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Ausgabe Dezember 2009
Heimkehr zur Null
Warum Meditation und das Spiel des Narren uns gut tun
von Wolf Schneider


Die Entdeckung der Beobachtung meines Atems, vor 33 Jahren auf einer Weltreise, die mich auch nach Thailand geführt hatte, war für mich ein Durchbruch: In einem Vipassana-Kloster nahe der kambodschanischen Grenze erfuhr ich während eines Zwei-Wochen-Retre

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Der Reset
Anker in der Stille? Wie das? Ich spüre die Wirkung bei mir und bei den anderen, das könnte eigentlich schon genug sein. Aber ich habe auch eine Erklärung, warum das so ist. Ich meine, dass wir Menschen ab und zu einen Reset brauchen, einen Neustart. So wie ein Computer, bei dem der Cursor auf dem Bildschirm sich plötzlich nicht mehr bewegt, wie sehr man die Maus auch bemühen mag. Es geht einfach nichts mehr. Das Betriebssystem ist abgestürzt, man braucht einen Neustart. Besser noch, man wartet als Mensch einen Absturz des eigenen seelischen Systems gar nicht erst ab, sondern macht täglich einen solchen Neustart zum Beispiel bei einer Morgenmeditation.


Wir sind ja ständig in Gedanken oder sonstwie zerstreut. Gedanken, Gefühle, Empfindungen und Impulse (äußere wie innere) in uns, fast nie sind wir innerlich still. Der Lärm der von außen oder innen kommenden Impulse ist groß, bei unserem heutigen städtischen oder internet-verbundenen Leben mehr denn je. Wer dabei nicht depressiv werden oder ausbrennen will (burn-out), muss ab und zu das eigene System auf Null herrunterfahren. Abschalten ist ein beliebtes Wort dafür, aber das ist mir ein bisschen zu nahe am Abschotten. Meditation ist kein Abschotten, sondern eher ein erdendes Runterfahren auf Null. Idealerweise ist mein Leben auch außerhalb einer solchen täglichen Heimkehr zur Null ein engagiertes, verpflichtetes, verbindliches Leben im Bewusstsein der Beheimatung in der Null der Freiheit.


Die Null
Die Null ist überhaupt etwas sehr Feines. In Arabien und Indien wurde sie viel früher benutzt als in Europa, wo sie der christlichen Kirche suspekt war. Ein Zeichen für das Nichts? Das konnte nur ein Landeplatz für den Teufel sein. Die buddhistischen Kulturen Asiens taten sich leichter, die Null zu akzeptieren; für sie war die Essenz der zeitlosen Weisheit spätestens seit dem zweiten Jahrhundert die Leere, also das Nichts - was die Mathematiker dann mit »der Zahl« Null einführten - gezeichnet als ein Kreis (oder eine Elypse) um eine leere Mitte. Was auf dem Abacus der alten Chinesen noch eine leere Stelle war, also nur die Abwesenheit von etwas, war für die indisch-islamische Welt des Mittelalters dann sogar etwas, womit man rechnen konnte und womit sich ganz neue Welten erschlossen: zum Beispiel die negativen Zahlen. In Europa begann man erst seit dem 17. Jahrhundert allgemein mit der Null zu rechnen, und wenn wir heute etwa bei der Temperatur von Minusgraden sprechen oder einen Kilometerzähler auf Null zurückstellen, ist das für uns ganz normal.


Der Narr
Im Bereich der Spielkarten, die aus dem spätmittelalterlichen Tarot stammen und vermutlich orientalischen Ursprungs sind, ist die Null aber noch immer etwas sehr Ungewöhnliches. Sie stellt dort den Narren oder Joker dar, die Figur, der keine bestimmte Rolle zugewiesen ist (wie Bube, Dame, König, As oder die Karten mit Zahlen). Er ist frei, jede der anderen Figuren einzunehmen und ist deshalb im Spiel die höchste Karte. Im normalen sozialen Leben aber war der Narr eher ganz unten: Jahrhundertelang wurden die Schauspieler und Gaukler verachtet. Von den Zuschauern der Spiele geliebt, aber von der seriösen Gesellschaft verachtet. Sie galten nicht als ehrenhafte Menschen, denn man war sich ihrer nicht sicher, sie konnten ja jederzeit die Rolle wechseln. Als mit Roland Reagan 1981 ein Schauspieler das mächtigste politische Amt der Welt einnahm, war damit die lange Zeit der Verachtung der menschlichen Fähigkeit zum Rollenwechsel zu einem Ende gelangt. »Charakterlos« zu sein, ein »Chamäleon«, ist zwar immer noch ein Schimpfwort, aber die Fähigkeit, sich selbst zu verändern, auch den eigenen Charakter, die eigene Rolle im sozialen Leben, wird heutzutage überwiegend hoch gepriesen.


Stirb und werde!
Goethe hat das in seinem Gedicht »Selige Sehnsucht« (im West-östlichen Diwan) so formuliert:
Und so lang du das nicht hast, Dieses: Stirb und Werde!Bist du nur ein trüber Gast Auf der dunklen Erde.
Das Sterbenkönnen und dabei ein anderer werden, das Wachsen und Reifen ist für uns Menschen wesentlich, sonst sind wir nur trübe Gäste auf dieser Erde, Sturköpfe, die sich der Entwicklung versagen. Diese allerdings verlangt Mut:
Das Lebend‘ge will ich preisen, Das nach Flammentod sich sehnet.
lautet eine andere Zeile dieses Gedichts, in dem Goethe den Schmetterling preist, der sich in die Kerzenflamme stürzt. Das Werden setzt eine Sehnsucht nach Erneuerung voraus, die dann eben auch ein Tod des Alten ist, ein Verbrennen im Feuer der Transformation.
Die Verankerung in der Null, die Meditation uns bietet, ist das einzige, was uns diesen Flammentod bei Sinnen überstehen lässt. Wir wollen ja nicht den Körper opfern. Der Drang nach Veränderung soll nicht im Selbstmord enden oder in einem Unfalltod, den eine starke Sehnsucht nach Veränderung durchaus provozieren kann, sondern in der seelischen Transformation, die in einem heilen Körper stattfindet. Das ist nur möglich in einem Körper, der mit der Null, dem Nichts, der Stille, dem Niemandsein vertraut ist. Genau das ist das Ziel der Meditation: die tägliche Übung des Eintauchens in diese Stille, diese Freiheit von Identität,


Humor
Mir hat Meditation geholfen, Scheitern aller Art zu ertragen: Trennungen von geliebten Menschen, von Besitz, Geld, Erfolg. Auch Strecken von Krankheit und Schmerz. Das Älterwerden. Die Ablehnung meiner Werte und dessen, wofür ich stehe, durch andere Menschen.
Ich weiß nur noch eines, das im Wert für mich der Bedeutung von Meditation nahe kommt: Humor. Die Fähigkeit über mich selbst zu lachen. Humor empfinde ich als ein Lösungsmittel. Schon ein paar Tropfen, geträufelt auf den Klebstoff, der mich an meiner jeweils aktuellen Identität haften lässt, können Wunder wirken: Plötzlich löst sich etwas und ich bin wieder frei! Frei, mich neu identifizieren, neu engagieren zu können. Frei für den Zauber eines neuen Anfangs.



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