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Ausgabe Oktober 2009
Liebe ins Leben bringen

Wie Familienstellen unsere Beziehungsleben verändert – von Dr. Renate Wirth

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In Deutschland gibt es rund 16,5 Millionen Menschen die alleinstehend, also ohne Lebenspartner und Kinder sind. Über eine Millionen leben davon in Berlin. Die meisten sind ungewollt allein, weil ihre Beziehungen immer wieder scheitern. Auch für die bundesweit rund zwei Millionen Alleinerziehenden hat sich der Wunsch nach Partnerschaft und Familie nicht erfüllt. Familienaufstellungen machen die Ursachen dafür sichtbar und helfen, dass Liebe gelingt.
Beim Familienstellen geht es um das Sichtbarmachen von Beziehungen. Tiefliegende, oftmals lange zurückliegende Probleme und Schicksalsschläge in der Familie können eine Partnerschaft verhindern oder erschweren.


Wiederkehrende Probleme im Lebensalltag haben aber oftmals nichts mit uns selbst zu tun, sondern ihren Ursprung in einer Vergangenheit, über die Generationen schweigen. So auch bei Lisa. In ihrer Familienaufstellung wurde sichtbar, wie verbunden Lisa mit den Traumata und der Angst der Frauen ihrer Familie war, die im Krieg Schlimmes erlebt hatten. „Im Prinzip habe ich mir die Männer ausgesucht, mit denen es nicht gut gehen konnte. Und damit unbewusst das Ende der Beziehung vorprogrammiert“, erklärt Lisa ihren Leidensweg. Mit Unterstützung der Aufstellungsarbeit hat sie Schritt für Schritt ihre alten Verstrickungen und Muster gelöst. Und lebt heute in einer glücklichen, unbelasteten Beziehung.


Was Lisa schildert ist kein Einzelfall. Das verwundert kaum, wurde doch in den Kriegsgenerationen fast nie über die vergangenen Schicksale und Erlebnisse gesprochen. Bei etwa 90 Prozent meiner Seminarteilnehmer, die mit Beziehungsproblemen zu mir kommen, finden wir die Ursache in der Familiengeschichte.

Das Phänomen der Aufstellungen
Wir sprachen mit Frau Dr. Wirth über Erfahrungen mit Familienaufstellungen und über die Wirkungen der Aufstellungsarbeit


KGS: Die therapeutische Arbeit mit Aufstellungen hat in den letzten Jahren viele Menschen erreicht: Es gibt Systemaufstellungen, Organisationsaufstellungen, Familienaufstellungen, Symptomaufstellungen, um nur einige zu nennen. Gibt es Erklärungen für das Funktionieren von Aufstellungen?“

Dr. Renate Wirth: Das Phänomen der Aufstellungen ist die sogenannte repräsentierende Wahrnehmung. Der Klient stellt Stellvertreter im Raum für die Personen auf, die an seinem Problem beteiligt sind. Diese Personen kennen den Klienten nicht, sie kennen die Personen nicht, die sie vertreten, sie sind also fremd. Das Phänomen dabei ist, dass die Stellvertreter Gefühle wahrnehmen, die nicht zu ihnen selbst, sondern zur Person gehören, für die sie stellvertretend stehen.
Wenn das jemand so sagt, stößt er im Allgemeinen auf Unverständnis und Zweifel. Vom Zweifler zum Glaubenden wird man, wenn man zum ersten Mal in einer Stellvertreterrolle gestanden hat und diese Fremdgefühle am eigenen Leib erlebt hat. Dann erfährt man plötzlich eine völlig neue Dimension der menschlichen Wahrnehmung.


Wie können fremde Menschen plötzlich stellvertretend Wahrnehmungen haben, die sie im normalen Leben nicht erfahren?

Immer mehr Naturwissenschaftler gehen heute davon aus, dass es neben unserer rational zu verstehenden Welt noch eine transmentale oder transrationale Welt gibt, in der sich die Wirklichkeit unserem logischen Denken entzieht. Quantenphysiker sprechen von einem Quantenfeld, in dem alles miteinander verbunden ist und alles mit allem kommunizieren kann.
Es gibt inzwischen wissenschaftliche Studien, die das Phänomen der repräsentierenden Wahrnehmung belegen. Wie dieses Phänomen jedoch wirkt, dazu wird es in den kommenden Jahren mit Sicherheit noch neue Erkenntnisse geben.


In einer Aufstellung können hemmende Beziehungsmuster in einem aufgestellten „System“ erkannt werden?

