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Ausgabe Juli 2004
Empfindsamkeit und Aufmerksamkeit

Ein Auszug aus Krishnamurtis „Briefe an die Schulen“

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Wir sind als Erzieher und Mensch in unser tägliches Leben zutiefst eingebunden. Zuerst sind wir Menschen und dann Erzieher: nicht andersherum. Das Leben des Lehrers, eines Menschen mit dem Beruf des Erziehers, spielt sich nicht allein im Klassenzimmer ab, sondern er ist auch in die gesamte äußere Welt wie in innere Kämpfe, Ambitionen und Beziehungen verwickelt. Er ist ebenso konditioniert wie der Schüler. Auch wenn ihre Konditionierung unterschiedlich ist, bleibt sie dennoch eine Konditionierung. Wenn Sie das als unvermeidlich hinnehmen und daran festhalten, dann konditionieren Sie andere weiterhin. Es gibt viele, die das akzeptieren und nur versuchen, ihre Grenzen zu verändern. Als Erzieher geht es Ihnen aber doch darum, ein anders geartetes Gemeinwesen zu schaffen: eine zukünftige Generation, die die Sinnlosigkeit von Kriegen und organisiertem Morden wahrnimmt; eine Generation, die sich um globale gegenseitige Beziehungen kümmert, ohne nationalistische Isolation; eine Generation, die wirklich an der Wahrheit interessiert ist. Sicherlich ist das die Aufgabe eines wirklichen Erziehers.

