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Ausgabe Dezember 2009
"Regen beten" aus dem bemerkenswerten Buch
„Verlorene Geheimnisse des Betens“
von Gregg Braden


Beten ist ein kraftvoller Akt. Wie wichtig die innere Haltung dabei ist, enthüllt dieser kleine Auszug aus dem bemerkenswerten Buch von Gregg Braden „Verlorene Geheimnisse des Betens“, den wir mit freundlicher Genehmigung des Verlages abdrucken.

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Es war während einer extremen Dürreperiode im Wüstenhochland des nördlichen New Mexico, als mich mein indianischer Freund David zu einem uralten Steinkreis mitnahm, um „Regen zu beten“. Nach einem mehrstündigen Marsch gelangten wir an einen Ort mit einem Kreis aus Steinen, die in perfekten geometrischen Linien und Pfeilen angeordnet waren. „Dieser Steinkreis ist ein Medizinrad, das hier existiert, seit sich mein Volk erinnern kann,“, erklärte mir David. „Das Rad selbst besitzt keine Kraft. Es dient als Ort der Sammlung für denjenigen, der das Gebet praktiziert. Du kannst es dir als eine Straßenkarte vorstellen - eine Karte zwischen den Menschen und den Kräften dieser Welt.

Heute werde ich einen alten Weg beschreiten, der zu anderen Welten führt. Von diesen Welten aus werde ich das tun, wozu wir hierher gekommen sind. Heute beten wir Regen.“
Ich beobachtete genau, wie David seine Schuhe auszog, seine nackten Füße vorsichtig in den Kreis stellte und zunächst die vier Himmelsrichtungen und all seine Vorfahren ehrte. Langsam faltete er seine Hände in einer betenden Geste vor seinem Gesicht, schloss die Augen und verharrte völlig regungslos. Trotz der Mittagshitze in der Wüste verlangsamte sich sein Atem und war kaum noch wahrnehmbar. Nach nur wenigen Augenblicken nahm er einen tiefen Atemzug, öffnete die Augen, um mich anzusehen und sagte: „Lass uns gehen. Unsere Arbeit hier ist getan.“ Ich hatte erwartet, einen Tanz zu sehen, ihn zumindest aber ein wenig chanten zu hören und war überrascht, wie schnell sein Gebet angefangen und geendet hatte. „Was, jetzt schon. Ich dachte, du würdest für Regen beten.“

Davids Antwort wurde zur Schlüsselaussage, die so vielen Menschen helfen sollte, diese Art des Betens zu verstehen. Als er sich auf den Boden setzte, um sich die Schuhe zu binden, sah er zu mir auf und lächelte. „Nein. Ich sagte, ich würde Regen beten. Wenn ich für Regen gebeten hätte, könnte mein Gebet nie in Erfüllung gehen. Wenn wir darum bitten, dass etwas geschehen soll, geben wir den Dingen Macht, an denen es uns mangelt. Gebete für die Heilung stärken die Krankheit, Gebete für den Regen die Dürre. Indem wir ständig um das bitten, was wir haben möchten, geben wir ausschließlich den Dingen, die wir ursprünglich ändern wollten, mehr Macht.“ Ich sah David an und fragte: „Wenn du nicht für Regen gebetet hast, was hast du dann getan?“ „Das ist ganz einfach. Ich begann zu fühlen, wie sich Regen anfühlt. Ich habe das Gefühl von Regen auf meinem Körper wahrgenommen und wie es sich anfühlt, mit nachten Füßen im Schlamm unseres Dorfplatzes zu stehen, weil es so stark geregnet hat. Ich sog den Geruch von Regen auf den irdenen Hauswänden unseres Dorfes ein und erlebte das Gefühl, durch Felder zu gehen, wo mir der Mais aufgrund des vielen Regens bis zur Brust reichte.“ Er beschrieb, wie Gefühle von tiefer Dankbarkeit dieses Gebet vollenden, so wie das „Amen“ das christliche Gebet. David hob außerdem hervor, dass er nicht dafür dankt, was er erschaffen hat, sondern große Dankbarkeit empfindet für die Möglichkeit, am Schöpfungsprozess beteiligt zu sein. „Durch unseren Dank ehren wir alle Möglichkeiten und bringen gleichzeitig das Erwünschte in die Welt.“

Gregg Braden: Verlorene Geheimnisse des Betens, EchnAton Verlag, Taufkirchen, 2008, 180 Seiten, 14,95 Euro


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