aktuelle Seite: ARCHIV   
Jahr:
2019 | 2018 | 2017 | 2016 | 2015 | 2014 | 2013 | 2012 | 2011 | 2010 | 2009 | 2008 | 2007 | 2006 | 2005 | 2004 | 2003 | 2002 | 2001 |

Ausgabe Dezember 2009
Meditation und Kontemplation
Vom Sinn und Unsinn spiritueller Praxis
von Christian Salvesen


Kontemplation ist eine Betrachtung über etwas, Meditation eher eine Versenkung in die Stille und Leere. Beide werden traditionell als Wege zur Erleuchtung bzw. Gottesverwirklichung angeboten.
Als ich vor 30 Jahren zu meditieren begann, war ich lange überz

art291216
Die Entwicklung

Erst vor wenigen Jahrzehnten wurde in den USA und Westeuropa Selbstverwirklichung zum Thema. Spirituelle Lehrer aus Indien, Tibet und Japan lehrten Wege und Methoden zur Erleuchtung - aus ihrer Tradition. Sie wurden bald auch kombiniert mit westlichen therapeutischen Ansätzen zur Auflösung von Blockaden und Durchleuchtung von unbewussten Schatten. Dazu kamen dann noch diverse schamanische Heilrituale. Zwar beteiligte sich nur ein Bruchteil der Bevölkerung am Selbstfindungstrip, doch die spirituellen Sucher hatten sich bereits in hunderte von Splittergruppen aufgeteilt. Sollte man für sich sein oder in einer Gemeinschaft? In Keuschheit und Abstinenz leben oder jeden Moment in vollen Zügen – natürlich ganz bewusst – leben? War Chakraarbeit angesagt, Entleerung des Geistes oder die Botschaft Aufgestiegener Meister? Und: Wie lange musste man da überhaupt durchhalten, um endlich erleuchtet zu sein?
Seit den 90er Jahren verbreitete sich eine neue Sicht, maßgeblich angeregt durch den indischen Guru Poonja, der sich wiederum auf seinen Lehrer Ramana Maharshi berief: „Du bist bereits frei – Es gibt nichts zu üben!“ Bis heute läuft diese Welle unter dem Begriff „Satsang“ oder „Advaita“, wo die Sucher nun fragen: „Wenn ich schon frei bin, wieso merk ich das nicht?“ Das ist in der Tat ein eigenartiger Widerspruch, und meist antwortet der Lehrer dann in etwa so, wie unzählige Lehrer aus allen möglichen spirituellen Traditionen vor ihm geantwortet haben: „Da sind noch ein paar Schleier, einige Vorstellungen, die du durchschauen musst. Bleib einfach still, im Moment, beobachte, wehr dich nicht gegen unangenehme Empfindungen und Gedanken…“. Einige wenige sagen aber auch nur: „Es gibt nichts zu merken.“



Eine Bestandsaufnahme

Während die kleine Gruppe von „Sei der du bist!“- Schülern sich im Nichtstun übt, strebt die größere Schar der Sucher weiterhin durch bereits bekannte Disziplinen zum Goldenen Ring des spirituellen Erwachens. Eine inzwischen beachtliche Zahl, fast schon Mainstream, praktiziert indessen Meditation schlicht zur Entspannung, als Gesundheitsvorsorge oder um bei der Arbeit effektiver und konzentrierter zu sein. Wir kennen das Bild des meditierenden Managers und der Schönheitsqueen in diversen Variationen der Konsumwerbung. Meditation führt zum Erfolg!
Heutige Hirnforscher, Psychologen, Soziologen haben bereits in etlichen wissenschaftlichen Studien nachgewiesen, wie positiv sich regelmäßiges Meditieren auf das Gehirn, den ganzen Körper und das soziale Umfeld auswirkt. Ganz abgesehen von der Antistresswirkung und besserer Konzentration werden auch Gehirnzentren aktiviert, die mit engagiertem Mitgefühl zu tun haben.
Ob stilles Sitzen oder Taijichuan, ob Mantrasingen, Visualisieren oder Tonglen (tibetische Übung des Mitgefühls), alles hat ganz praktisch in der eigenen Erfahrung eine überwiegend gute Wirkung – nun sogar auch wissenschaftlich belegt. Wir verstehen uns besser mit unseren Mitmenschen, fühlen uns lebendiger, klarer, gesünder, und überhaupt…
Vielleicht sollte man es damit bewenden lassen! Aber ist es das, was der ewige Sucher will? Nein, er strebt nach einem vollendeten, unwandelbaren Zustand der Freiheit und Einheit, der Wonne und Weisheit. So versteht er Erleuchtung. Buddhas Nirvana bedeutet aber wörtlich ganz schlicht: verlöschende Flamme. Das darf man sich mal in Ruhe vorstellen: Die wahre unendliche Erfüllung meint ganz echt, ich verschwinde wie das flackernde Licht einer Kerze! Ich werde dieses Erwachen nie erleben.



