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Ausgabe Mai 2003
Mit Musik ins Innere der Seele reisen

Imaginative Psychotherapie mit Musik nach Helen Bonny

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GIM – Guided Imagery and Music – wurde Anfang der 70er Jahre von der amerikanischen Musiktherapeutin Dr. Helen Bonny am Maryland Psychiatric Research Center entwickelt. Als ein Verfahren rezeptiver Musik-Psychotherapie wird es heute in verschiedenen Bereichen wie z.B. in Hospizen, in psychiatrischen und psychosomatischen Kliniken erfolgreich angewendet. Die Dipl. Musiktherapeutin und GIM-Therapeutin Edith M. Geiger berichtet aus der Praxis.
GIM ist eine Methode der Psychotherapie und Selbsterfahrung, welche die Ausdruckskraft der Musik mit dem persönlichen schöpferischen Prozess verbindet. Eine spezielle Auswahl klassischer Musik wird in einem entspannten Zustand gehört, um Zugang zu tieferen Schichten der menschlichen Psyche zu erhalten. Die Erlebnisse während des Musikhörens können vielfältig sein und sich in inneren Bildern, Gefühlen, Gedanken, Erinnerungen und körperlichen Empfindungen zeigen. Durch die Musik wird ein andauernder Dialog mit dem Unbewussten angeregt. Dieser Prozess wird vom Therapeuten begleitet, dessen Aufgabe darin besteht, die sich entfaltenden Erlebnisse zu fördern und zu ermutigen.

Aufbau einer Sitzung der Imaginativen Psychotherapie
Eine Sitzung Imaginative Psychotherapie mit Musik dauert 1-2 Stunden und gliedert sich in vier Phasen:
1. Vorgespräch
2. Induktion: Entspannung und Fokussierung
3. Musik-Imaginationsreise
4. Nachgespräch und Integration
Im Vorgespräch geht es darum, das Thema für die anstehende Sitzung zu klären, eventuell Wichtiges aus der letzten Therapiesitzung zu besprechen oder ein neues Thema zu eröffnen. Den Übergang zum Musikhören bildet die Induktion: An eine kurze Entspannungsübung schließt sich eine Fokussierung z.B. auf ein inneres Bild oder ein Körpergefühl zur mentalen Sammlung an. Die Musik-Imaginationsreise dauert 10-40 Minuten, in denen der Klient seine Wahrnehmungen berichtet und mit dem Therapeuten im verbalen Kontakt bleibt. Im Nachgespräch wird über das Erlebte gesprochen, wobei besonders Zusammenhänge zum Leben des Klienten hergestellt werden. Malen, Plastizieren oder Schreiben können die Integration des Erlebten für die jeweilige Lebenssituation erleichtern.

Fallbeispiel:
Frau M. bringt als Thema das Bild einer Elefantin, in deren Augen sie am Ende der letzten Musikreise blickte. Sie fühlt sich sehr von diesem Bild angezogen und möchte es weiter erkunden. Ich bitte Frau M., sich bequem auf die Matratze zu legen, die Augen zu schließen und die Schwere ihres Körpers auf der Matratze zu spüren. Dann bitte ich sie, das Bild der Elefantin vor ihrem inneren Auge auftauchen zu lassen und sie und die umgebende Atmosphäre wahrzunehmen.

Ausschnitt aus dem Therapieprotokoll:
Musik: R. Strauss: Ein Heldenleben, Tod des Helden
Pat: “... Ich stehe neben ihr, Wiedersehensfreude auch von ihr, sie schlingt zärtlich ihren Rüssel um mich, sie freut sich, sie trompetet ein bißchen.”
Th: “Wie klingt das?”
Pat.: “Wie in der Musik, sie hält mich mit dem Rüssel umschlungen, ich sitze dort hinter den Ohren.”
Th.: “Wie ist es, dort zu sitzen?” (Einladung zur Erkundung des Gefühls und der sinnlichen Wahrnehmung.)
Pat.: “Ich habe eine Decke dort oben, ich sitze ganz schön, wir setzen uns in Bewegung, es ist wie zu Hause sein.”
Th.: “Lassen Sie sich das spüren.” (Ermunterung zum Zulassen des Gefühls.)

Frau M. vertieft die innige Begegnung mit der Elefantin. Beim zweiten Musikstück taucht ein Einsamkeitsgefühl und Sehnsucht nach der Herde auf. Sie macht sich auf den Weg zur Herde. Während der nächsten Musik gibt es einige Hindernisse zu überwinden, bevor sie ihren Weg fortsetzen kann und schließlich die Elefantenherde erreicht, wo sie sich sehr wohl und zu Hause fühlt.
Nach der Musikreise malt Frau M. ein Bild mit den Elefantinnen. Sie hatte das Erlebnis der starken, trompetenden, wissenden Elefantin sehr genossen und erkennt nun darin einen selbstbewußssten, sich lustvoll äußernden Teil ihrer selbst, mit dem sie ihre Schreibblockaden (sie ist Schriftstellerin) überwinden kann.

Musik als Spiegel der Seele - Musik und Imagination
Die Musik vermag das rasche, bewegliche und mehrdeutige innere Leben von Bildern und Gefühlen zu symbolisieren und zu spiegeln. Sie schafft ein emotionales Erleben im Hier und Jetzt. Musik kann anregend oder beruhigend empfunden werden, sie wirkt sich auf Körper und Seele gleichermaßen aus. Darüber hinaus steht manche Musik in Verbindung mit dem Unaussprechlichen und der Frage nach dem Sinn und dem Urgrund unseres Seins. So kann sie auch Begegnungen mit den transpersonellen und spirituellen Dimensionen der Seele ermöglichen.
Während einer GIM-Sitzung kann die meist klassische Musik das Hindurchgehen durch eine schwierige, angstbesetzte oder schmerzvolle Erfahrung stützen oder zu nährenden Erlebnissen einladen. Im obigen Fallbeispiel stand die Bearbeitung eines psychodynamischen Konflikts im Vordergrund. Die Musik brachte die Imagination zur Entfaltung, dann stützte sie das Erlebnis und erlaubte durch Schwere, Langsamkeit und vollen Klang die ”Elefantenerfahrung”, die so wichtig für Frau M. war. Musik kann auch andere Ebenen der Imagination ansprechen, z.B. die perinatale, archetypische oder spirituelle Ebene. Da ist es möglich, dass jemand sich in einem ewigen Feuer wiederfindet, das läutert und reinigt, oder Tod und Wiedergeburt erlebt. Solche Erfahrungen führen immer zu einem veränderten In-der-Welt-Sein.


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