauf. Auch Hahnemann wusste es nicht. Disharmonie plus Disharmonie, die der ersten Disharmonie ähnlich ist, ergibt Harmonie. Warum wird die Lebenskraft mit der natürlichen Krankheit nicht fertig, wohl aber mit der (ihr in den Symptomen ähnlichen) Kunstkrankheit? Wie geschieht der kathartische Umschwung, der die Verstimmung auflöst?” (S. 102)

Homöopathie - Kosmologie und Erkenntnistheorie
Mit dem Simileprinzip hat der große Arzt Samuel Hahnemann offenbar mehr entdeckt als nur eine Methode bzw. ein Prinzip der Heilung. Es gibt starke Indizien dafür, dass er einem grundlegenden, vielleicht gar kosmischen Prinzip auf die Spur kam. Wenn es sich so verhält, dann wäre dieses Seinsprinzip als kosmischer Ordnungsfaktor, aber auch als Erkenntnis- und Erklärungsprinzip zu begreifen. Dann wäre die Homöopathie angewandte Naturphilosophie, ja Kosmologie, und Erkenntnistheorie. Hahnemann war kein Philosoph. Wie sein Zeitgenosse Goethe hielt er sich an die Phänomene. “Man suche nur nichts hinter den Phänomenen, sie selbst sind die Lehre”, schreibt Goethe, dessen Farbenlehre (wie das Hahnemannsche “Organon” 1810 erschienen) zu der homöopathischen Phänomenologie verblüffende Parallelen aufweist. Diese sind bislang kaum gesehen, geschweige denn philosophisch fruchtbar gemacht worden, obwohl hier durchaus lohnendes Terrain liegt. Wenn der modische Begriff “ganzheitlich” irgendwo greift, dann hier. Wenn es eine integrale Naturphilosophie gibt, eine “andere Naturwissenschaft”, an der ich seit mehr als 25 Jahren arbeite, dann kann man hier fündig werden.

Neue Phänomenologie
Novalis, der romantische Dichter und Philosoph, spricht vom “Zauberstab der Analogie”; der Mensch, so sagt er, sei “eine Analogienquelle für das Weltall”. Damit wird ein Zugang zur Welt angedeutet, der auch das zu erkennende Objekt - die Welt, die Natur, den Kosmos - als lebendig begreift. Und das heißt auch: als gestalthaft. Analogie ist im Kern Gestaltähnlichkeit. “Nur was wir sind, können wir erkennen”, sagt der amerikanische Philosoph Emerson. Auch das hat mit dem Simileprinzip, mit der Analogie im Sinne des Novalis zu tun. Hahnemann lehnte metaphysische Spekulationen ab, er hielt sich an die empirisch gegebenen Phänomene, wie Goethe, wie jeder gute Phänomenologe. Das soll uns gleichwohl nicht hindern, der impliziten Naturphilosophie in der Homöopathie habhaft zu werden versuchen. Hier gibt es wirklich etwas zu entdecken oder zu entbergen. Hahnemann ging wie selbstverständlich von der integralen und weltverbundenen Qualität der menschlichen Existenz aus, ohne sie direkt zu reflektieren. Die mathematische Naturwissenschaft, die reduktionistisch und abstrakt vorgeht, hat hier viel verdeckt und ausgelöscht im herrschenden Bewusstsein. In ihr steckt mehr Projektion als Wirklichkeitserkenntnis, wie man ohne großen Scharfsinn ausmachen kann. Hahnemann - wie Goethe, wie Novalis, wie Schelling und andere - kann uns helfen, eine neue Grundorientierung zu gewinnen. Nicht neuer Dogmatismus ist angesagt, sondern eher so etwas wie neue Phänomenologie, eine Art kosmische Lichtung jenseits der kollektiven Dumpfheit.


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