Das menschliche Bewusstsein ist konditioniert. Jeder aufmerksame Mensch würde diese Tatsache anerkennen, viele von uns sind sich dessen jedoch nicht bewusst, vielleicht nicht einmal der Erzieher. Sich der eigenen Konditionierung bewusst zu werden und herausfinden zu wollen, ob es möglich ist, sich aus ihren Begrenzungen zu befreien, ist eine der Aufgaben eines Lehrers. Daher müssen wir der Frage auf den Grund gehen, was es heißt, sich bewusst zu sein, sich zu konzentrieren, vollkommen aufmerksam zu sein. Es ist sehr wichtig, die Bedeutung all dessen zu verstehen.
Gewahrsein schließt Empfindsamkeit ein: empfindsam zu sein für die Natur, die Hügel, die Flüsse und die Bäume um uns herum; den armen Mann wahrzunehmen, der die Straße entlanggeht; seine Gefühle, seine Reaktionen, seine erschreckende und erniedrigende Armut empfinden zu können; den Mann, der neben Ihnen sitzt wahrzunehmen oder die Nervosität Ihres Freundes oder Ihrer Schwester. Diese Empfindsamkeit enthält kein Auswählen; sie kritisiert nicht. Es gibt kein bewertendes Urteil. Sie nehmen die Wolke wahr, die Sie nicht beeinflussen können. Entsteht diese Empfindsamkeit durch Zeit und Übung? Wenn Sie Denken und Einüben zulassen, so wird genau das die Empfindsamkeit abtöten. Lernen Sie, empfindsam zu beobachten: lernen Sie, was Empfindsamkeit beinhaltet; erobern Sie sie, statt sie zu entwickeln. Fragen Sie nicht, wie man sie erobert: erfassen Sie sie. Im Wahrnehmen allein sind Sie empfindsam. In der Empfindsamkeit gibt es keinen Widerstand. Empfindsamkeit ist unmittelbar und grenzenlos.
Konzentration ist der Prozess des Widerstandes. Jeder Lehrer weiß, was es bedeutet, sich zu konzentrieren. Der Lehrer ist damit beschäftigt, den Kopf mit dem Wissen der verschiedensten Fächern vollzustopfen, damit der Schüler die Prüfungen besteht und eine Arbeit findet. Auch der Schüler hat das vor. Der Lehrer und der Schüler bestärken sich gegenseitig in dieser Form des Widerstandes, die Konzentration darstellt. So bildet man die Fähigkeit aus zu widerstehen, etwas auszuschließen, und Schritt für Schritt isoliert man sich. Konzentration heißt, seine gesamte Energie auf die Tafel oder ein Buch zu richten und Ablenkung zu vermeiden. Schon das Wort Ablenkung verweist auf Konzentration. Eigentlich gibt es keine Ablenkung. Es gibt nur Widerstand, der Konzentration genannt wird, und jede Bewegung weg davon wird als Ablenkung betrachtet. Also ist darin Konflikt, Anstrengung und Widerstand enthalten. Dieser Widerstand führt unweigerlich zur Begrenzung des Gehirns, die unsere Konditionierung darstellt. Diesen ganzen Vorgang mit Empfindsamkeit wahrzunehmen bedeutet, sich auf eine andere Ebene zu begeben, das heißt aufmerksam zu sein.Was heißt es, aufmerksam zu sein? Wenn wir wirklich die Bedeutung der Empfindsamkeit, der Bewusstheit und die Grenzen der Konzentration erfasst haben – nicht nur intellektuell oder verbal, sondern was diese Zustände tatsächlich sind – dann können wir fragen, was es heißt, aufmerksam zu sein. Aufmerksamkeit schließt Sehen und Hören ein. Wir hören nicht allein mit unseren Ohren, sondern wir sind auch empfindsam für die Betonung, die Stimme, die Bedeutung der Worte und dafür, ohne uns einzumischen zuzuhören, einen Ton unmittelbar in seiner Tiefe zu erfassen. Laute spielen eine außergewöhnliche Rolle in unserem Leben: das Rollen des Donners, der Laut einer in der Ferne spielenden Flöte, der unhörbare Ton des Universums, der Klang der Stille, das Schlagen des eigenen Herzens; die Laute eines Vogels und das Geräusch eines Menschen, der einen Weg entlanggeht, der Wasserfall. Das Universum ist erfüllt von Klang. Dieser Klang hat seine eigene Stille; alles Lebende ist in diesem Klang der Stille enthalten. Aufmerksam sein heißt, diese Stille zu hören und sich mit ihr zu bewegen.
Sehen ist eine sehr komplexe Angelegenheit. Man sieht etwas beiläufig mit seinen Augen und schweift eilig darüber hinweg. Man sieht nie die Einzelheiten eines Blattes, seine Form und Struktur, seine Farben, die verschiedenen Grüntöne. Eine Wolke zu beobachten, mit all dem Licht der Welt darin, einem Bach zu folgen, der murmelnd den Hügel hinabfließt, seinen Freund mit einer Empfindsamkeit anzusehen, die keinen Widerstand enthält, und sich selbst zu sehen, wie man ist, ohne eine Spur von Ablehnung oder leichtfertiger Billigung, sich selbst als Teil des Ganzen zu sehen, die Unermesslichkeit des Universums zu sehen – das ist Beobachten: zu sehen ohne den Schatten seiner selbst.
Dieses Hören und dieses Sehen ist Aufmerksamkeit, und diese Aufmerksamkeit hat keine Grenzen, keinen Widerstand, daher ist sie grenzenlos. Aufmerksam zu sein, schließt diese unermessliche Energie ein: sie ist nicht an einem Punkt festgemacht. In dieser Aufmerksamkeit gibt es keine Wiederholung; sie ist nicht mechanisch. Es stellt sich nicht die Frage, wie man diese Aufmerksamkeit aufrechterhält, und wenn man die Kunst des Sehens und des Hörens gelernt hat, kann diese Aufmerksamkeit sich auch auf eine Buchseite, auf ein Wort richten. Hierbei gibt es keinen Widerstand, der Bestandteil der Konzentration ist. Unaufmerksamkeit kann nicht zu Aufmerksamkeit verfeinert werden. Sich der Unaufmerksamkeit bewusst zu sein, beendet sie. Es ist nicht so, dass sie aufmerksam wird. Das Enden hat keine Dauer. Die sich selbst verändernde Vergangenheit ist die Zukunft – ein Fortbestehen des Gewesenen – und wir finden nur im Fortbestehen Sicherheit, nicht im Enden. Daher hat die Aufmerksamkeit nicht die Form der Dauer. Alles, was fortbesteht, ist auch mechanisch. Das Werden ist mechanisch und enthält Zeit. Aufmerksamkeit enthält keine Zeit. All das ist eine unerhört komplizierte Angelegenheit. Man muss sich ganz behutsam und gründlich damit befassen.


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