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Ausgabe Dezember 2009
Achtsamkeit trainieren
Wie wir mit Stress, Angst, dem Gefühl von Unglücklichsein umgehen können
von Lothar Schwalm (Achtsamkeitstrainer)


Es gibt zwei Arten, wie wir mit Stress, Angst oder dem Gefühl von Unglücklichsein umgehen können.

Normalerweise bewerten wir jede Erfahrung, die wir machen. Wenn sie angenehm ist, bewerten wir sie als gut und bilden das Ziel, diese angenehme Erfahrung zu

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Wenn wir so auf die Gegenwart reagieren, sind wir im „Tun-Modus“. In diesem Modus verfolgen wir Ziele und suchen nach Lösungen. Dieser Modus ermöglicht uns, eine Einkaufsliste zu machen oder das Auto vollzutanken, bevor es stehenbleibt. Diesen Modus beherrschen wir Menschen meisterhaft. Kein Lebewesen hat in so kurzer Zeit die Erde schneller verändert als wir, weil wir Ziele effektiv verfolgen.
Da wir mit diesem Modus so erfolgreich sind, glauben wir, wir könnten ihn auf alles anwenden, auch auf unsere innere Welt, unsere Emotionen und Gedanken – vor allem, wenn diese unangenehm sind. Wenn wir uns z.B. unruhig, ängstlich oder unglücklich fühlen oder Schmerzen erleben, versuchen wir, unsere Gefühle zu verändern oder sie loszuwerden. Das ist nur menschlich und verständlich. Wir wollen natürlich lieber ruhig, selbstsicher und glücklich sein. Haben wir uns diese Ziele erst einmal in den Kopf gesetzt, konzentrieren sich unsere Gedanken darauf, wie wir sie erreichen.


Leider funktioniert unsere innere Welt nicht wie die äußere. Unsere Gedanken können uns zu keiner Tankstelle führen, wo wir Selbstsicherheit und Angstfreiheit tanken können, und sie können den Weg nicht finden zu dem Supermarkt, wo Glück und Wohlbefinden in den Regalen steht. Da es uns nicht gelingt, strengen wir uns noch mehr an und das Ziel erscheint noch ferner, die Lücke wird größer statt kleiner. Das ist frustrierend, daher schleicht sich früher oder später auch noch das Gefühl des Versagens ein. Oft vergleichen wir uns dann mit anderen und bilden uns ein, dass nur wir unser Ziel nicht erreichen und alle anderen glücklicher sind. Auch dieses Vergleichen vergrößert noch die Lücke zwischen unserem Ist-Zustand und unserem Ziel.
Als ob das noch nicht genug wäre: Je mehr wir versuchen, mit Hilfe unserer Gedanken unsere inneren Erfahrungen zu optimieren, desto mehr verlieren wir den Kontakt zu unserer Realität und Lebendigkeit. Innere Erfahrungen sind sehr flüchtige, instabile Gebilde, wenn man genauer hinsieht. Emotionen und auch körperliche Zustände verändern ständig ihre Qualität und Intensität, sie kommen und gehen eher im Sekunden- und Minutentakt als in Stunden- oder Tagesrhythmen. Solange unsere Gedanken damit beschäftigt sind, Strategien zu finden, um z.B. glücklicher zu sein, bemerken wir gar nicht, dass unser Gefühl von Unglück, das die Gedanken ausgelöst hat, vielleicht schon längst verschwunden ist in der Zwischenzeit. Der Auslöser ist weg, die Lücke aber bleibt. Es ist, als suchten wir verzweifelt nach einer Tankstelle für ein Auto, das gar nicht mehr existiert. Versunken in unseren grüblerischen Gedanken verlieren wir Kontakt zu unserer gegenwärtigen Situation. Und wir nehmen unsere Körpergefühle und Sinneseindrücke nur noch verschwommen im Hintergrund wahr. Große Teile unserer Lebendigkeit fristen nur noch Nebenrollen auf der Bühne unseres Bewusstseins, die Hauptrollen sind besetzt von unseren grüblerischen Gedanken und Emotionen, auf die wir fixiert sind.
Wenn der Tun-Modus nicht zu dem gewünschten Ziel führt, was dann? Es gibt eine Alternative: das systematische Training von Achtsamkeit. Achtsamkeit ist das absichtliche und nicht-wertende Wahrnehmen der inneren Erfahrung von Moment zu Moment. Angenehmes darf angenehm sein und Unangenehmes unangenehm. Achtsamkeit formuliert keine Ziele. Und wo es kein Ziel gibt, gibt es keine Lücke zwischen Ist- und Soll-Zustand, die wir durch Denken beseitigen müssten. Kein Ziel bedeutet: Es gibt nichts zu tun, nichts zu verändern, zu verbessern, zu therapieren oder zu reparieren. Es ist, wie es ist. In den Momenten der Achtsamkeit sind wir im Sein-Modus. Der Gedankenprozess ist nicht zwanghaft fokussiert auf Bewertungen, Vergleiche und Handlungsstrategien, sondern kann endlich, wenn auch anfangs vielleicht nur für kurze Momente, zur Ruhe kommen. Befreit von dem Zwang, Probleme lösen zu müssen, können wir den Fokus der Aufmerksamkeit auf die ganze Fülle der Erfahrungen, auf alle Teile unserer Lebendigkeit ausdehnen: Das Sehen, Hören, Riechen, Schmecken, Empfinden und, ja, auch das Denken und Fühlen. Unsere Gedanken und Emotionen gehören selbstverständlich auch zu unserer Lebendigkeit. Aber sie sind nicht länger die beherrschenden und oft tyrannisierenden Elemente. Wir können sie einsetzen, um günstige Bedingungen für die Zukunft zu schaffen, aber wir hören auf, mit unseren Gedanken die Gegenwart ändern zu wollen.


Durch Achtsamkeitstraining erkennen wir, dass der größte Teil unseres Stresses und Unglücklichseins dadurch entsteht, dass wir eben diese Zustände versuchen zu verhindern. Diese Perspektive erscheint oft so fremd und ungewöhnlich, dass viele Menschen von vorneherein entweder glauben, sie könnten nicht meditieren, weil sie so viel denken, oder sie befürchten, Achtsamkeitsmeditation würde dazu führen, dass sie handlungsunfähig oder gleichgültig würden. Das Missverständnis liegt darin, dass sie glauben, der Sein-Modus würde den Tun-Modus ausschließen. Das Sein ist aber vielmehr ein Zustand, der das Tun mit einschließt, wenn es angemessen ist. Achtsamkeit führt nicht zu Handlungsunfähigkeit, sondern im Gegenteil zu einem größerem Spektrum von Handlungsmöglichkeiten.
Wenn Sie Achtsamkeit trainieren, dann kehren Sie zurück in die Gegenwart. In der Gegenwart gibt es kein Ziel, von dem Sie getrennt sind, keine Lücke, die Sie überwinden müssen. Kein Ziel – kein Problem. Sie sind da, wo Sie eigentlich immer sind: zu Hause. Und Sie können jetzt sofort damit beginnen: Spüren Sie Ihren Körper, wie er jetzt sitzt oder steht, seien Sie sich bewusst, dass Sie gerade diesen Text lesen. Bemerken Sie, dass Sie leben?

Lothar Schwalm ist Heilpraktiker und MBSR- und MBCT-Achtsamkeitstrainer. Er hat seine Wurzeln in der buddhistischen Vipassanameditation und bietet 8-wöchige Achtsamkeitstrainings in Neukölln, Friedrichshain und Potsdam an.


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