Nicht-Dualität

Buddha ist wohl der zu recht bekannteste Meditationslehrer aller Zeiten. Seine Botschaft kann auf die einfache Formel gebracht werden: Suche nach einem Ich und du wirst es nicht finden! Leiden, Getrenntheit entsteht aus dem eingebildeten Ich. Die buddhistische Auffassung von „Erwachen“ beherrscht heute im Westen die meisten ernsthaft Suchenden, was in sich ein verrücktes Paradox ist. Denn wie könnte ein illusionäres Ich sich selbst beseitigen?
Die sogenannten „Wege nach innen“ - wie Meditation und Kontemplation - können zwar durchaus vorübergehend Zustände von Stille, Zentriertheit, Gewahrsein oder Glück bewirken, doch nicht die endgültige Verwirklichung bzw. die Aufhebung von Getrenntsein und Dualität. So ist mein Verständnis heute, angeregt durch Menschen wie Karl Renz und Tony Parsons, die auf je eigene Art das durch sich sprechen und sich zeigen lassen, was sich eben nicht greifen lässt und doch deutlich präsent ist, jenseits aller Konzepte von Ich, Zeit und Raum. In diesem nicht-dualen „Raum“ macht buchstäblich nichts mehr Sinn: Was soll das sein - ein spiritueller Weg? Wer ist da, der von hier nach dort will? Alles, was wir denken und kommunizieren, basiert auf der Vorstellung: ‚Hier bin ich - da ist die Welt!’. Wir bewegen uns - im Körper und in Gedanken - ständig von hier nach dort. Sollten wir dann nicht durch Meditation eine gewisse Entschleunigung erzielen? Durchaus! Es verschafft Erleichterung, Stresslösung und vieles mehr. Doch das Prinzip von A nach B bleibt, denn ich - die Person - bin immer noch da, und ich will vorwärts!



Affirmation und Kontemplation

Und so fühle auch ich, der dies hier zu schreiben glaubt, eine Art Drang des ‚Immer-Weiter’. Über die Ziele bin ich mir aber schon länger unsicher. Es scheint mir immer öfter, dass dieses ‚Weiter’ ein völlig natürlicher Drang ist, der aus dem Leben selbst kommt und gar nicht erst durch ein vom Kopf vorgegebenes Ziel eingeschränkt werden sollte.
Und in diesem Sinne verstehe ich Selbsterforschung. Das ist ein Drang, dem diese Person hier gehorcht und den sie zunehmend mag, ja bewundert: Als ein Impuls zur Kreativität, als Liebe zum Leben…Ich möchte dieses Leben, das ‚Ich bin’, so intensiv und bewusst erleben wie möglich! Ich möchte erkennen, wissen und mitteilen! Ich weiß zugleich, dass dieser Moment, jetzt, und alles, was wahrzunehmen ist (Sicht, Geräusche, Empfindungen etc.) alles ist, was ist. Es gibt nur Bewusstsein, hier und jetzt!
Das klingt soweit nach Bekenntnis. Oder ist es Affirmation? So ein Spruch auf der Wand kann doch bestimmt helfen! Es ist beides zugleich. Eine Kontemplation unterscheidet sich davon durch die fragende Einstellung. Alle Sätze können mit einem Fragezeichen versehen werden: Möchte ich dieses Leben…? Was bedeutet es mir? Wie stehe ich zum Tod? Könnte ich akzeptieren, in einer Stunde zu sterben?
Kontemplation ist eine Betrachtung über etwas, Meditation eher eine Versenkung in die Stille und Leere. Beide werden traditionell als Wege zur Erleuchtung bzw. Gottesverwirklichung angeboten. Ich sehe ihren Wert eher auf der relativen Ebene, ganz weltlich und praktisch. Der forschende, philosophische Typ sucht sich vielleicht eher die Kontemplation, um Selbsterforschung zu betreiben. Der emotionale Typ mag die stille Meditation vorziehen, wo er sich entspannen kann.
Wenn ein spiritueller Lehrer behauptet, er sei durch Meditation oder irgendeine andere Methode „erwacht“ und ohne Ich, dann bin ich skeptisch. Erzählt mir dann aber jemand, er genieße einfach das stille Dasitzen, er fühle sich danach meist enorm entspannt, frisch und tatkräftig, dann freue ich mich mit ihm.

Christian Salvesen, geboren 1951, ist Autor zahlreicher Bücher, Journalist und Redakteur der Zeitschrift Visionen.

Buchtipp: Christian Salvesen, Advaita. Vom Glück mit sich und der Welt eins zu sein. 332 S. HC, O. W. Barth, € 19.95


Weitere Informationen werden im Archiv nicht angezeigt.