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Ausgabe Dezember 2009
KGS Traumkolumne von Klausbernd Vollmar - Himmlisches Ideal


Träume reflektieren bisweilen ironisch den Zeitgeist, der auch unser Unbewusstes prägt. Den witzigsten Traum bekam ich diesmal von einem Mann zugesandt, der sich im Himmel befand, wo er den Engelchen blaue Pariser verkaufen wollte.

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Wenn die Werbung das Großartige betont, Sloterdijk in der Philosophie das „Über“ wie in Nietzsches Übermenschen anspricht und der Buchmarkt vom Engelboom geprägt ist, so holt dieser Traum das Hohe auf die Normalität zurück. Die Engel werden entmythologisiert und somit menschlich betrachtet. Darin drückt sich ein emanzipiertes Bewusstsein aus, denn unsere ersten Erfahrungen sind von unseren Eltern geprägt, zu denen wir aufschauen wie in den Himmel. „Warum sind denn die Pariser blau?“, hätte C.G. Jung gefragt. Das erinnert mich an die mittelalterliche Auffassung, dass die Engel blau seien, weswegen man sie im blauen Himmel nicht sieht. Blau ist die Farbe des Gefühls. Damit drückt der blaue Pariser das kontrollierte Gefühl aus. Und dass jenen Engeln Verhütungsmittel verkauft werden, sagt es doch deutlich: „Bloß nicht noch mehr Engel!“ und damit auch: „Bloß nicht noch mehr Übermenschliches und Hohes!“ Das Leben spielt sich auf der menschlichen Ebene ab. Der Flirt mit dem Übermenschlichen, den der Faschismus liebte, ist eine Flucht, die vorzüglich in Krisenzeiten geübt wird. In diesem Sinn ist dieser Traum zu verstehen, der den Träumer vor einem Fliehen in die „höheren Welten“ warnt. Nietzsche widmete seine Schrift „Menschliches, Allzumenschliches“ dem französischen Aufklärer Voltaire, der ironisch religiöse Vorstellungen anprangerte, um seine Leser zu einem vernünftigen Leben zu bewegen. Seine These, die auch diesem Träumer zu empfehlen ist, lautet: „Vernunft hilft“. Der Traum warnt vor dem irrationalen Gefühlsüberschwang, den jeder Mann in erotischen Situationen zu leicht verfällt. Angesichts der erreichbaren Frau wird er kopflos, da er sich hinreißen lässt, sie idealisierend als „mein Engel“ zu bezeichnen. Auf die Idealisierung folgt die Dämonisierung, wie man von der Geschichte lernt: Im Mittelalter wurde die Frau zum himmlischen Wesen idealisiert, um dann der Dialektik folgend in der Aufklärung als Hexe verbrannt zu werden. Sigmund Freud machte als erster darauf aufmerksam, dass sich hinter jeder Idealisierung eine Aggression verbirgt.


Synchronizität

Der Traum wurde geträumt, als Claude Lévi-Strauss starb. Dieser einflussreiche Ethnologe und Philosoph öffnete uns die Augen für die Macht der Strukturen. Die Überhöhung ist gerade in Zeiten der Krise eine dominante Struktur, die sich von der Werbung bis hinein in unsere Psyche ausweitet. Die von Bewertungen gereinigte Erkenntnis der Strukturen befreit uns von deren Übermacht, wie es das Werk von Lévi-Strauss dokumentiert.

Klausbernd Vollmar, Dipl.Psych., wird auch weiterhin an dieser Stelle im KGS Berlin Magazin auf Träume unserer Leser eingehen. Wünschen Sie Hinweise zum Verständnis Ihrer Träume, schicken Sie Ihren Traum an mail@kbvollmar.de, Stichwort: KGS Traumkolumne, alles natürlich anonym und kostenlos.


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