Aufstellungen wirken auf vier Ebenen. Auf der Körperebene, auf der Erkenntnisebene, auf der Gefühlsebene und auf der Seelenebene. Nun ist es ein Unterschied, ob eine Organisationsaufstellung Strukturen eines Firmenanliegens klären soll oder ein Mensch mit einer Krebserkrankung als Anliegen zur Aufstellung kommt, um nur zwei Beispiele zu nennen.
In der Organisationsaufstellung wird der Aufsteller überwiegend auf der kognitiven Ebene arbeiten, beim Anliegen der Krebserkrankung, wo es um Leben und Tod geht, überwiegend auf der Seelenebene. Das ist jetzt ein wenig plakativ gesagt, um das zu verdeutlichen. Grundsätzlich sind wir als Menschen ja nicht in verschiedene Ebenen aufzuteilen. Natürlich wirken immer alle vier Ebenen mit, aber in unterschiedlichem Ausmaß. Es ist ein Unterschied, ob es um Erkenntnis oder um Heilung geht.


Schafft das Familienstellen also die Möglichkeit, eine neue Erfahrung zu machen, die so im Leben nicht möglich wäre?

Ja, so ist es. Es geht beim Familienstellen meist um Leid und um Schicksal, das Leid verursacht hat. Ein Klient hat selbst Leid oder jemand aus seiner Familie hat leidvolle Erfahrungen gemacht, die sich auf das Leben auswirken. Ist beispielsweise der Vater früh gestorben, ein Geschwister oder jemand in der Familie ist vermisst oder alkoholkrank oder stark behindert oder, oder, oder... Das ist Schicksal. Das geht in der Familie an den anderen nicht spurlos vorbei. Es ist eine leidvolle Erfahrung, mit der müssen alle leben.
In der Aufstellungsarbeit kann der Mensch eine neue Erfahrung machen, die er so im Leben nicht machen kann. Das kann ein Abschied sein oder ein Zustimmen oder was auch immer in der ganz speziellen Situation heilsam ist. In Einklang zu kommen mit allen Menschen aus seinem System. Das ist heilsam. Wenn alle dazugehören dürfen. Und das Herz sich öffnen kann. Für die Liebe.


Was hat denn die Liebe mit Leid zu tun?

Nun, das haben wir ja schon alle mal im Leben erfahren, dass Liebe und Leid in bestimmten Aspekten zusammengehören. Wenn wir das Leid nicht wollen und das Herz für denjenigen verschließen, der es uns angetan hat, dann hat auch die Liebe als zugehöriger Aspekt keine Chance. Und dieses „Liebe-zulassen-können“ im eigenen Herzen, das heilt.


Es geht also darum, als erstes das Leid anzunehmen?

Ja! Aber das sagt sich so einfach. Der Klient kann es nicht. Gerade das ist das Problem. Wenn wir ihm sagen, er soll sein Leid annehmen und Liebe zulassen. Das kann er eben gerade nicht. Es geht einfach nicht. Wenn es ginge, hätte er es ja schon getan.
Wir als Aufsteller müssen den ersten Schritt tun. Das heißt als erstes: Wir nehmen die Situation so ins Herz, wie sie ist. Das Leid, die Täter, die Ausgeschlossenen, alle, die zum System gehören, mit allem, was passiert ist. Ich öffne allen und allem mein Herz. Ohne zu werten. Bin einfach nur da und halte es aus. So baut sich das Feld auf, das sogenannte heilende Feld.
Und es heißt als zweites, dem Klienten die Erfahrung zu ermöglichen, dass zu seinem Leid, zu seinem Hass, seiner Angst oder Wut, seiner Suche und Verzweiflung Liebe gehört. Dass er aus Liebe leidet.
Es geht nur, wenn er diese Erfahrung selbst machen kann. Wenn er diese Erfahrung in seinem Herzen spüren kann, als „innerer seelischer Vollzug im Herzen“, wie mein Freund und Lehrer Harald Homberger so schön sagt.


Können Sie an dieser Stelle nochmal kurz erklären, was ein „innerer seelischer Vollzug im Herzen“ genau bedeutet?

Ja, wie geht das? Was vollzieht sich da im Herzen? Als Aufsteller kann man ja nicht im Herzen des Klienten rumrühren, damit sich etwas „innerseelisch vollzieht“. Man kann keine Lösung „machen“. Wir können nur Angebote machen, die der Klient als neue Erfahrung erlebt. Beispielsweise durch einen Blick in die Augen dessen, der ihm dieses Leid zugefügt hat. Wenn er dessen Liebe sieht, vollzieht sich vielleicht etwas in seinem Herzen. So er kann spüren, wo seine Seele hin will, was sie wirklich will. Oder durch einen Satz. Wenn der Klient ihn als Wahrheit empfindet, kann er eine neue Erfahrung machen, die sein Herz bewegt. Oder durch ein Bild. Wenn er sieht, welchen Bewegungen und Bindungen der andere folgt und unterliegt und wo das eigentlich herkommt, was auf ihn wirkt. Oder durch ein „Ja, so war es“. Durch ein Zustimmen also zu dem, was war. So wie es war.
Diese Erfahrungen sind im „normalen Leben“ außerhalb der Aufstellung nicht möglich. Zum Beispiel den Abschied von einem Toten zu fühlen oder von einem abgetriebenen Kind. Da vollzieht sich Heilung auf der Seelenebene. Das hat mit unserem Denken wenig zu tun. Es vollzieht sich von selbst im Herzen, wenn wir still und achtsam sind.


Gibt es das auch, dass sich nichts bewegt? Dass die Aufstellung keine neuen Erfahrungen und Lösungen zeigt, dass sie sozusagen umsonst war?

Natürlich kann ich nicht für alle sprechen, sondern nur für mich. Ich habe es schon erlebt, dass der Klient die Lösung nicht nimmt. Weil er sich etwas anderes erhofft hat, weil die Lösung vielleicht einen Verzicht bedeutet, zu dem er zu diesem Zeitpunkt nicht bereit ist. Das achte ich dann. Seine Seele führt, nicht ich. Und ich bin im Einklang mit ihm und dem großen Ganzen. Ob die Aufstellung dann umsonst war? Ich glaube das nicht. Der Klient hat eine neue Erfahrung gemacht. Ich bin sicher, das geht im Inneren weiter. Denn er wäre nicht gekommen, wenn nicht ein Aspekt in ihm offen wäre und sucht.
Manchmal, aber eher selten, kommt es vor, dass der Klient das Gefühl hat, er sei im falschen Film und das Ganze habe mit ihm nichts zu tun, es gehe an ihm vorbei. Und auch das geht weiter. Er kann es erst einmal nicht sehen, vielleicht ist er verstrickt oder mit jemandem identifiziert. Oder es kommt zunächst einmal Zorn, der das dahinterliegende Gefühl verdeckt. Und auch das geht weiter.
Es geschieht auch, dass die Aufstellung unmittelbar wirkt, die Wirkung aber sich dann wieder entzieht, energetisch nicht gehalten werden kann. Dann ist ein ertster Schritt getan und es bedarf vielleicht noch einer anderen Lösung im System und eines zweiten Schrittes. Auch das ist möglich.
Ich denke eher, dass die Erwartungen oft sehr hoch sind. Dass der Klient meist erst dann kommt, wenn alles andere nicht geholfen hat. Dann wird das Wunder der Aufstellung manchmal überstrapaziert. Meist wirkt dann erst mal ein kleineres Wunder.
Also, dass sich nichts bewegt glaube ich nicht. Und ich hoffe, dass sich immer etwas zum Guten bewegt, dass sich die Seele zur Liebe und Heilung ausrichtet. Und wenn es nur eine kleine Bewegung ist. Über die Zeit wirkt sie heilsam.


Nun sind Aufsteller auch nur Menschen. Gibt es auch mal keine oder eine falsche Lösung?

Aufstellungen zu leiten ist eine große Verantwortung. Es ist Ernst, kein Spiel. Ich rede hier von der Aufstellungsweise, die als „Bewegungen der Seele“ bezeichnet wird. Man kann sie nur mit größter Achtsamkeit tun. Und mit Liebe. Mit Liebe für den Klienten und für alle, die zu seinem System gehören. Mit Liebe für das große Ganze, das weit über uns hinausreicht und in das wir alle eingebunden sind. Und mit Liebe als Aufsteller für dich selbst. Der Klient muss spüren können, dass du mit dir selbst im Einklang bist, dass du selbst in deiner Mitte bist. Diese Arbeit geht nur mit gegenseitiger Wertschätzung. Und höchster Achtsamkeit für den Moment. Denn der Aufsteller macht ja keine Lösung. Er hält das energetische Feld, damit sich die Lösung vollziehen kann.

www.aufstellungstage.de


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